Theologe Küng zum Papstbesuch "Die Kirche ist krank am römischen System"

Es sind klare Worte. Im SPIEGEL-Gespräch spart der Schweizer Theologe Hans Küng nicht mit Kritik am Papst: Benedikt XVI. vertusche die Kirchenkrise - und der Kult um seine Person erinnere ihn an Wladimir Putin, sagt der ehemals enge Weggefährte des Kirchenoberhaupts.
Theologe Küng: "Vertuschung des kirchlichen Notstands"

Theologe Küng: "Vertuschung des kirchlichen Notstands"

Foto: Hannibal Hanschke/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Beim Deutschland-Besuch des Papstes besteht nach Ansicht des renommierten Schweizer Theologen Hans Küng, 83, "eine gewaltige Diskrepanz zwischen der Fassade, die aufgebaut wird, und der Realität" der Kirche. "Das kirchliche Leben" sei in vielen Ländern auf Gemeindeebene weithin zusammengebrochen, sagte Küng im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Doch "die kirchliche Hierarchie hat bisher den Mut nicht aufgebracht, ehrlich und ungeschönt zuzugeben, wie die Lage wirklich ist". Angesichts "der Vertuschung des kirchlichen Notstands" lautet Küngs Diagnose, "dass die Kirche krank ist am römischen System". Die Bilder vom Papst-Event würden eine mächtige Kirche vorgaukeln.

"Man weiß inzwischen, dass diese Events für die Gemeinden kaum etwas bringen", warnt der einst enge Weggefährte von Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI. "Wir haben hinterher nicht mehr Gottesdienstbesucher, wir haben nicht mehr Priesteranwärter, wir haben nicht weniger Austritte."

Benedikt XVI. wird in der kommenden Woche Deutschland besuchen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hofft, dass die Visite katholische und evangelische Christen näher zusammenbringt. Die Ökumene stehe im Mittelpunkt der Visite, sagte die CDU-Chefin am Samstag in ihrer wöchentlichen Videobotschaft. Der Papst will sich nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" auch mit Missbrauchsopfern treffen. Daran sollen zudem Menschen teilnehmen, die sich des Leids der Missbrauchsopfer besonders angenommen haben, schreibt das Blatt. Weiter gestritten wird derweil über den geplanten Auftritt des Papstes im Bundestag. Mehrere Unionspolitiker nannten den angekündigten Boykott der Rede durch Oppositionsabgeordnete am Samstag beschämend.

Küng kritisiert im SPIEGEL-Gespräch einen "Personenkult sondergleichen, der im Widerspruch zu all dem, was im Neuen Testament zu lesen ist" stehe. "Heute frage ich mich, ob wir nicht in einer Phase der Putinisierung der katholischen Kirche stehen", meint Küng, denn es bestünden strukturelle und politische Ähnlichkeiten zwischen dem russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin und der Restaurationspolitik der Päpste im Vatikan nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das eigentlich eine Erneuerung und ökumenische Verständigung auslöste.

"Praktisch haben Ratzinger wie Putin ihre ehemaligen Mitarbeiter in führende Positionen gebracht und andere, die ihnen missliebig waren, kaltgestellt." Und "in diesem System haben Denunzianten wieder Hochkonjunktur. Jeder reformorientierte Pfarrer in Deutschland, auch jeder Bischof, muss Angst haben, dass er in Rom denunziert wird. Die Folge sei, so Küng: "Dass unter dem deutschen Papst sich eine kleine vorwiegend italienische Clique von Jasagern an die Hebel der Macht setzen konnte, die kein Verständnis für Reformforderungen hat."

suc/dpa
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