Gewalt gegen Schwule in Tschetschenien "Jetzt hilft nur noch die Ausreise"

In Tschetschenien sollen mehr als hundert homosexuelle Männer festgenommen und mindestens drei getötet worden sein. Nicht doch, dementiert ein Sprecher von Präsident Kadyrow: Es gebe gar keine Schwulen im Land.

Festnahme eines LGBT-Aktivisten 2016 in Sankt Petersburg
picture alliance / NurPhoto

Festnahme eines LGBT-Aktivisten 2016 in Sankt Petersburg

Von


Über einhundert Festnahmen und mindestens drei Tote: Laut einem Bericht der Investigativ-Journalistin Elena Milaschinavon der russischen "Nowaja Gaseta" gehen die tschetschenischen Behörden derzeit massiv gegen Homosexuelle und Transgender vor. "Die Namen von drei Toten sind uns bekannt, unsere Quellen gehen aber davon aus, dass es sehr viel mehr Opfer gibt", heißt es in dem Artikel.

Milaschina beruft sich auf Informationen von LGBT-Aktivisten, aber auch von Vertretern verschiedener Behörden, dem Innenministerium, der tschetschenischen Staatsanwaltschaft und örtlichen Geheimdienstkreisen. Unter den Festgenommenen sollen auch ein namhafter muslimischer Geistlicher sowie zwei bekannte tschetschenische TV-Moderatoren sein.

Noch steht eine Bestätigung der Todesfälle und Festnahmen aus. Aus dem tschetschenischen Innenministerium hieß es, bei dem Zeitungsbericht müsse es sich wohl um einen Aprilscherz handeln. Ein Sprecher des autoritär regierenden Präsidenten Ramsan Kadyrow dementierte die Meldungen umgehend: "Man muss niemanden festnehmen oder unterdrücken, den es in unserer Republik gar nicht gibt", stellte Alwi Karimow fest. Doch selbst wenn es in Tschetschenien Homosexuelle gebe, hätten die Sicherheitskräfte mit ihnen kein Problem, "weil die eigenen Verwandten sie dorthin schicken würden, von wo sie nicht mehr zurückkehren würden".

Während man daran zweifeln darf, dass Tschetschenien "schwulenfrei" ist, ist die häufige Abkehr der Familien von homosexuellen Kindern eine Tatsache. In der muslimisch geprägten Teilrepublik sind Homophobie und Stigmatisierung von Schwulen, Lesben und Transgender so groß, dass Familien mitunter die eigenen Kinder aus Scham verstoßen, wenn deren nicht mainstreamkonforme sexuelle Identität öffentlich wird.

"Wir haben mehrere Informanten in Tschetschenien, die den Bericht der 'Nowaja Gaseta' bestätigt haben", sagt Tanja Lokschina von Human Rights Watch in Moskau. "Wir müssen davon ausgehen, dass die Behörden eine Anti-Homosexuellen-Kampagne fahren, die viele dazu zwingt, das Land zu verlassen." Besonders verstörend sei es, dass der Kreml Betroffenen vollmundig empfehle, gegebenenfalls bei den Behörden vorstellig zu werden: "In Tschetschenien redet niemand über seine sexuelle Orientierung, und er erstattet schon gar nicht Anzeige, wenn er dafür angegriffen wird. Die Angst ist viel zu groß." In Russland sei die Situation für Homosexuelle schon schlimm genug - "in der muslimischen Teilrepublik ist sie extrem, weil sie hier nicht nur von den Behörden, sondern auch den eigenen Familien diskriminiert werden".

Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow (rechts) und sein Sprecher Alwi Karimov
picture alliance / dpa

Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow (rechts) und sein Sprecher Alwi Karimov

Keiner der Festgenommenen habe seine Homosexualität nach außen gezeigt, betont Elena Milaschina in ihrem Artikel, "das käme auf dem Kaukasus auch einer Todesstrafe gleich". Cheda Saratowa, Mitglied im tschetschenischen "Rat für die Entwicklung der Zivilgesellschaft und die Menschenrechte", erklärte erst kürzlich, Homosexualität sei "das Böse, gegen das jeder Tschetschene kämpfen wird".

Dementsprechend drastisch sollen die Reaktionen auf die mutmaßlichen Massenfestnahmen in der Gay-Community gewesen sein. Viele Facebook- und WhatsApp-Gruppen seien aus Angst vor Repressalien geschlossen worden. Die "Nowaja Gaseta" zitiert aus einem Post, in dem davor gewarnt wird, sich mit Unbekannten einzulassen, weil Homophobe verstärkt Fallen stellen würden, um Schwule und Lesben zu outen, zu demütigen, zu verprügeln oder schlimmstenfalls zu töten. "Seid bitte sehr vorsichtig", so die Warnung.

Auch das russische LGBT-Netzwerk zeigte sich extrem besorgt angesichts des Berichts und der polarisierenden Reaktion des Präsidentensprechers. Jeder Versuch, unter Berufung auf Traditionen Entführungen und Tötungen zu rechtfertigen, sei "amoralisch und kriminell". Betroffene müssten sofort aus der Gefahrenzone gebracht werden. "Seid euch bewusst, dass die Menschenrechtssituation im Nordkaukasus wirklich schwierig ist. Jetzt, wo das Leben der Menschen bedroht ist, hilft nur die Ausreise."

Ramsan Kadyrow regiert Tschetschenien mit harter Hand, seine Milizen, die "Kadyrowzy", sind berüchtigt. Immer wieder kommt es zu schweren Menschenrechtsverletzungen, Entführungen, Folter und Morden. Russland lässt seinen "Statthalter" weitestgehend gewähren - erst recht, wenn es um ungeliebte Minderheiten geht, die in Russland gesetzlich ohnehin diskriminiert sind und in einigen Regionen für "homosexuelle Propaganda" bestraft werden können.

Am Montag meldete sich der Sprecher des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu Wort. Man werde die Berichte über Angriffe auf Homosexuelle in Tschetschenien überprüfen, erklärte Dmitri Peskow. Er selbst sei "kein großer Spezialist in Sachen nichttraditioneller Orientierung", so Peskow süffisant, das Thema stehe aber auch nicht "auf der Agenda des Kreml".

Für die Macher der "Nowaja Gaseta" indes schon. Sie fordern die Generalstaatsanwaltschaft auf, die Ermittlungen aufzunehmen. Auch die liberale Oppositionspartei Jabloko drängt die Behörden, die mutmaßlichen Mordfälle aufzuklären und Entführungen zu unterbinden. In Deutschland bat der Grünen-Abgeordnete Volker Beck die Bundesregierung, alles zum Schutz der verfolgten Homosexuellen zu tun.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.