Schwarze in Amerika Das Fanal von Ferguson

Ein schwarzer Junge wird von der Polizei erschossen: Amerika erschrickt über sich selbst, Proteste erschüttern eine Kleinstadt. Was bleibt? Lernt das Land? Fergusons Bürger suchen nach Antworten - und bekommen Besuch aus Washington.

AP/dpa

Aus Ferguson berichten und (Video)


Ins Heartland müsse man reisen, um Amerika zu verstehen. Weg von den Küsten, in den Mittleren Westen. So heißt es ja immer. Der Stadt St. Louis mit ihrem Vorort Ferguson also können wir große Autorität in Sachen wahres Amerika zugestehen, liegt das Ensemble doch mittendrin in diesem Herzland. Es gibt hier viel Provinz in der Großstadt, an europäischen Maßstäben gemessen sehr nette Menschen, ein legendäres Baseball-Team, den Mississippi.

Und innerhalb von elf Tagen sind hier zwei junge Schwarze von der Polizei erschossen worden. Auch das ist leider Heartland.

Der eine, Michael Brown, 18 Jahre alt und unbewaffnet; der andere, Kajieme Powell, 25 Jahre alt, mit einem Messer in der Hand. In beiden Fällen schossen die Polizisten mehrfach. Brown wurde zweimal in den Kopf getroffen, viermal in den Arm.

Grausamer Alltag im echten Amerika.

Browns Tod hat Proteste ausgelöst, wie sie St. Louis seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Das teils rabiate Eingreifen militarisierter Polizeieinheiten hat die Wut der Menschen noch befeuert. Übers Wochenende eskalierten die Proteste, in den letzten beiden Nächten wurde es ruhiger. Und das ganze Land diskutiert plötzlich über ein Thema, das man sonst stets zu umschiffen sucht: Den ganz alltäglichen Rassismus - und seine mitunter tödlichen Konsequenzen.

In den vergangenen elf Tagen ist Amerika erschrocken über sich selbst. Und nun? Wird sich was ändern?

Am Mittwochmorgen landet eine Regierungsmaschine auf dem Flughafen von St. Louis, der direkt neben Ferguson liegt: Eric Holder ist gekommen, um die Gemüter zu beruhigen. Und um mit seiner Anwesenheit zu zeigen, dass Amerika so nicht weitermachen will. Holder ist der Justizminister des Präsidenten - und er ist Afroamerikaner. Stets hat sich der 63-Jährige als Vorkämpfer für die Bürgerrechte verstanden. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit vor fünf Jahren sorgte er für Aufsehen, als er die USA mit Blick auf ihren verdrucksten Umgang mit dem Rassenkonflikt als "Nation von Feiglingen" bezeichnete.

FBI-Agenten sollen den Fall untersuchen

Holder nun hat FBI-Agenten entsandt, um den Fall Brown parallel zu den lokalen Behörden untersuchen zu lassen. Möglicherweise wird Holder sogar Fergusons Polizeibehörde insgesamt mit Blick auf die Achtung von Bürgerrechten auf den Prüfstand stellen. So etwas hat er bereits 20-mal gemacht, doppelt so oft wie seine Vorgänger in den fünf Jahren zuvor. Für die Menschen in Ferguson hat Eric Holder somit etwas, das in diesen Tagen nur noch wenige Offizielle haben: Glaubwürdigkeit. Dass ein Justizminister - der in den USA auch zugleich der Generalstaatsanwalt ist - zum Tatort reist, das scheint schon mal reichlich ungewöhnlich. Entsprechend stark ist das Signal, das Holder damit gesendet hat.

Den Eltern von Michael Brown versprach er persönlich eine "faire und unabhängige Untersuchung". Und vor schwarzen Studenten sprach er über Alltagsrassismus, erzählte Persönliches: Wie er in ungerechtfertigte Polizeikontrollen auf der Autobahn geriet; wie er einst zum Kino rannte, um den Filmbeginn nicht zu verpassen - schon das allein habe ihn verdächtig gemacht, die Polizei hielt ihn an. "Als die mich stoppten, da war ich aber kein Jugendlicher mehr, da war ich schon Bundesanwalt." Holder erzählt diese Episoden nicht zum ersten Mal, aber der Kontext hier in Ferguson macht sie besonders.

Vor dem Justizgebäude von St. Louis steht die Aktivistin Kayla Reed. Mit gut hundert anderen Demonstranten fordert sie die Ablösung des Bezirksstaatsanwalts, der für den Fall Brown zuständig ist. Sie sagen: zuständig für den Mordfall Brown. Staatsanwalt Robert McCulloch sei parteiisch, habe in der Vergangenheit schon einmal Polizisten davonkommen lassen, die zwei unbewaffnete Schwarze getötet hatten. Für die Demonstranten draußen vor seinem Büro personifiziert der Weiße McCulloch ihr Misstrauen in Polizei und lokale Behörden. Zwei Drittel der Einwohner Fergusons sind schwarz, Behörden und politische Ämter aber besetzen fast ausschließlich Weiße.

