Thronbesteigung in Japan Neuer Kaiser, alte Probleme

Die Thronbesteigung Naruhitos zeigte auch die Schattenseiten des japanischen Kaiserhauses: Frauen bleiben bei wichtigen Dingen unerwünscht. Und die Distanz zum alten Kriegskaiser Hirohito fehlt immer noch.

JIJI PRESS/POOL/EPA-EFE/REX

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Es war nur ein Detail, aber es besagte viel. Der gerade abgetretene Kaiser reichte seiner Frau, der ebenfalls gerade ihres Amts entledigten Kaiserin Michiko, auf den Stufen seines Throns noch einmal die Hand. Einen Tag später, bei seiner Thronbesteigung, tat dies der neue Kaiser nicht. Er drehte sich nicht einmal zur neuen Kaiserin neben ihm um, Masako musste im gebührenden Abstand verweilen.

Dennoch: Wenn nicht alles täuscht, dann ist der neue japanische Kaiser Naruhito, der am Mittwoch um 3 Uhr 30 europäischer Zeit erstmals seinen Thron im Kaiserpalast in Tokio bestieg, ein genauso demokratisch und pazifistisch gesinnter Monarch wie sein Vater Akihito. Nur: Gezeigt hat er das bei der Thronbesteigung nicht - wohl, weil er es nicht konnte.

Akihito dankte am Dienstag nach 30 Jahren auf dem Thron im Alter von 85 Jahren ab. Damit unterstrich er noch einmal seine Rolle als Revolutionär im Kaisergewand. Denn ohne ein neues Gesetz, das er selbst gegen die Regierungsmeinung in Auftrag gab, hätte er nicht abdanken können. Und doch ist damit nicht gesagt, ob sein Sohn Naruhito ihm in seiner so besonderen Rolle folgen kann.

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Japan: Kaiser Naruhito besteigt den Thron

Die kleine Szene im Umgang mit der Kaiserin zeigte das. Jeder Schritt, jede Handbewegung, jedes Wort einer kaiserlichen Abdankung und Thronbesteigung in Japan sind vom kaiserlichen Hofamt vorgeschrieben.

Das Hofamt zählt tausend Beamte. Es ist eine Art Vatikan, eine seit dem 8. Jahrhundert überlebende Institution, deren ureigener Auftrag es ist, das japanische Kaiseramt und seine Traditionen, auch die schlechtesten, bis in die kleinsten Details zu bewahren. Also hat sich Naruhito vermutlich nach Vorschrift verhalten, als er seine Gemahlin bei der Thronbesteigung nicht anrührte - es tobt ja seit Jahren ein in jeder Sushi-Bar des Landes heftig geführter Streit, ob Frauen in Zukunft auch den Thron besteigen dürfen. 80 Prozent der Japaner sind laut Umfragen dafür. Aber fast alle, die in Hofamt und Regierung den Ton angeben, sind dagegen. Und sie setzten sich auch dieses Mal durch.

Eine einzige Frau bei der Thronbesteigung

Als Naruhito mit seiner ersten Amtshandlung auf dem Thron am Mittwoch die kaiserlichen Throninsignien Japans entgegennahm (darunter das legendäre Grassschneider-Schwert, das nach der Legende eigenhändig das Gras mähte, in dem der Prinzenheld Yamatotakeru, eine Art japanischer Siegfried, von Aufständischen verbrannt werden sollte, und ihm so das Leben rettete), stand die neue Kaiserin nicht neben ihm. Nur Männer vollzogen das alte Ritual.

Als einzige Frau im Thronbesteigungssaal des Kaiserpalastes durfte Frauenministerin Satsuki Katayama, Japans einziges weibliches Regierungsmitglied, teilnehmen. Anschließend betonte der staatliche Fernsehsender NHK die "historische Begebenheit", dass erstmals eine Frau, nämlich Katayama, bei der Zeremonie dabei war. Doch das nahm bei der Live-Übertragung des Ereignisses aus dem Kaiserpalast kaum jemand wahr.

Alle hatte dagegen am Vortag gesehen, wie der alte Kaiser Akihito seine Frau an die Hand nahm. Viele Kommentatoren bemerkten die ungewöhnliche Geste, sahen in ihr einen Ausdruck der "Partnerschaft, die Akihitos Ära prägte" (NHK). Umso deutlicher trat damit noch einmal die Vorreiterrolle Akihitos hervor, der vermutlich entgegen den Anweisungen des Hofamtes und aus Eigeninitiative seine Frau eskortierte. Umso schwerer aber wird es für Naruhito, es in solchen Situationen seinem Vater gleich zu tun.

Wie sehr ihn das Hofamt zwingt, auch die fragwürdigsten Traditionen des Hauses nicht in Frage zu stellen, machte schon die erste Ansprache Naruhitos am Mittwoch deutlich: "Bei meiner Thronbesteigung schwöre ich, dass ich mit aller Kraft über den Kurs seiner Majestät, dem emeritierten Kaiser, reflektieren werde und den Weg der vergangenen Kaiser stets beachten werde," sagte Naruhito im Tokioter Kaiserpalast vor 266 Regierungsgästen.

Kriegsverbrechen im Namen des "Gottkaisers"

Damit bekannte sich Naruhito auch zu seinen entfernteren Vorgängern, zu denen nicht zuletzt sein Großvater, Kriegskaiser Hirohito, zählt. Hirohito hielt von 1926 bis 1989 den Kaiserstuhl inne und wurde noch zu seinen Lebzeiten bis Kriegsende als Gottkaiser verehrt. In seinem Namen führte Japan den Zweiten Weltkrieg, bei dem die damaligen kaiserlichen Armeen schlimmste Kriegsverbrechen begingen, vor allem in China und Korea.

