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26. August 2019, 11:53 Uhr

Debattenkultur in Deutschland

Der Siegeszug der Lüge

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Die Angst vor "kriminellen Ausländern" oder der "Lügenpresse" nimmt weiter zu - was belegt: Die Wahrheit dringt längst nicht immer durch. Und es wird schwieriger, diesen Trend zu stoppen.

Rutscht Deutschland nach rechts? Spaltet sich die Gesellschaft in verfeindete Lager, wachsen die Unterschiede zwischen Ost und West? Die "Thesen zum Riss" gehen diesen Fragen nach - sie sind überarbeitete Auszüge aus dem Buch "Die Reise zum Riss", das den gesellschaftlichen Wandel anhand von Reportagen aus allen Ecken der Republik diskutiert.


Wissen Sie noch, wann es anfing, wo und wie genau? Populisten, die durch Innenstädte und in Landesparlamente ziehen. Flüchtlinge, die in Dörfern und Städten ein neues Leben anfangen. Extremisten, die Asylunterkünfte anzünden oder vermeintlich Ungläubige angreifen. Und Menschen, die mit diesen Veränderungen umgehen müssen. Viele Menschen. Wir alle.

Über die Jahre ist ein regelrechtes Sammelsurium mehr oder weniger präziser Begriffe entstanden, die diese Umwälzungen beschreiben sollen: Von einer Polarisierung und einem Riss durch die Gesellschaft gehen Beobachter und Experten aus. Andere sprechen lieber von einem Rechtsruck - der sich bei den Wahlen in diesem Jahr vor allem in Ostdeutschland zu manifestieren scheint. Aber was genau ist da verrutscht, zerrissen?

Wohl niemand kann genau sagen, wann das alles anfing, wo und wie genau. Für mich ging es am 26. Juni 2015 los. Im sächsischen Freital, vor einem Wohnheim für Asylsuchende, kamen an diesem warmen Abend 50 weitere Bewohner in einem Reisebus an. Die sichtlich erschöpften Frauen, Männer und Kinder stiegen gerade aus, als Dutzende Demonstranten zu einem Sprechchor ansetzten: "Kriminelle Ausländer - raus, raus, raus!"

Die Szene war verstörend und blieb mir deshalb in Erinnerung: Wie konnte die brüllende Masse diesen offenkundigen Widerspruch einfach ignorieren? Die einzige Straftat, die man einigen der Businsassen hätte vorwerfen können, war vermutlich illegale Einwanderung (weil es nahezu unmöglich war, als Syrer oder Afghane formal auf legale Weise ins Deutschland des Jahres 2015 einzureisen).

Um solche juristischen Feinheiten jedoch dürfte es den Demonstranten kaum gegangen sein: Fakten waren gleich zu Beginn der Zuwanderungsdebatte zur Nebensächlichkeit verkommen und wurden seitdem zunehmend ersetzt durch Vermutungen, Verdächtigungen, Vorurteile. Auch und gerade mithilfe manipulativer Sprache.

An der Sprachschöpfung des "kriminellen Ausländers" zeigt sich diese Manipulation des Diskurses exemplarisch. Die Methode ist so einfach wie effektiv: Je häufiger von "kriminellen Ausländern" die Rede ist, desto selbstverständlicher erscheint der vermeintliche Zusammenhang zwischen beiden Wörtern. Die fatale Formel, die daraus folgt: Ausländer sind in der Regel kriminell, Kriminelle in der Regel ausländisch.

Und weil ein konsequentes Vorgehen des Rechtsstaats gegen Kriminelle grundsätzlich zu begrüßen ist, kommt auch die Forderung nach einem harten Umgang mit Ausländern gut an. Weil ja beide Gruppen quasi identisch sind - jedenfalls dieser unlogischen Logik zufolge, die in erster Linie Beleg ist für eines: Rassismus, der mit objektiver Wahrheit kaum etwas zu tun hat.

Der "kriminelle Ausländer" ist nicht das einzige Feindbild, das durch künstliches Nebeneinanderstellen mehrerer Wörter entstanden ist, "Lügenpresse" etwa funktioniert nach demselben Prinzip: Der Begriff liefert die gewünschte Interpretation gleich mit, nämlich dass Journalisten angeblich grundsätzlich die Unwahrheit berichten.

