Therapie-Tagebuch Ein Braunbär im Wohnzimmer

Erst süchtig, dann mit Hepatitis C infiziert - und nun? Einerseits ist da die Angst, von der Therapie so depressiv zu werden, dass man rückfällig wird. Anderseits scheinen Ex-Junkies leidensfähiger. SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem bereut seine Therapie nicht - auch wenn sein Zustand tierisch wird.


"Warum tun Sie sich das an?" fragt die Frau. Freitagnachmittag, ein Symposium in Berlin, ich bin zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Im Publikum lauter Suchtmediziner, auch die Frau ist Ärztin, sie betreut süchtige Patienten, der größte Teil von ihnen ist mit Hepatitis C infiziert. Sie spricht mich in der Pause an, sagt, es falle ihr oft sehr schwer, ihre Patienten zu einer Hepatitis-C-Therapie zu bewegen, viele schreckten die Nebenwirkungen und die unsicheren Heilungschancen.

Wie ein Braunbär, dem der Winterschlaf verwehrt wird: Böckem fühlt sich tierisch
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Wie ein Braunbär, dem der Winterschlaf verwehrt wird: Böckem fühlt sich tierisch

"Was ist Ihre Motivation?" fragt sie. "Warum haben Sie sich zu der Behandlung entschieden?" Eine wichtige Frage, denke ich. Jeder, der sich für die Therapie mit Interferon und Ribavirin entscheidet, nimmt eine beträchtliche Beeinträchtigung seines Alltags, körperliche und psychische Probleme sowie eine Belastung von Partnerschaft und Beruf in Kauf. Dafür muss man wohl tatsächlich gute Gründe haben.

Ich sehe in der Behandlung in erster Linie eine Investition in die Zukunft. Nach deren Ende möchte ich heiraten und Kinder haben. Ein neues Kapitel in meinem Leben beginnen, gesund und im Vollbesitz meiner Kräfte, ohne dass eine mögliche Leberzirrhsose meine Zukunft bedroht und ohne die latente Gefahr, meine Freundin zu infizieren. Vor Beginn der Behandlung habe ich mich weder gesund noch belastbar gefühlt, mit zehn Millionen Viren pro Milliliter Blut ist die körperliche Leistungsfähigkeit deutlich eingeschränkt.

Suchterfahrung härtet gegen Nebenwirkungen der Therapie ab

Es lohnt sich, 48 Wochen zu investieren, wenn ich am Ende dadurch Jahrzehnte gewinnen kann. Trotz aller Schmerzen und Schwierigkeiten: Ich habe meine Entscheidung für die Therapie noch nie bereut. Außerdem denke ich, dass die Haltung, mit der wir etwas tun, das Ergebnis maßgeblich beeinflusst. Ich glaube fest an den Erfolg meiner Behandlung.

Ein anderer Arzt sagt, er habe in seiner Praxis die Erfahrung gemacht, dass Patienten mit leidvollen Suchterfahrungen oft besonders belastbar und leidensfähig seien und mit den Nebenwirkungen der Therapie verhältnismäßig gut zurecht kämen. Klingt nachvollziehbar, viele der Nebenwirkungen erinnern an vertraute Entzugssymptome und letzten Endes ist die Hepatitis-C-Behandlung auch mit einer stationären Drogentherapie vergleichbar. Meine Erfahrungen mit Entzug und Drogentherapie helfen mir sicher – ich habe gelernt, dass jedes Elend irgendwann vorüber geht, dass ich dafür sorgen kann, dass es vorüber geht. Und dass mein Leben anschließend besser ist. Diese Erfahrung macht vieles leichter.