Nun stehen gerade die Namen Akihitos und Naruhitos für eine sensible, selbstkritische Aufarbeitung der japanischen Geschichte. Erst im Jahr 2015 verlangte Naruhito von den Generationen, die den Krieg erlebten, "die tragische Kriegsgeschichte Japans korrekt an diejenigen zu vermitteln, die sie nicht erlebten." In Japan interpretierten dabei viele den Begriff "korrekt" als kaum verhüllte Kritik an den revisionistischen Positionen des seit 2012 amtierenden Premierministers Shinzo Abe, dessen großes Ziel es bis heute ist, Japans pazifistische Friedensverfassung von 1947 zu ändern.

Von Abe ist bekannt, dass er sich den Kaiser als reinen Zeremonienmeister wünscht, nicht als eigenständig handelnde politische Person. Schon Gottkaiser Hirohito wurde von Politikern und Generälen selten nach seiner Meinung zu ihren Schandtaten befragt, die sie gleichwohl in seinem Namen verrichteten. In dieser "grenzenlosen Verantwortungslosigkeit", die erst die Schirmherrschaft des Kaisers ermöglichte, sah einst der japanische Nachkriegsphilosoph Masao Maruyama das entscheidende Argument für die Abschaffung des Kaiseramtes.

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Die amerikanische Besatzungsmacht war nach dem Krieg bekanntlich anderer Meinung. Aber die Diskussion ist bis heute nicht beendet. Lebte er noch, könnte Maruyama fragen: Wer seiner Frau nicht die Hand reicht, führt der nicht vor, wie verantwortungslos er ist? Sicher ist, dass die Traditionalisten in Regierung und Hofamt Naruhito bedrängen werden, keine Alleingänge wie sein Vater zu machen.

Übrigens sendete der Staatssender NHK nach der Thronbesteigung nur Grüße aus Thailand und Großbritannien. Anderswo, insbesondere in den Nachbarländern, bleibt jeder neue japanische Kaiser kraft seines Amtes umstritten. Warum, das verriet dieses Mal auch der so versöhnliche Abtritt der alten Kaiserin Michiko und der so kühle Antritt der neuen Kaiserin Masako.



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Seite 1
kaiser.friedrich 01.05.2019
1.
Koennt ihr beim SPIEGEL nicht einfach mal aufhoeren, staendig eure linke Identitaetspolitik ueberall reinwuergen zu muessen? Japan hat die aelteste Monarchie der Welt. Das aktuelle System ist aelter als die meisten Staaten Europas und Amerikas sowieso. Kein Mensch in Japan hat Interesse das zu aendern, insbesondere will da niemand - auch die Frauen nicht - eine Frauenquote.
GueMue 01.05.2019
2. Der spiegel weiss einfach alles
Keiner der Reporter kann irgendetwas schreiben ohne die aktuelle Diskussionskultur in Deutschland als weltverbindlich zu halten. Die Japaner hatten immer eine machtlose Figur als Kaiser. Auch Hirohito war machtlos. Das Geruecht geht, dass er nach der Nagasaki Atombombe einfach die Stimmen der Kriegsbefuerworter ignoriert habe und trotz Machtlosigkeit damit den Krieg beendet hat. Man stelle sich vor, wir haetten eine solche Institution gehabt? Aber es gab ja noch keinen SPON.
tijo 01.05.2019
3. @#1 Keine Frauenquote?
Ich las da gerade was von wegen "80 %" (das sind immerhin 4/5 der Bevölkerung) der Japaner wollen, dass auch Frauen das Kaiseramt übernehmen können... Aber gut, das passt natürlich nicht in Ihr Bild von der guten, alten Zeit... Ergo, alles linke Fakenews!!!1!!11!!1!!1!! Im Ernst -- Japan kann durchaus stolz auf die Kultur und, zu weiten Teilen, auch die Haltung ihres Volkes sein; jedoch heißt "alt" weder automatisch "gut" noch "richtig". Es ist also nicht verkehrt, auch alte Traditionen kritisch zu hinterfragen. Es ist natürlich, dass Menschen Angst vor Veränderung haben. Aber schon im Kinderbuch "Bambi" steht geschrieben: "Wenn man am Leben bleiben will, muss man sich bewegen!"
m.klagge 01.05.2019
4. Mal kurz vorweg, mein lieber kaiser.friedrich:
Wo gibt es im Flachblatt der Neoliberalen "linke Identitaetspolitik"? Bei SPON gibt es in unerschöpflicher Menge politisch ober-korrekte Namenstänzer, die auf Teufel komm 'raus für ihre Religion aposteln. Der Möchtegern Journalist, der für diesen Schreibversuch zuständig ist, ist einer der eifrigsten Dummschwätzer in dieser Sache. Im Übrigen ist es extrem sexistisch, dass nur Frauen Kinder gebären können. So durch die Blume gesagt.
keine Zensur nötig 01.05.2019
5. Entseztlich -
ohne Genehmigung der Deutschen, vornehmlich der grün-links-feministisch Drehenden, erlaubt sich eine uralte Nation tatsächlich: - einen Mann als Chef - keine Frau auf dem Thron - wozu überhaupt ein Thron? - stolz auf ihre Geschichte zu sein - sich nach 70 Jahren nicht kübelweise selbst mit Dreck zu bewerfen usw. usf. Bei solchen Aufsätzen bleibt nur noch der Ratschlag - Arzt aufsuchen oder selbst einweisen. Dass der eigene Selbsthass so auf andere Nationen übertragen wird, kann nicht normal sein. Aber gleichzeitig Soldaten in fremde Länder schicken, um die eigenen "Werte" zu vermitteln. DAS machen die Japaner nicht.
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