Diese Methode ist simpel. Aber es gibt eine ebenso simple Methode, diese Form der Wirklichkeitsverzerrung einem Lügendetektor zu unterziehen: Streicht man den wertenden Begriffsbestandteil (in der Regel den ersten), bleibt der neutrale Wortnukleus stehen: Aus "Lügenpresse" wird "Presse", aus "kriminellen Ausländern" werden "Ausländer".

Die Menschen in Freital haben 2015 eben nicht gegen Lügner und Kriminelle demonstriert, sie haben pauschal Stimmung gemacht gegen Migranten und Medien (wobei Letztere damit professionell umgehen können sollten, so ärgerlich und kraftraubend das auch sein mag).

Sprache gehört zu den wichtigsten Waffen in diesem Krieg gegen die Fakten. Wer Wörter verbiegen kann, vermag auch Debatten in die gewünschte Form zu zwingen. Je häufiger von "Umvolkung" statt von Migration, von "Invasoren" statt von Zuwanderern die Rede ist, desto selbstverständlicher wird der damit verbundene Rassismus Teil des kollektiven Denkens.

Leider ist das Problem ziemlich komplex, es fängt schon mit einem vordergründig unschuldigen Begriff wie dem des "Ausländers" an. Wer Wutbürgern etwa "Ausländerfeindlichkeit" attestiert, tappt bereits in die Falle. Denn die Menschen, die in Freital gegen ihre neuen Nachbarn demonstrierten, hätten wohl kaum ein Problem gehabt mit einer Gruppe französischer Austauschschüler, tschechischer Grundschullehrer oder kanadischer Designer. Ein Schwarzer aber, auch einer mit deutschem Pass, muss durchaus befürchten, in Deutschland angefeindet zu werden. Wegen seiner Hautfarbe.

In Freital offenbarte sich weder eine begründete Sorge vor Kriminalität noch eine feindliche Gesinnung gegenüber Ausländern. Sondern Rassismus.

Dieses Beispiel zeigt, wie sehr die vielleicht wichtigste Grundlage der Debattenkultur in Gefahr ist: die Wahrhaftigkeit der Sprache. Wie soll eine Gesellschaft die gewaltige Aufgabe der Zuwanderung und Integration Hunderttausender Menschen angemessen diskutieren und bewältigen, wenn schon bei der Wortwahl kein Konsens mehr herrscht?

Offenbar schwächt solch ein kollektiver Realitätsverlust die Gesellschaft als Ganzes, während er jene Gruppen stärkt, die den Siegeszug der Unwahrheit selbst vorantreiben. So nährt etwa das Gebaren Donald Trumps als US-Präsident einen beängstigenden Verdacht: Je waghalsiger Behauptungen ausfallen, je einfacher sie als Unsinn zu enttarnen sind, desto stärker binden sie die Anhängerschaft an den Lügner und dessen Lügen.

"Schuldkult", "Globalisten", "Kulturbereicherer"

In rechten Internetforen vermehren sich beispielsweise seit Jahren die kühnsten Behauptungen darüber, welch königliche Privilegien Zuwanderer in Deutschland angeblich genießen - selbstverständlich stets auf Kosten des geschröpften kleinen Mannes, der dafür Steuern und seine kulturelle Identität opfern muss.

Ins gewünschte Narrativ verpackt werden solche Märchen mithilfe einschlägiger Vokabeln, die in völkischen, nationalen und rechtsextremen Kreisen eine spezifische Bedeutung haben und häufig für komplexe Verschwörungstheorien stehen - "Bevölkerungsaustausch" zum Beispiel, "Globalisten" oder "Schuldkult".

Allein für Migranten gibt es gleich mehrere Synonyme, allesamt voll gehässiger Ironie: "Fachkräfte", "Goldstücke", "Kulturbereicherer". Wer so spricht, setzt das eigene Weltbild als unanfechtbare Realität voraus und lehnt jede sachliche Auseinandersetzung darüber ab. Ein bisschen Polemik hat noch keiner Debatte geschadet, von ein bisschen Polemik kann aber schon längst keine Rede mehr sein.

Die Wahrheit ist: Der Erfolg solcher Ausdrücke in bestimmten Milieus zeugt vom Siegeszug der Lüge.

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