Türkei vor Benedikts Besuch "Papst, komm nicht!"

Hunderttausende Türken wollen am Sonntag gegen den Papst-Besuch demonstrieren. Getrieben werden sie von tiefer Verbitterung über die EU-Staaten, angefeuert von abstrusen Verschwörungstheoretikern: Benedikt XVI. wolle am Goldenen Horn einen zweiten Vatikan errichten.

Von Dilek Zaptcioglu, Istanbul


Istanbul - "Wir respektieren alle Religionen", sagt Osman Yumakogullari. "Aber der Papst hat unseren Propheten beleidigt und damit den Hass des Westens auf den Islam ausgekotzt." Yumakogullari ist in Deutschland bestens bekannt - der Verfassungsschutz beobachtete ihn in den neunziger Jahren als Chef der islamistischen Milli Görüs. Jetzt organisiert er als Istanbuler Chef der islamistischen Partei der Glückseligkeit (SP) eine große Massendemonstration gegen Benedikt XVI.

Passantinnen vor Protestplakaten gegen den Papstbesuch: "Fordere unsere Geduld nicht heraus"
AFP

Passantinnen vor Protestplakaten gegen den Papstbesuch: "Fordere unsere Geduld nicht heraus"

Hunderttausende werden zu dem Protest am Sonntag auf dem zentralen Caglayan-Platz erwartet. 1500 Busse aus Istanbul und 550 aus ganz Anatolien sollen die Massen dorthin karren. Den Auftakt machte ein gemeinsames Freitagsgebet in der Blauen Moschee, danach ein Besuch der Islamisten in der Hagia Sophia.

Die einst in eine Moschee, dann 1934 in ein Museum umgewandelte christliche Kirche wurde schon vor zwei Tagen von etwa 40 jungen Muslimen besucht. Vor den Augen verblüffter Touristen begannen sie zu beten. Die "Alperen", Anhänger der rechtsextremen Großen Einheitspartei (BBP), forderten Benedikt XVI. in einer Presseerklärung auf, nicht in die Türkei zu kommen: "Papst, fordere unsere Geduld nicht heraus!"

Alle Aktivisten wurden verhaftet, auch 14 Minderjährige - allerdings am folgenden Morgen wieder freigelassen. Die BBP ist ein Ableger der rechtsextremen Nationalen Bewegungspartei (MHP) in der Türkei, deren Anhänger als "Graue Wölfe" bekannt sind.

Umfragen zeigen: Die extreme Rechte könnte die zweitstärkste Fraktion im Parlament werden, wenn in der Türkei jetzt gewählt würde. Nationalismus bringt derzeit Stimmen. Die einfachen Formeln, die in der Türkei gerade kursieren, lauten: "Die EU will die Türkei nicht", "Der Westen ist auf einem Kreuzzug gegen den Islam" und "Muslime werden in aller Welt niedergemetzelt".

"Kreuzzug gegen den Islam"

Politikforscher wie Cengiz Aktar sehen die Entwicklung als Reaktion auf die "Katz-und-Maus-Spiele" der EU mit der Türkei. Der Dialog mit Europa sei "auf einem Tiefpunkt. Da will niemand an ein Engagement des katholischen Oberhauptes für den Dialog mit dem Islam glauben".

Die ungelöste Zypern-Frage, der EU-Beitritt der Türkei, die Beleidigung des Propheten in dänischen Karikaturen - alle Fäden scheinen im Vatikan zusammenzulaufen. Ratzinger sei "hinterlistig und ignorant", wollen die Demonstranten am Sonntag skandieren: "Papa gelme!" - "Papst, komm nicht!"

Der Protest wird auch von prominenter Seite unterstützt. Für den Publizisten Aytunc Altindal gibt es keine Zweifel daran, dass Benedikt XVI. unlautere Absichten hat. Der Verfasser mehrerer Bücher über den Vatikan und das Papsttum vermutet mehrere zwielichtige Gründe für dessen Besuch in der Türkei. Das Oberhaupt der katholischen Kirche wolle die Türkei zur Rückgabe christlicher Eigentümer zwingen - jener Immobilien in allen Teilen Anatoliens, die nach Vertreibung oder Flucht von Christen zurückgelassen wurden und vielfach in türkischen Besitz übergegangen sind. Neue Gesetze, die christlichen Stiftungen dabei erweiterte Rechte geben, reichen in den Augen der EU nicht. Die Diskussion erhitzt Gemüter. Denn eine Rückgabe würde die Enteignung von Muslimen bedeuten.

Altindal aber wittert eine noch größere Verschwörung. Istanbul solle von einer muslimischen Stadt in das geistige Zentrum der christlich-orthodoxen Welt umgewandelt werden - zurück zu Byzanz. Da gewinnt die Hagia Sophia eine neue Symbolik.

Erdogan hat keine Zeit für den Papst

Der Papst besuche nicht die Türkei, sondern das Orthodoxe Patriarchat in "Konstantinopel", sagt Altindal. Dieses wolle er aufwerten, um eine Brücke zu den orthodoxen Christen weltweit zu schlagen. Das werfen ihm auch Hunderte andere türkische Kommentatoren vor: Der Papst wolle christliche Mauern errichten, damit die Türkei nicht in die EU kommt. Am Ende werde die Hagia Sophia wieder in eine Kirche umgewandelt, und um das Patriarchat herum entstehe "ein zweiter Vatikan" - wenn die umliegenden Häuser ihren alten Besitzern zurückgegeben werden, den Griechen. Was für Außenstehende abenteuerlich klingt, erscheint erstaunlich vielen in der Türkei plausibel.

Frühere Papst-Besuche in der Türkei liefen da deutlich entspannter ab. 1967 kam Paul VI., der drei Jahre zuvor in Jerusalem den Patriarchen Athenagoras getroffen hatte und mit ihm den acht Jahrhunderte währenden Streit mit der Orthodoxen Kirche beendete. 1979 reiste Johannes Paul II. in das Land und wurde gar als Freiheitsheld gefeiert - weil er als Pole dem Kommunismus die Stirn bot, der auch in der Türkei verhasst war. Seit 1981 der türkische "Graue Wolf" Mehmet Ali Agca in Rom auf den Papst schoss, hatte Johannes Paul II. das Mitleid der Türken und alle Sympathien.

Der Unterschied zu seinem Nachfolger könnte kaum größer sein. Wenn Benedikt XVI. in einer Woche in der Istanbuler Saint-Esprit-Kathedrale eine große Messe feiert, werden zwar die Bordsteine erneuert worden sein und die Statue von Benedikt XV. im Garten - auf Geheiß des Oberbürgermeisters Kadir Topbas. Doch der Papst wird keinen prominenten Vertreter des Staates treffen.

Weder Topbas noch der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan wollen Benedikt XVI. sehen. Erdogan ist zuerst beim Nato-Gipfel in Riga, dann ist er in Ankara auf einer Militärkonferenz. "Ich kann diese Termine nicht für den Papst verschieben", sagt er.

Im kommenden Jahr wird in der Türkei gewählt. Angesichts des Massenprotestes gegen den Papst will sich kein prominenter Politiker mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche fotografieren lassen. Im Gegenteil: Ankara wird aufatmen, wenn der Gast das Land verlässt.



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