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Stimmung in Tokio: Eine Stadt trägt Grau

Foto: Gregory Bull/ AP

Tokio Stadt im Bann von Angst und Apathie

Der Strom ist rationiert, die Leuchtreklamen sind erloschen - und es scheint, als seien mit dem Licht auch die letzten Funken Lebensfreude aus Tokio gewichen. Japans Hauptstadt trägt Grau, die Einwohner haben resigniert. "Nichts zu machen", lautet ihre ständige Formel nach der Tsunami-Katastrophe.

Tokio - Tokio kommt einem derzeit vor wie eine kranke Freundin, die man ein paar Tage lang nicht im Hospital besucht hat. Zwar ist man darauf vorbereitet, dass es ihr nicht blendend geht. Doch sieht man sie dann wieder, möchte man am liebsten gleich kehrtmachen, so schockierend ist ihr Verfall: Alle Lebenslust ist aus dieser einst so schrillen Metropole gewichen.

Angst und Apathie drücken auf das Gemüt der Bewohner. Tokio trägt Grau. Die bunten Reklamelichter, die überdimensionalen Monitore an den Häuserwänden sind erloschen. Aus den Pachinko-Spielhöllen tönt der Lärm der Automaten höchstens noch stundenweise. "Setsuden" - Stromsparen - heißt das verzweifelte Gebot der Stunde.

Der Tokyo Tower, das dem Eiffelturm nachempfundene Wahrzeichen der Stadt und sonst nachts grell angestrahlt, ragt wie ein Gerippe aus dem dunklen Häusermeer. Das Tokyo Disneyland, der größte Vergnügungspark Asiens, hat seit Beben und Tsunami geschlossen. Die Werbung, die noch allenthalben an den Bahnhöfen prangt, hat sich auf makabre Weise bewahrheitet, sinngemäß steht dort: "Erleben Sie Disneyland, wie Sie es noch nie erlebt haben."

Gespenstische Leere herrscht auch in Harajuku, dem schicken Tokioter Boutiquen-Viertel. H&M hat sein Geschäft geschlossen, wie auch alle Filialen im Umkreis um die Hauptstadt. Dior, Luis Vuitton und Chanel haben zwar wieder geöffnet, doch Kunden sucht man dort vergeblich, die Verkäufer schauen starr aus den Fenstern wie die Kleiderpuppen.

Geschäfte dämmern vor sich hin

Die Ursache für die Unsicherheit, die Tokio lähmt, liegt in Fukushima. Zwar verbreiten die Bosse von Tepco, der Tokyo Electric Power Company, Optimismus, dass es ihnen gelingen könnte, die außer Kontrolle geratenen Reaktoren zu bändigen. Aber in der Stadt wächst die Furcht vor radioaktiver Verstrahlung. Nun hat Japans Regierung wegen erhöhter Strahlenmesswerte auch den Verkauf von Spinat und Milch aus den Präfekturen um Fukushima gestoppt.

Viele Supermärkte der Stadt, wegen der Stromsperren derzeit ohnehin nur trübe beleuchtet, dämmern vor sich hin wie in der letzten Phase eines Räumungsverkaufs.

Bereits kurz nach dem Beben hamsterten die Japaner Instant-Nudeln und Konserven. Doch nun räumen viele Ladenbesitzer von sich aus die Regale leer: Auf Agrarprodukte aus Nordjapan haben die Tokioter keinen Appetit mehr.

Gleichwohl bemüht sich Chef-Kabinettssekretär Yukio Edano, die Landsleute zu beruhigen: Vom Verzehr der strahlenbelasteten Lebensmittel gehe "keine unmittelbare Wirkung auf die Gesundheit aus". Wie ein Sprechroboter wirft Edano unermüdlich neue radioaktive Messergebnisse aus, wortreich verpackt in Beschwichtigungen.

"Shikata ga nai" - "nichts zu machen"

Im Fernsehen versucht unterdessen ein Heer von Professoren und Experten, die Gefahren aus Fukushima zu relativieren: Für jeden beunruhigenden Wert haben sie passende Vergleiche parat - mal verweisen sie auf die radioaktive Strahlung, die Passagiere auf dem Flug von Tokio nach New York verkraften, mal rechnen sie vor, wie oft sich ein Patient röntgen lassen müsse, um die aktuellen Messwerte zu erreichen.

