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Triumphzug in Hannover Willkommen in Lena-Land

Lena ist wieder da - und wird in ihrer Heimatstadt Hannover gefeiert wie zuletzt die Königin von England. Längst geht es nicht mehr nur um den Grand-Prix-Gewinn, plötzlich steht sie für eine neue Generation, die sich nicht verbiegt. Jeder will ein bisschen Lena sein.
Von Aglaja Adam

Lena Meyer-Landrut sitzt noch im Flieger, doch Helga Steinau ist schon da. Im roten Kostüm steht die 82-Jährige auf dem Rathausplatz von Hannover, die Handtasche unter den Arm geklemmt. Sie wartet auf die Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2010. Die ältere Dame fällt auf im Gewimmel, 40.000 Menschen sind zur Willkommensparty gekommen, die meisten deutlich jünger als Frau Steinau.

Was also macht sie hier? Was begeistert sie so sehr an Lena, dass sie Kaffee und Kuchen sausen lässt? "Sie ist temperamentvoll und verbiegt sich nicht", sagt Frau Steinau. Das ist alles?

Auf Großleinwänden wird derweil die Ankunft des frischgebackenen Singstars auf dem Flughafen Hannover übertragen. Den Blumenstrauß vom niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff ignoriert Lena erst einmal. Die Fangemeinde in Hannover lacht - und findet auch das sympathisch. Ach, ihre Lena, wie sie wieder aussieht, in Schlabberjeans, Ringelshirt und mit einer schwarz-rot-goldenen Blumenkette im Haar.

"Ihr seid ja verrückt"

Am Flughafen ruft Lena: "Ihr seid ja verrückt! Geht doch rein, es regnet!" Dann wirft sie sich mal allein und mal mit Raab für Fans und Fotografen in Pose: auf der Gangway, auf den Schultern einiger kräftiger Kerle und auf dem Dach einer der schwarzen Limousinen, die später im Konvoi in die Stadt fahren. Auch das mögen die Menschen. "So empfangen wir hier Präsidenten, aber ich denke, Lena hat es verdient. Sie hat unser Land angemessen vertreten", trompetet Ministerpräsident Wulff.

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Lenas Ankunft: Hysterie in Hannover

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

Und die 22-jährige Studentin Jasna Vrdonjak - ebenfalls unter den Fans - sagt: "Lena hat Deutschland gerettet - ohne Glitzerkleid." Die Zeiten, in denen dressierte "Germany's-Next-Topmodel"-Mädchen auf dem Vormarsch gewesen seien, glaubt sie, seien nun vorbei.

"Natürlichkeit", das ist die am häufigsten genannte Eigenschaft, die den Fans zu Lena Meyer-Landrut einfällt. Die Gleichaltrigen sehen in ihr sogar ein Vorbild. "Sie macht, was sie will, das ist geil", sagt Jana Bruns. Was Lena allerdings macht, weiß die 19-Jährige nicht so genau - außer eben die Dinge, die sie so im Fernsehen sieht und zu denen Lena bei genauerer Betrachtung wohl verpflichtet ist. Was also will Lena?

"Sie ist einfach sie"

Hier in Hannover spielt das erstmal keine Rolle. Der Hype um den Oslo-Star hat auch viele Mittdreißiger erfasst. "Lena verkörpert die junge, selbstbewusste Generation, die einfach locker drauflosgeht", findet Petra Karallus. Und dann sagt die 37-Jährige noch über die Gewinnerin des größten Schlagerwettbewerbs der Welt, die sie bisher nie persönlich getroffen, gesprochen oder gesehen hat: "Sie ist einfach sie."

Doch wer ist das nicht? Und wie ist Lena überhaupt? Über ihr Privatleben lässt die 19-Jährige nicht viel raus. Zwar schauspielerte sie als Teenagerin nackt in einer RTL-Sendung - man könnte ihr also durchaus einen gewissen Geltungsdrang unterstellen. Ob Lena aber einen Freund hat, ob sie sich gut mit ihrer Mutter versteht, was ihr Lieblingsessen ist und was sie mit ihrem Leben anfangen mag, all das weiß man nicht. Da fällt es leicht zu behaupten, sie sei ganz sie selbst geblieben.

Vielleicht ist es nämlich genau dieses Vakuum, das die Lena-Mania befeuert: Jeder kann das in Lena sehen, was er gerne in ihr sehen möchte. Sie ist ein Abziehbild, eine Projektionsfläche, eine Variable im Medienzirkus, ausgesucht aus vielen, ausgestattet mit dem typischen Casting-Label "eine von euch". Für die Fans an diesem Sonntag in der Innenstadt von Hannover kann sie daher alles sein: cool, witzig, erfrischend, nachdenklich, rockig, naiv, frech. Bau dir deine eigene Lena!

