Todesstrafe in Pakistan Der arbeitslose Henker

Er ist erst 27 Jahre alt und hat schon mehr als 200 Menschen getötet - Sabir Masih ist der Henker von Pakistan. Allein: Seit zwei Jahren wurde kein Urteil mehr vollstreckt, die Bezahlung des Jobs ist mickrig. Eine Begegnung nachts, auf dem Friedhof. 

Hasnain Kazim

Aus Lahore berichtet


Kurz vor Mitternacht, auf dem Friedhof, schließt Sabir Masih die Augen. Er ist müde, die Zigarette, angereichert mit Haschisch, beginnt zu wirken. Außerdem hat er Bhang in einem Mörser zerstoßen, das Pulver mit Wasser verrührt und das Zeug getrunken. "Grünen Whisky" nennt er den Drink aus getrockneten Hanfblättern. Jetzt sitzt er im Schneidersitz auf einer Wolldecke, in seiner linken Hand ein Handy, aus dem ein Lied aus einem Bollywood-Film scheppert, in der rechten den Rest der Zigarette. Mit geschlossenen Augen nickt er im Rhythmus.

Sabir Masih, 27, ist der Henker von Pakistan. Es gibt noch einen zweiten, seinen Cousin. Seit fünf Jahren ist Masih Angestellter der Haftanstalt Kot Lakhpat, dem Hochsicherheitsgefängnis der ostpakistanischen Millionenmetropole Lahore. Im Laufe dieser Zeit hat er mehr als 200 Menschen im Auftrag des Staates getötet. "Alle unter General Pervez Musharraf", sagt er. "Der hat kaum jemanden begnadigt, weder Mörder noch Vergewaltiger." Masih hat die Augen wieder geöffnet, das Weiße darin leuchtet im Mondschein. Die Drogen lassen seine Zunge über jedes dritte Wort stolpern, außerdem verstärken sie sein Stottern.

"Jetzt habe ich nichts mehr zu tun", sagt Masih, und es klingt, als ob er es bedauere. Musharraf ist seit zwei Jahren nicht mehr im Amt. Der neue Präsident, Asif Ali Zardari, gilt als Gegner der Todesstrafe. Böse Zungen behaupten, er wolle verhindern, selbst einmal am Galgen zu enden.

Zardaris Versuch, alle Todesurteile in lebenslange Haftstrafen umzuwandeln, scheiterte am Einspruch des Obersten Gerichtshofs. Trotzdem wurde seit seiner Wahl niemand mehr hingerichtet. Dabei befürwortet die Mehrheit der Bevölkerung die Todesstrafe, sie gilt in Pakistan für 27 Straftaten. Menschenrechtsorganisationen zufolge sitzen derzeit rund 7000 Häftlinge in den Todestrakten des Landes.

In diesen Tagen allerdings machen Todesurteile wieder Schlagzeilen: Vor ein paar Wochen erhielt einer der Angreifer auf das Armeehauptquartier in Rawalpindi die Höchststrafe. Kürzlich wurde außerdem ein Ranger in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilt, der im Juni einen 19-Jährigen erschossen hatte.

"Vielleicht habe ich bald wieder zu tun", sagt Masih.

Derzeit verbringe er täglich nur "ein, zwei Stunden" im Kot-Lakhpat-Gefängnis, dann schicke ihn sein Chef nach Hause. "Ich sitze rum und mache nichts." Dafür erhalte er 10.000 Rupien im Monat, umgerechnet etwa 80 Euro. "Das reicht nicht in einer Stadt wie Lahore, wo alles teuer ist. Ich muss ja meine Eltern und Geschwister mitversorgen." Er selbst ist geschieden, sein Vater hatte ihn mit 17 Jahren verheiratet. Gerne würde er wieder heiraten, sagt er. "Aber wie kann ich mir das mit so wenig Geld leisten? Ich sammele ab und zu Müll, organisiere sonntags Hahnenkämpfe und gucke, dass ich etwas dazuverdiene." Er denkt nach. "Am liebsten hätte ich einen neuen Job, in dem ich mehr verdiene." Aber wer stellt schon den Henker von Pakistan ein? Und als was?

"Ich führe nur Befehle aus"

Masih hat Zeit, zu viel Zeit. Man merkt, dass ihn das zermürbt. Dass ihm sein Leben entgleitet. Dass er in den Drogen einen Ausweg sucht. Ihn stört, dass er nicht mehr gebraucht wird und dass er zu wenig Geld verdient. Nicht, dass das Töten sein Job ist.

