Therapie-Tagebuch Der Lastwagen auf der Wirbelsäule

Geteilter Schmerz ist halber Schmerz - das muss nicht stimmen. Jedenfalls nicht, wenn man selber Schmerz empfindet und den anderer lindern möchte. So ergeht es SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem. Weihnachten konnte für ihn nicht schnell genug über die Bühne gehen.


Samstag, 23. Dezember, früher Nachmittag, Linda und ich sitzen im ICE nach Düsseldorf. Unsere beiden Familien wohnen im Rheinland, dort wollen wir die Weihnachtstage verbringen. In diesem Jahr werden wir Heiligabend zum ersten Mal alle gemeinsam feiern. Anfang des Jahres sind Lindas Großvater und meine Großmutter gestorben, unsere Familien sind dezimiert, vor allem Lindas - nur noch sie, ihre Großmutter und ihre Mutter. Die Lücke, die der Tod des geliebten Opas gerissen hat, klafft besonders weit. Vielleicht sind der Verlust und der Schmerz weniger spürbar, wenn wir alle zusammen sind.

Wenn der Druck zu groß wird, muss Jörg Böckem raus und tief durchatmen: "Es ist dunkel da draußen, dichter, feuchter Nebel hängt über der Landschaft und verwischt alle Konturen. Die Welt eine grauschwarze, formlose Masse. Genauso fühle ich mich auch."
DDP

Wenn der Druck zu groß wird, muss Jörg Böckem raus und tief durchatmen: "Es ist dunkel da draußen, dichter, feuchter Nebel hängt über der Landschaft und verwischt alle Konturen. Die Welt eine grauschwarze, formlose Masse. Genauso fühle ich mich auch."

Anfangs schien mir das ein guter Plan zu sein. Mittlerweile verfluche ich ihn. Am Abend zuvor habe ich mir die 16. Interferonspritze gesetzt, ich fühle mich schrecklich, alles ist mir zu viel, die ganze Welt malträtiert meine Nerven - der Taxifahrer, der einen Umweg fährt, der Fahrkartenautomat der Bahn, der mein vorbestelltes Ticket nicht rausrücken will, die Menschenmassen auf dem Bahnhof und im Zug, sogar Linda nervt mich.

Der Gedanke an die vor mir liegenden Feiertage erst recht. Die finstere Stimmung beißt sich in mir fest, vielleicht bin ich es auch, der sich in der schlechten Laune verbeißt und nicht loslassen kann. Ich weiß, ich bin unausstehlich – ich nörgele und schimpfe in einer Tour, ich hacke auf Linda herum, aber ich kann nicht aufhören. Vor allem gehe ich mir selbst auf die Nerven.

Ich will zurück, nach Hause, sofort. Zurück in meine Wohnung, auf mein Sofa, dahin, wo alles ruhig ist, friedlich und überschaubar. Wo alles meins ist. Mit jedem Kilometer wird das Gefühl stärker, drängender, so, als würde ich an einem unsichtbaren Gummiband hängen, steigt die Spannung in meinem Inneren stetig an, zerreißt mich schier.

Zu den üblichen Nebenwirkungen, die mir an den ersten Tagen nach meiner wöchentlichen Spritze besonders zusetzen, kommen die Rückenschmerzen. Mittwochnacht habe ich mir einen Hexenschuss zugezogen, meine Lendenwirbelsäule fühlt sich an, als würde ein LKW auf meinem Rücken parken, jede Bewegung schmerzt, die Reisetasche scheint Tonnen zu wiegen. Die fünfeinhalb Stunden im Zug sind ein Alptraum.

Am heiligen Abend wird es noch schlimmer. Sicher, alle sind sehr verständnisvoll und bemühen sich, Rücksicht auf mich zu nehmen. Trotzdem, das alles ist zu viel für mich, viel zu viel. In den vergangenen vier Monaten habe ich an den Tagen nach der Spritze meine Wohnung nur zum Brötchen holen verlassen, habe lange geschlafen, ausgiebig gefrühstückt und dann den Rest des Tages auf dem Sofa verbracht, nur Linda und ich, eine Zeitung, Comics und der Fernseher. Jetzt sind überall Menschen, ständig redet einer, meist sogar mehrere gleichzeitig.

