Trinkhallen im Ruhrgebiet "Bunt, improvisiert, manchmal etwas abgefuckt"

Der Fotograf Reinaldo Coddou H. hat einen Bildband über Büdchen im Ruhrgebiet gemacht. Im Interview spricht er über morbiden Charme, die Besonderheiten der Trinkhallenkultur und gemischte Tüten.

Edition Panorama/ Reinaldo Coddou H.

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Zur Person
  • Reinaldo Coddou H.
    Reinaldo Coddou H. (l.), geboren 1971 in Santiago de Chile, wuchs in Bielefeld auf. Dort studierte er Foto-/Film-Design. Er war einer der beiden Gründer des Fußball-Magazins "11 Freunde" und hat diverse Bildbände zum Thema Fußball herausgebracht - unter anderem "Heimat. Zuhause im schönsten Stadion der Welt" mit Jan-Henrik Gruszecki (r.). Nun ist ihr gemeinsames Werk "Treffpunkt Trinkhalle" erschienen. Reinaldo Coddou H. lebt und arbeitet als Freier Fotograf in Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Herr Coddou, was gehört unbedingt in eine gemischte Tüte?

Reinaldo Coddou H.: Saure Schnüre. Weingummi, gerade Saures esse ich gern. Lakritz und Cola- oder Fruchtkracher sind nicht so mein Ding.

SPIEGEL ONLINE: Gemischte Tüten, gefüllt mit Süßigkeiten nach Wahl, sind für Kinder der Klassiker beim Besuch am Kiosk. Wie kommen zwei Ostwestfalen dazu, Trinkhallen im Ruhrgebiet zu fotografieren und ein Buch daraus zu machen?

Coddou: Die Idee kam von Jan-Henrik Gruszecki, einem alten Freund und BVB-Fan, der in Dortmund wohnt. Er hat vorgeschlagen, wir könnten doch mal eine Fotoserie über Trinkhallen machen. Und ich bin eigentlich immer offen für abseitige Themen. Außerdem war ich während meines Studiums in den Neunzigern immer mal wieder im Ruhrgebiet unterwegs, Trinkhallen waren mir also nicht fremd.

SPIEGEL ONLINE: Worin liegt die Faszination der Büdchen?

Coddou: Ich würde da nicht von Faszination sprechen wollen. Die Trinkhallen sind ein Spiegelbild der Gesellschaft und der Entwicklung im Ruhrgebiet. Sie haben einen morbiden Charme - nicht besonders hübsch, aber auf ihre Art ästhetisch. Sie sind bunt, improvisiert, manchmal etwas abgefuckt. Einige sind mit viel Liebe hergerichtet, andere eher sich selbst überlassen und etwas verfallen.

SPIEGEL ONLINE: Nach welchen Kriterien haben Sie die Kioske für das Buch ausgewählt?

Coddou: Rein nach Ästhetik. Darüber lässt sich selbstverständlich streiten. Wir haben etwa 300 Trinkhallen fotografiert, mehr als 200 sind im Buch zu finden - immer zwei auf einer Doppelseite, die miteinander harmonieren, Gemeinsamkeiten haben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Lieblingstrinkhalle?

Coddou: Das ist schon das Blaue Büdchen, das auch auf dem Buchcover zu sehen ist. Es steht in einer schönen Gegend in Duisburg-Ruhrort und ist immer sehr liebevoll dekoriert gewesen. Und zum Zeitpunkt der Aufnahme wurde es von einem Studenten betrieben. Der junge Mann saß mit seinen Uni-Unterlagen da drin und hat gelernt. Immer, wenn jemand ans Fenster kam und was kaufen wollte, ist er aufgestanden und hat bedient.

SPIEGEL ONLINE: In dem Buch sind Name und Ort der Trinkhalle die einzigen Informationen zu den Fotos. Gab es die Überlegung, auch mehr über die Büdchen zu erzählen?

Coddou: Das Projekt war von Anfang an als Bildband geplant. Es gäbe ehrlicherweise auch nicht zu jeder Trinkhalle eine interessante Geschichte zu erzählen. Mehr Text hätte womöglich zu sehr abgelenkt. Wir hätten eventuell noch die Adresse und das Datum der Aufnahme nennen können, um das Dokumentarische zu betonen. Einige der Trinkhallen existieren inzwischen ja gar nicht mehr oder heißen anders.

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Jan-Henrik Gruszecki, Reinaldo Coddou H.:
Treffpunkt Trinkhalle

Edition Panorama; 224 Seiten; gebunden; 24,80 Euro

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SPIEGEL ONLINE: Es gibt noch knapp 20.000 Trinkhallen im Ruhrgebiet, jedes Jahr werden etwa 250 geschlossen, heißt es in Ihrem Buch. Welche Bedeutung hat die Bude heute noch?