"Verdammte Axt"

Nach zwei Stunden kommt Lena um 16.30 Uhr endlich am Rathaus an. Bevor die Fans sie zu Gesicht bekommen, darf sie sich ins Goldene Buch eintragen. In der holzvertäfelten Amtsstube schnappt die 19-Jährige erst nach Luft, dann nach dem Stift und schreibt: "Wow. Verdammte Axt. Ist das geil. Dankeschön. Leni." Daneben malt sie ein kleines Herz. Ihr Mentor Stefan Raab grinst breit, die Journalisten müssen schmunzeln.

Viel ist das nicht. Originell auch nicht. Es ist noch nicht einmal wirklich witzig, aber vielleicht frech. Immerhin das.

Oberbürgermeister Stephan Weil schmeichelt: "Noch nie hat es eine 19-Jährige geschafft, zweimal binnen zwei Monaten im Rathaus geehrt zu werden." Es gebe keine Jüngere, die sich je in das Goldene Buch eingetragen habe. "Das letzte Mal waren beim Besuch von Queen Elizabeth so viele Leute vor dem Rathaus."

Dann stellt sich der Oslo-Star seinen Fans. Lautes Lena-Gekreische. Deutschland-Flaggen und selbstgemalte Transparente wehen der 19-Jährigen entgegen. "Lena, I love you" und "Deutschland - Lenaland" steht darauf. Die Moderatoren Matthias Opdenhövel und Sabine Heinrich stellen erwartbare Fragen.

"Ja - sichi"

Ja, sie sei überrascht gewesen, den Sieg eingefahren zu haben, sagt Lena. Aber auch wieder nicht: "Komischerweise geht es immer gut, wenn es drauf ankommt." Dann zeigt die Hannoveranerin den Tanz, mit dem sie sich hinter den Kulissen auf ihren großen Auftritt in Oslo vorbereitet hat: Sie schreit laut Huhaha-Huhaha und wackelt wild mit allen Körperteilen.

Lenas Mentor und Produzent Stefan Raab kündigt im Interview mit SPIEGEL ONLINE an, dass Lena ihren Grand-Prix-Titel im nächsten Jahr im eigenen Land verteidigen soll. In der Geschichte des Wettbewerbs wäre so etwas allerdings wohl einmalig. Bereits in der Grand-Prix-Nacht hatten Raab und Lena davon gesprochen, 2011 wieder antreten zu wollen.

Auch in Hannover sagt Raab nun: "Ich halte es für durchaus angemessen, wenn die Siegerin den Titel verteidigt." Lena sagt, was sie am Abend zuvor schon in Oslo geantwortet hat: "Ja - sichi."

Manchmal ist es im Showgeschäft wie im Fußball: Wer trifft, hat Recht. Es gibt keine Fehltritte mehr, wenn du Erfolg hast: Peinlichkeiten sind cool, Unverschämtheiten frech, Unsicherheiten lässig. Als Lena noch einmal ihren Hit "Satellite" anstimmt, singen viele mit: "I can't go a minute without your love."

Die Ergebnisse des Eurovision Song Contests 2010

Rang Land Interpret Titel Punkte
01. Deutschland Lena Meyer-Landrut Satellite 246
02. Türkei maNga We Could Be The Same 170
03. Rumänien Paula Seling Ovi Playing With Fire 162
04. Dänemark Chanée N'evergreen In A Moment Like This 149
05. Aserbaidschan Safura Drip Drop 145
06. Belgien Tom Dice Me And My Guitar 143
07. Armenien Eva Rivas Apricot Stone 141
08. Griechenland Giorgos Alkaios Friends OPA 140
09. Georgien Sofia Nizharadze Shine 136
10. Ukraine Alyosha Sweet People 108
11. Russland Peter Nalitch Friends Lost And Forgotten 98
12. Frankreich Jessy Matador Allez Olla Olé 98
13. Serbien Milan Stankovic Ovo Je Balkan 82
14. Israel Harel Skaat Milim 71
15. Spanien Daniel Diges Algo Pequeñito (Something Tiny) 68
16. Albanien Juliana Pasha It's All About You 62
17. Bosnien-Herzegowina Vukašin Brajic Thunder And Lightning 51
18. Portugal Filipa Azevedo Há Dias Assim 43
19. Island Hera Björk Je Ne Sais Quoi 41
20. Norwegen Didrik Solli-Tangen My Heart Is Yours 35
21. Zypern Jon Lilygreen The Islanders Life Looks Better In Spring 27
22. Moldawien Sunstroke Project Olia Tira Run Away 27
23. Irland Niamh Kavanagh It's For You 25
24. Weissrussland 3+2 Butterflies 18
25. Großbritannien Josh That Sounds Good To Me 10
Mit Material von dpa und apn
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