Ich bin überfordert, jede Sekunde, jede Minute. Auch wenn ich hier, im Haus meiner Eltern, aufgewachsen bin, fühle ich mich fehl am Platz, irgendwie gestrandet. Meine Haut, meine Barrieren, sind auf Pergamentstärke runter geschmirgelt, ich bin ständig gereizt, vor allem Linda leidet darunter. Mir fehlt meine Wohnung, mein Sofa, mein Computer - meine Rituale und mein Rückzugsraum.

Wenn der Druck zu groß wird, stehe ich auf und gehe vor die Tür oder auf die Terrasse, atme tief durch. Es ist dunkel da draußen, dichter, feuchter Nebel hängt über der Landschaft und verwischt alle Konturen. Die Welt eine grauschwarze, formlose Masse. Genauso fühle ich mich auch. Der Begriff Weihnachtshorror bekommt eine ganz neue Bedeutung.

Die Antidepressiva-Dosis muss erhöht werden

In der Nacht wird es dann richtig finster. Linda und ich schlafen in meinem alten Zimmer, im Keller des Bungalows meiner Eltern. Mit einem Mal macht der Raum mir Angst. Die Dunkelheit droht mich zu verschlingen, die tiefe Decke erdrückt mich. Ich gehöre hier nicht hin, alles ist falsch, schrecklich falsch. Sogar Lindas warmer Körper neben mir fühlt sich fremd an, die Berührung ist nicht tröstend und vertraut wie sonst. Alles fremd, alles falsch. Vor allem ich.

Mittwochnacht hatten mich die Rückenschmerzen um den Schlaf gebracht, Donnerstag habe ich dann die Dosis meines Antidepressiva von 37,5 Milligramm auf die von meinem Arzt empfohlenen 50 Milligramm erhöht. Zum einen, weil ich schlafen wollte, zum anderen, weil ich es leid war, eine der beiden 25 mg Tabletten zu halbieren. Die Nebenwirkungen waren am Ende beinahe vollständig verschwunden, eine so geringfügige Steigerung, dachte ich, würde wohl in Ordnung gehen. Zumal ich mich mit 50 Milligramm immer noch an der unteren Dosisgrenze befand. Ein schwerer Fehler, wie mir scheint. Möglich, dass die Angstzustände auch durch diese Dosissteigerung ausgelöst werden. Also wieder runter dosieren, sofort! "Der Unterschied zwischen Medizin und Gift liegt allein in Dosierung", wusste schon Paracelsus.

Montag besucht mich Kiara und stellt mir ihren neuen Freund vor. Kiara ist 17, ihre Mutter und ich waren Ende der Achtziger ein Paar. Ich bin nicht ihr leiblicher Vater, aber ich war dabei, als Kiara geboren wurde, als sie reden und laufen lernte und auch wenn die Beziehung zu ihrer Mutter irgendwann scheiterte, sind wir uns immer noch sehr nahe. Wir sehen uns alte Videos an. Kiara ist anderthalb in diesem Film, zusammen mit meinen Eltern machen wir Urlaub auf Kreta. Ich bin ein Junkie zu dieser Zeit, der Urlaub ist für mich gleichzeitig eine Entgiftung. Damals im Entzug, erinnere ich mich, habe ich mich ähnlich gefühlt wie heute - konstant überfordert und aus der Welt gedrückt.

Dienstag normalisiert sich mein Zustand langsam, Gott sei Dank. Ich telefoniere mit Georg, es tut gut, mit jemandem zu reden, der meine Verfassung aus eigener Erfahrung kennt. Danach lese ich meine Mails. Einige Leser haben geschrieben, erzählen von ihren Erfahrungen mit der Hepatitis-C-Therapie und den Antidepressiva. Es ist tröstend, das zu lesen. Es scheint nicht nur mir so zu gehen - das Netzt ist voll mit Selbsthilfeforen, in denen Hepatitisinfizierte ihre Erfahrungen austauschen.

Mittwoch bin ich wieder zu Hause, endlich! Jetzt wird wieder alles gut.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.