Am Abend treffe ich Erik, wir essen zusammen. Erik hat am Dienstagabend seine erste Interferonspritze bekommen. Er ist mit dem Genotyp 3 des Hepatitis-C-Virus infiziert, seine Therapie wird voraussichtlich 24 Wochen dauern. Die ersten drei Tage hat er hinter sich. Die erste Nacht und der folgende Tag, sagt er, seien fürchterlich gewesen, er habe gespürt, wie seine Muskulatur verhärtet und verkrampft, nach drei oder vier Stunden kamen die Kopf- und Gliederschmerzen, der Schüttelfrost. Schlafen sei fast unmöglich gewesen.

"Jeden Tag," sagt er, "fühlt sich mein Körper schwerer an, obwohl ich täglich an Gewicht verliere." Erik machen vor allem die psychischen Nebenwirkungen der Therapie Sorgen. Depressive Stimmungen, fürchtet er, könnten einen Drogenrückfall nach sich ziehen. "Wenn ich depressiv werde, ist mir oft alles egal. Dann kommen Heroin und Kokain mir wieder nah." Vielleicht auch ein Grund dafür, dass sich Infizierte mit Suchterkrankung vor der Behandlung scheuen.

Therapie will nicht nur durchlitten sein

Erik ist Kampfsportler, er trägt den schwarzen Gürtel. Sonntags und montags gibt er Unterricht, das möchte er so lange wie möglich beibehalten. Ein Grund dafür, dass er seine wöchentliche Spritze auf den Dienstag gelegt hat. Ein anderer ist, dass seine Kinder während der Woche in Schule und Krippe versorgt sind, an den Wochentagen ist es für Erik einfacher, eine Auszeit zu nehmen. Am Wochenende wäre das kaum möglich.

Erik hat die Behandlung gut vorbereitet, neben seinem betreuenden Arzt besucht er einen Psychotherapeuten. Und da seine Beziehung im Moment nicht sehr stabil ist, haben seine Freundin und er sich zu einer Paartherapie entschieden, unter anderem, um die Belastung durch die Behandlung abzufangen. Auch sein Arbeitgeber weiß von der Behandlung. Er ist darauf eingestellt, dass Erik möglicherweise länger ausfällt.

Seit einigen Monaten, sagt Erik, befinde sich sein Leben in einer Umbruchphase. Alles stehe auf dem Prüfstand, seine Beziehung, seine Wohnsituation – er lebt seit Jahren in einem besetzten Haus. Die Entscheidung für eine Hepatitis-C-Behandlung scheint oft in solche Phasen der Orientierung und Weichenstellung zu fallen oder sie gar zu fördern. Wenn ich so viel Zeit und Kraft in eine Behandlung und damit in die Zukunft investiere, ist es wohl naheliegend, Bilanz zu ziehen und auch in anderen Lebensbereichen Weichen zu stellen. Erik sagt, er sehe die Behandlung auch als eine Herausforderung, eine spannende Erfahrung. Er hat Recht – die Therapie will nicht nur durchlitten sein, wir können diese Erfahrung für uns nutzen. Die Behandlung bringt nicht nur auf medizinischer Ebene einen Gewinn.

Meine 21. Spritze setze ich mir nach der Rückkehr aus Berlin, spät in der Nacht. In den Tagen, die folgen, zahle ich den Preis für die strapaziöse Reise: Ich bin völlig ausgebrannt, konzentriertes Arbeiten ist schier unmöglich. Ich fühle mich wie ein Kanarienvogel, dem man abends ein Handtuch über den Käfig wirft. Nur, dass mein Handtuch schon kurz nach dem Aufwachen fällt. Überhaupt ist mein Zustand irgendwie tierisch – ich haare wie ein Bernhardiner im Frühsommer und trotte durch die Wohnung wie ein Braunbär, dem der Winterschlaf verwehrt wird. Ohne die Spiele der Handballnationalmannschaft würde wohl gar kein Adrenalin durch meinen Körper fließen. Aber das ist in Ordnung so, ich habe mir die Tage frei gehalten von Verpflichtungen. Dienstag fühle ich mich wieder halbwegs menschlich. Die Woche kann beginnen.



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