Schwarze werden sich ihrer politischen Macht bewusst

Daran, sagt Kayla Reed, müsse sich etwas ändern. Das sei doch die Lehre aus dem Tod des Teenagers. Wie kann man etwas ändern? Nun, sie werbe bei den Leuten dafür, dass sie sich registrieren, dass sie wählen gehen, dass sie Sitzungen des Gemeinderats besuchen: "Politik spielt eine große Rolle", sagt Reed. Dass gegen Browns Todesschützen Darren Wilson noch immer keine Anklage erhoben worden sei, liege eben auch daran, dass die Minderheit die Mehrheit regiere. "Je schneller wir das ändern, desto eher sind wir wieder sicher auf den Straßen."

Auf jener Straße, in der Michael Brown am Samstag vor einer Woche starb, feiern sie ein Nachbarschaftsfest. Es gibt kostenloses Essen, Getränke, Musik. Seit dem Wochenende sind jetzt viele Geistliche auf den Straßen unterwegs, etwa hier im Canfield Drive. Sie reisen aus dem ganzen Land an, um die Lage zu beruhigen. Nachts stellen sie sich zwischen Polizei und Demonstranten. Und sie wollen lernen: Was bedeutet Ferguson für das Land? Was bleibt?

Leslie Calahan, Pfarrerin aus Philadelphia, sucht nach dem Sinn in der Sinnlosigkeit eines Teenager-Todes. Die Schwarzen von Ferguson, meint Calahan, seien sich infolge der letzten zwei Wochen ihrer Mehrheit und der damit verbundenen Macht bewusst geworden; möglicherweise würden sie jetzt wählen, die Strukturen verändern.

Ist die Lösung so einfach? Ist das nicht naiv?

Der Justizminister Holder sagt, es dürfe jedenfalls nicht so laufen, dass man jetzt zwar eine Debatte habe, die dann aber irgendwann versande, ohne konkretes Ergebnis. Nein, sagt Holder: "Wandel ist möglich." Auch er dreht es auf die Politik, an seinem Beispiel: "Derselbe Junge, der auf der Autobahn gestoppt wurde, ist heute Generalstaatsanwalt der Vereinigten Staaten von Amerika."

Selbst regieren statt nur protestieren - dies gilt vielen in Ferguson als Ausweg aus dem Gefühl des Ausgeliefertseins. Der Fall Michael Brown habe das Fass zum Überlaufen gebracht, sagt Kayla Reed: "Wir sind jetzt bereit, nachdem wir das gesehen haben. Ich habe einen Bruder und einen Neffen in Mike Browns Alter, denen soll das nicht passieren." Und dann deutet sie die Ereignisse von Ferguson im Herzland Amerikas zum Fanal fürs ganze Land um: "Wenn das hier passieren musste, um der Welt zu zeigen, dass solche Vorfälle nicht mehr toleriert werden, dann kämpfe ich bis zum Ende."

Chronologie

insgesamt 95 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pinsel66 21.08.2014
1.
Das war kein "schwarzer Junge" sondern ein großer, muskulöser, ausgewachsener Mann von geschätzten 250 Pfund Lebendgewicht. Journalistische Neutralität sieht anders aus.
pandur1234567@yahoo.com 21.08.2014
2. Dejavu
Ich bin in den Supermarkt gerannt und von der Polizei angehalten wurden. 20 min wurde ich verhört wegen verdächtigen Verhaltens. Ich kann es nicht als Rassismus verkaufen weil die Polizisten u ich diesselbe Hautfarbe hatten.
forumgehts? 21.08.2014
3. Das
Zitat von pinsel66Das war kein "schwarzer Junge" sondern ein großer, muskulöser, ausgewachsener Mann von geschätzten 250 Pfund Lebendgewicht. Journalistische Neutralität sieht anders aus.
Land wird bestimmt so lernwillig und -bereit sein wie die NRA bei den Amokläufen uä.
Karl_Lauer 21.08.2014
4.
Zitat von pinsel66Das war kein "schwarzer Junge" sondern ein großer, muskulöser, ausgewachsener Mann von geschätzten 250 Pfund Lebendgewicht. Journalistische Neutralität sieht anders aus.
Komisch, wenn es ein Mann war, warum klingt es dann als beschrieben Sie ein wildes Tier oder dergleichen?
Linebacker1962 21.08.2014
5. Der Junge
Zitat von pinsel66Das war kein "schwarzer Junge" sondern ein großer, muskulöser, ausgewachsener Mann von geschätzten 250 Pfund Lebendgewicht. Journalistische Neutralität sieht anders aus.
"Junge" erzeugt aber mehr Tränendrüse.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.