Rechtswissenschaftlerin über Triage in der Pandemie Droht Ärzten eine Anklage wegen Totschlags?

Die Zahl der Corona-Intensivpatienten steigt. Strafrechtlerin Tatjana Hörnle erklärt die juristischen Folgen, falls die Kapazitäten im Gesundheitssystem nicht ausreichen.
Ein Interview von Alexander Preker
Krankenhausbetten in Grevenbroich: »Derjenige, der ein Bett auf der Intensivstation hat, kann sich nicht allein dadurch schon Rechte gesichert haben«

Krankenhausbetten in Grevenbroich: »Derjenige, der ein Bett auf der Intensivstation hat, kann sich nicht allein dadurch schon Rechte gesichert haben«

Foto: Westend61 / Getty Images

Triage hat einen weichen französischen Klang, doch das Wort steht für eine harte Entscheidung, für die utilitaristische Priorisierung von Lebenschancen: Das Wort beschreibt die Situation, in der Ärzte bei unzureichenden medizinischen Ressourcen beurteilen müssen, welche Patientinnen und Patienten sie bevorzugt behandeln.

Bei einer Überlastung des Gesundheitssystems in der Coronakrise ginge es etwa um die Frage, wer vorrangig an ein Beatmungsgerät angeschlossen wird und wem zunächst nicht geholfen werden kann. Das Forum Bioethik des Deutschen Ethikrates diskutiert auf einer Online-Veranstaltung  am Mittwoch über die Priorisierung intensivmedizinischer Ressourcen in der Pandemie – unter anderem mit Tatjana Hörnle, die als Direktorin am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht in Freiburg aus rechtswissenschaftlicher Perspektive zu dem Thema forscht.

Zur Person
Foto: Baschi Bender

Tatjana Hörnle, Jahrgang 1963, ist Direktorin am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht  in Freiburg. Die Rechtswissenschaftlerin leitet die Abteilung Strafrecht.

Hörnle hat jüngst zusammen mit ihrem Kollegen Ralf Poscher und mit Stefan Huster von der Universität Bochum einen Sammelband zur Triage in der Pandemie herausgegeben. Sie geht der schwierigen Frage nach, ob sich Ärztinnen und Ärzte nach solch einer Entscheidung im Krankenhaus womöglich auch noch im Gerichtssaal verantworten müssen. Zumindest gibt es für diese schwerste aller Entscheidungen in der Medizin inzwischen klinisch-ethische Empfehlungen, niedergeschrieben in einer Leitlinie der medizinischen Fachgesellschaften , nach der Ärzte im Fall der Fälle einschätzen sollen, wer nur noch palliativmedizinisch statt auf der Intensivstation behandelt werden soll. Doch reicht das?

Im Interview plädiert Juristin Hörnle für Nachsicht mit dem medizinischen Personal in solch einer Stresssituation – und fordert wie die Intensivmediziner von der Politik ein Triage-Gesetz für mehr Rechtssicherheit.

SPIEGEL: Nehmen wir an, ein Mediziner muss sich aus Kapazitätsgründen in der Coronapandemie zwischen der Behandlung zweier schwer kranker Patienten entscheiden. Die Person, die er nicht behandelt, stirbt. Droht dem Arzt eine Anklage wegen Totschlags?

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