Doch wenn eine Nation um die Gefahren atomarer Verstrahlung weiß, sind es die Japaner. In zahllosen Romanen und Filmen verarbeiteten sie die Leiden der "Hibakusha", der Strahlenopfer, die Anfang August 1945, kurz vor Kriegsende, den amerikanischen Atombomben von Hiroshima und Nagasaki anheimfielen.

Und 1954 weckte dann das grausame Schicksal der Besatzung des Fischkutters "Fukuryumaru" neue Ängste: Die Japaner waren radioaktiv verstrahlt worden, als sie in der Nähe des Bikini-Atolls fischten - just zu dem Zeitpunkt, als die US-Marine dort eine Atombombe testete.

Es handelte sich wohl um einen Zufall, doch viele Japaner sehen das bis heute anders: Sie fielen demnach erneut dem teuflischen Experiment ihrer einstigen Kriegsgegner zum Opfer. Zur Erinnerung ist die "Fukuryumaru" heute in einem Tokioter Park zur Besichtigung aufgestellt.

Aus dem kollektiven Bewusstsein, als "einzige Nation" den Atombomben zum Opfer gefallen zu sein, schöpfen die Japaner bis heute fast eine Art moralische Überlegenheit gegenüber den amerikanischen Siegern. Nicht zuletzt wegen Hiroshima und Nagasaki weigert sich das Inselvolk beharrlich, sich überzeugend für eigene Kriegsgreuel zu entschuldigen.

Doch nun drückt die Angst, selbst verstrahlt zu werden, auf den Alltag der Hauptstadtbewohner. Gewiss, keiner protestiert, keiner klagt. Diszipliniert, fast schon fatalistisch, harrt die Nation des Unvermeidlichen. "Shikata ga nai" - "nichts zu machen", lautet die ständig wiederholte Formel zur gegenseitigen Beruhigung. Aber bei Starbucks erkundigen sich die Kunden besorgt, woher denn die Milch stamme, mit der ihr Cappuccino aufgeschäumt wird.

Mit dem Sushi schwindet die letzte Freude

Gleichzeitig bewundern die Japaner den Heldenmut der Tokioter Feuerwehrmänner, die den Reaktor von Fukushima mit Löschfahrzeugen kühlen. Der Chef der Truppe erscheint derzeit auf einem TV-Kanal nach dem andern, um zu erklären, wie sie in Fukushima "gegen den unsichtbaren Feind" kämpfen, "für unser ganzes Volk".

Der Einsatz der Feuerwehrmänner in den verstrahlten Ruinen von Fukushima erinnert bisweilen an die Kamikaze-Flieger, die Japan gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als lebende Bomben gegen amerikanische Kriegsschiffe fliegen ließ.

Auch diesmal leisten möglicherweise nicht alle Helfer ganz freiwillig ihren Einsatz. Shintaro Ishihara, der Gouverneur von Tokio, beschwerte sich am Montag bei Premier Naoto Kan: Regierungsbeamte hätten die Helfer zu stundenlangen Löscharbeiten gezwungen. Andernfalls, so sei ihnen gedroht worden, werde man Maßnahmen gegen sie ergreifen. Inzwischen entschuldigte die Regierung sich für die Vorfälle

Ob die Löscheinsätze den Unglücksreaktor tatsächlich wirksam abkühlen, ist unklar. Indes tragen sie offenbar dazu bei, das Meer radioaktiv zu verstrahlen. Wie die die Atomenergiebehörde am Dienstag mitteilte, wurden im Meerwasser vor Fukushima erhöhte Werte Jod und Cäsium gemessen. Am Mittwoch will die Regierung vor der Küste weitflächig Wasserproben entnehmen lassen.

Als nächstes, so steht nun zu befürchten, müssen die Menschen in Tokio auf ihr geliebtes Sushi verzichten. Und dann verlieren sie auch ihre letzte Freude.