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02. Mai 2018, 15:12 Uhr

Fotoserie

Wenn diese Tischtennisplatte reden könnte ... Sie kann!

Interview von

Vor einem Studentenwohnheim in Leipzig steht eine Tischtennisplatte. Ein Fotograf hat dokumentiert, was Menschen damit so alles machen. Spoiler: Um Pingpong geht es nur am Rande.

SPIEGEL ONLINE: Herr Tomiyasu, spielen Sie gerne Tischtennis?

Tomiyasu: Ja, sehr gerne. Ich mag die körperliche Bewegung und dass man schnell reagieren muss.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deswegen eine Tischtennisplatte vor ihrem Studentenwohnheim in Leipzig fotografiert?

Tomiyasu: Nein, ich zeige die Leute ja gar nicht beim Spielen. Ich wollte Menschen und ihre Verhaltensweisen im öffentlichen Raum beobachten. Und ich habe nach überraschenden Momenten gesucht.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie entdeckt?

Tomiyasu: Die Leute machen sehr unterschiedliche Sachen an einer Tischtennisplatte, das hätte ich wirklich nicht erwartet: Sie legen sich darauf, picknicken, klettern, schützen sich unter ihr vor Regen.

SPIEGEL ONLINE: Was war das Merkwürdigste, das Sie dort gesehen haben?

Tomiyasu: Ein Mann kam nachts zur Platte und hat sich ausgezogen. Dann hockte er sich nackt auf die Platte. Sonst hat er nichts gemacht und ist dann irgendwann wieder auf sein Fahrrad gestiegen - ohne Kleider.

SPIEGEL ONLINE: Der Mann fühlte sich wahrscheinlich unbeobachtet - so wie die meisten, die Sie fotografieren. Finden Sie es in Ordnung, Menschen zu fotografieren, die nichts davon wissen?

Tomiyasu: Ich selbst werde nicht gerne fotografiert, daher kann ich mir vorstellen, dass manche es unangenehm finden, wenn ich es heimlich mache. Aber ich habe für meine Serie nur Bilder ausgewählt, die niemanden verletzen. Es geht außerdem nicht um die Einzelperson, sondern darum, wie unterschiedlich man eine Tischtennisplatte nutzen kann.

SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie lange auf besondere Augenblicke warten?

Tomiyasu: Ich habe fünf Jahre lang sehr viel Zeit zu Hause verbracht und habe versucht, die Platte so oft wie möglich zu beobachten, sogar an Silvester und Weihnachten war ich da. Ich habe Stunden am Fenster verbracht.

SPIEGEL ONLINE: Sie kommen aus Japan. Sind Tischtennisplatten für Sie typisch deutsch?

Tomiyasu: Ja, zumindest die, die draußen stehen. In Japan findet man gar keine im öffentlichen Raum. Man spielt in Hallen - da gibt es keinen Wind.

SPIEGEL ONLINE: Fotografieren Sie die Platte immer noch?

Tomiyasu: Nein, mittlerweile wohne ich in Zürich. Alle drei Wochen fahre ich aber nach Leipzig. Bei der Gelegenheit gehe ich dann auch an der Tischtennisplatte vorbei. Wir haben ja sehr viel Zeit miteinander verbracht.

SPIEGEL ONLINE: Spielen Sie dann an ihr?

Tomiyasu: Nein, das habe ich noch nie gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Tomiyasu: Auf der anderen Seite des Studentenwohnheims gab es eine andere Platte, mit besserem Belag. Da habe ich ab und zu mit meinen Kommilitonen gespielt.

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