Coddou: Für viele Menschen ist sie ein Anker für soziale Kontakte. Oft kennen die Budenbesitzer ihre Kunden schon von klein auf, das sind gewachsene Beziehungen. Das kenne ich so aus anderen Städten nicht. In Berlin, wo ich seit 20

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16  Bilder
Treffpunkt Trinkhalle: Eine gemischte Tüte, bitte!

Jahren lebe, gibt es Spätis. Da kann man auch Bier, Zigaretten und Chips kaufen, aber ich würde nie länger dort verweilen und zu dem Verkäufer eine Beziehung aufbauen. Diese Beziehungen zu Menschen außerhalb der Familie und des Freundeskreises, das ist schon etwas Besonderes und ein ganz wichtiger Aspekt der Trinkhallenkultur.

SPIEGEL ONLINE: Was für Menschen haben Sie an den Trinkhallen getroffen?

Coddou: Bei den Inhabern gibt es den jungen Studenten, aber auch die ältere Dame, die seit 40 Jahren jeden Tag hinter dem Tresen steht und keinen Nachfolger findet. Wer macht das schon, sieben Tage die Woche von morgens bis abends in der Trinkhalle? Und Reichtümer sind damit auch nicht zu verdienen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind die Kunden so?

Coddou: Unterschiedlich. Es sind viele Leute dabei, die ihren Tag mehr oder weniger an der Trinkhalle verbringen. Das ist mitunter tragisch mitanzusehen - Leute, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben. Da ist die Bude ein guter, wichtiger Treffpunkt, anstatt in die Spielhalle zu gehen oder sich im Park zum Trinken zu treffen. Dann doch lieber an der Trinkhalle quatschen, Alkohol darf ja direkt an der Bude nicht getrunken werden. Dann gibt es die Omis, die sich zum Kaffeekränzchen treffen. Und diejenigen, die sich dort jeden Morgen Zeitung, Kaffee und Kippen kaufen - Kioskritualgänger. Und natürlich die Kinder, die dort ihre gemischte Tüte kaufen.



insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
Onkel Drops 02.02.2019
1. Ostwestfalen mögen halt Trinkhallen...
für mich war der Besuch der Essener Verwandtschaft stets Büdchentour. bei jedem Verwandten ne andere Auswahl an Tüten Füllung um die Ecke. sozialer Treffpunkt der Anwohner - in anderen Ecken Deutschlands halt nicht so vorhanden. kultigere Kioske findet man selten, auch heute noch lass ich mir saures für die Heimfahrt stets dort einbeuteln wenn ich dort zu Besuch bin... "wat wer bist du denn und wo kommste wech?" - manche kennen ihre Nasen, da wird man als Neukunde entdeckt und persönlicher angeredet. quasi der Dorfplatz Treffpunkt der Ecke in ner großen Stadt. ein Bildband kann viele zeigen. doch noch alle Stories noch dazu packen,dann wirds schnell ne Buchreihe und unübersehbar.
rainerwäscher 02.02.2019
2. Das gibt es nicht nur im Ruhrgebiet.
Auf den Fotos fehlen allerdings die vor den Trinkhallen stehenden Besoffskis und deren geparkte Motorroller (Führerschein verloren).
Papazaca 02.02.2019
3. Bude kämpft gegen Handy. Sieht nicht gut aus!
Buden, so nannte wir die in meiner Dortmunder Zeit, waren ein Teil unseres Lebens. Nicht riesenwichtig, aber nicht wegzudenken. Damals. Da gab es oft Alk, Haribo in allen Varianten, oft Zeitungen und auch Notwendiges aller Art. Irgend wann brachen die Tankstellen in die Kundschaft. Perfektes Marketing und größeres Angebot. Heute entsprechen die "Buden" und Kioske, wie auch die "Kneipen" nicht mehr dem Zeitgeist. Wenn viele Kids aber die "altersmäßige Mittelklasse" noch mehr Stunden mit dem Smartphone im Netz verbringen, kann das nichts Gutes für diese Welt von gestern bedeuten." Nothing last forever ...." Die Telefonzellen lassen grüßen!
schröderschröder 02.02.2019
4. den
Kohlenpöttler möcht ich sehen, der "Büdchen" sacht.. Dat sind Büdeken!
enoughnow 02.02.2019
5. schöne Idee
allerdings nicht neu. es gibt etliche Produkte zu Trinkhallen, Büdchen und Kiosk z.B. in Frankfurt/M.
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