Man begegnet Masih oft auf dem christlichen Friedhof. Er ist selbst Christ, ebenso sein bester Freund Saleem, der Friedhofswärter. Der muss Tag und Nacht vor Ort sein, tagsüber, um die Gräber zu pflegen, und nachts, um den Ort zu bewachen. Masih grinst. "Sie kommen hierher, um zu ficken", sagt er. Er freut sich über seine Ausdrucksweise, wie ein Kind, das testet, wie weit es gehen darf. "Zu viele Menschen in Pakistan, zu wenig Platz, vor allem im Schlafzimmer. Deshalb kommen sie nachts auf den Friedhof." Er nickt, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Er und Saleem und ein paar weitere Freunde sitzen dann hier, trinken, tanzen, reden, und wenn es sein muss, verjagen sie die Paare und sorgen für Ordnung.

Für Ordnung sorgen, das sieht er als seine Mission. "In meinem Beruf erfülle ich eine große, eine wichtige Aufgabe für mein Land", sagt Masih. Hat er ein schlechtes Gewissen? Er schüttelt den Kopf.

Aber wie kann er, der Christ, Menschen umbringen? Du sollst nicht töten, heißt es in der Bibel. "In der Bibel steht auch etwas von Auge um Auge. Und dass sterben muss, wer einen Menschen tötet." Er finde, dass ein Mörder mit dem Leben bezahlen müsse. Wieder grinst er, dann macht er eine wegwischende Handbewegung. "Aaaach! Was weiß denn ich! Ich führe nur Befehle aus."

Beim ersten Mal, 2006, sei er noch nervös gewesen. Danach sei es Gewohnheit geworden. Plötzlich springt er auf, klopft Saleem auf die Schulter, auch der erhebt sich. Beide tragen knielange Hemden über weißen Baumwollhosen, sie könnten normale pakistanische Studenten sein.

Der Weg des Henkers: seit Generationen vorbestimmt

An seinem Freund demonstriert Masih, wie er mit einem Delinquenten umgeht. "Ich trete ihm gegenüber und schaue ihm in die Augen. Die meisten nehmen mich aber nicht wahr, die sind schon erledigt. Einen Tag vorher haben sie zum letzten Mal Besuch gehabt von ihren Familien, danach haben sie abgeschlossen mit der Welt." Kaum jemand weine, die meisten beteten und schwiegen einfach, und noch nie habe jemand geschrien oder sich gewehrt.

Er führt vor, wie er den Verurteilten umdreht, sein Knie in dessen Kreuz drückt und die Hände hinterm Rücken fesselt, dann die Füße. "Anschließend schiebe ich ihn über die Falltür. Er bekommt ein Tuch vor das Gesicht gebunden und das Seil um den Hals gelegt." Die Schlinge habe er schon am Abend zuvor vorbereitet, sie mit Puder oder Fett eingerieben. Überhaupt sei alles gut geplant, denn er bekomme 15 Tage vor dem Termin Bescheid. Er kenne das Gewicht des Verurteilten und könne entsprechend die Fallhöhe berechnen.

Dann, vor Sonnenaufgang: das Beobachten der Uhr auf dem Faxgerät, über das ein Aufschub kommen könnte, das Vorlesen des Urteils durch einen Gefängniswärter, das Signal vom Gefängnischef, das Ziehen des Hebels, eine halbe Stunde später das Abnehmen des Leichnams, die Übergabe an den Gefängnisarzt. Es geht um Routine, nicht um Moral.

Masih war in allen größeren Städten Pakistans im Einsatz. Einmal, im Gefängnis von Faisalabad, habe er fünf Männer an einem Tag hingerichtet, sagt er. Es ist ein Job, den niemand machen will in Pakistan. Dass ausgerechnet dieser junge Mann der Henker der islamischen Republik ist, sagt viel aus über die Gesellschaft: Die Drecksarbeit machen die ganz unten - in diesem Fall ein Christ aus ärmsten Verhältnissen.

Masih und seine Freunde hocken wieder auf der Wolldecke, der ewige Lärm Lahores klingt auf dem von hohen Bäumen umsäumten Friedhof wie ein ferner Missklang. Jemand hat Essen gebracht, Curry in metallenen Töpfen und heißes Fladenbrot.

Es ist späte Nacht geworden, aber Masih will noch etwas loswerden. "Meine Arbeit ist doch auch nur ein Job", sagt er. Also doch ein schlechtes Gewissen? Er antwortet nicht, sondern schließt die Augen und legt den Kopf in den Nacken. Er sagt: "Tara Masih, der berühmte Galgenmann, der 1979 dem früheren Präsidenten Zulfikar Ali Bhutto den Strick um den Hals legte - das war der Bruder meines Großvaters."

Dann schaut er einen an, als erwarte er Anerkennung dafür. "Mein Großvater und mein Vater haben die gleiche Arbeit gemacht." Sein Weg sei vorbestimmt gewesen, seine Familie an diesen Beruf gefesselt. Von Kindesbeinen an wisse er, dass der Staat töte, und das sei völlig in Ordnung. Nur angemessen bezahlt habe er nie.



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.