Türkische Erdbebenhilfe Alte Konflikte und beispiellose Hilfsbereitschaft

Das verheerende Erdbeben in Ostanatolien hat in der Türkei eine Welle der Hilfsbereitschaft entfacht. Der Westen unterstützt den Osten, die Mehrheit die kurdische Minderheit. Doch auch die Katastrophe kann die politischen Grenzen nicht überwinden.

REUTERS

Aus Istanbul berichtet Jürgen Gottschlich


Seit wann sie auf den Beinen sei, um den Hilfstransport für das Erdbebengebiet in Van vorzubereiten? "Schon seit den frühen Morgenstunden", sagt die ältere Dame lächelnd auf die Frage einer Reporterin des Nachrichtensenders NTV. "Aber wir haben auch schon Sonntagabend einen Transport abgeschickt."

Die Szene spielt am Montagmittag in Istanbuls Bezirk Ümraniye, auf der asiatischen Seite der Millionenmetropole am Bosporus. Hier, wie in vielen anderen Bezirken der Stadt, haben sich spontan Initiativen gebildet, die auf privater Basis in der Nachbarschaft Decken, warme Kleidung und Medikamente für die Erdbebenopfer im entfernten Osten der Türkei sammeln. Das ganze Land sei inzwischen auf den Beinen, um den Menschen in Van und Umgebung zu helfen, verkündet NTV begeistert.

Wut auf die Kurden wächst

Doch die Hilfsbereitschaft hat auch eine Dimension, die in den Fernsehbeiträgen nicht deutlich wird. Zur selben Zeit, als die Damen in Ümraniye für die Erdbebenopfer sammeln, hat sich im gleichen Stadtteil, unweit der Sammelstelle für Decken und warme Kleider, ein nationalistischer Mob zusammengerottet und bedroht das Parteigebäude der kurdischen BDP.

Fast 2000 Menschen marschieren im Anschluss an eine Anti-PKK-Demonstration zum Parteibüro der BDP in Ümraniye und versuchen, das Gebäude in Brand zu setzen - zum Glück vergeblich. Die Wut der Leute richtet sich gegen die PKK, die vor knapp einer Woche bei einem Angriff auf Armeeposten im Südosten des Landes 24 Soldaten tötete. Aber bei vielen richtet sich die Wut längst gegen die Kurden an sich.

Während die Türkei eine bislang beispiellose Welle der Hilfsbereitschaft erlebt, werden gleichzeitig im Internet Stimmen laut, die das Erdbeben als gerechte Strafe Gottes für die Kurden bezeichnen.

Bei den vom Erdbeben Betroffenen handelt es sich vor allem um Angehörige der kurdischen Minderheit. Van und Ercis, die beiden am schlimmsten zerstörten Orte, genauso wie die Dörfer im Hochland zwischen dem Van-See und der iranischen Grenze, sind sozusagen kurdisches Kernland. Und genau in der Nachbarprovinz von Van, in Hakkari, gerade mal hundert Kilometer entfernt, rückt die türkische Armee gerade mit 10.000 Mann gegen die Guerilleros der PKK vor, um Rache zu nehmen für die toten Soldaten, so wie Staatspräsident Abdullah Gül es gefordert hatte.

Erst am Sonntag, wenige Stunden vor dem Erdbeben in Van, hatte die Armeeführung stolz verkündet, dass im Rahmen ihrer Operation bereits hundert PKK-Militante, Kurden wie die Erdbebenopfer in Van, getötet worden seien.

Der reiche Westen hilft dem armen Osten

Es war deshalb kein Zufall, dass Ministerpräsident Tayyip Erdogan noch am Sonntagabend mit seinem halben Kabinett ins Flugzeug stieg um nach Van und Ercis zu reisen. Das war nicht nur eine humanitäre Mission, sondern es ging darum zu zeigen, dass die Regierung, ja, dass der Staat auch für seine kurdischen Bürger da ist. Gerade angesichts der gespannten Lage nach dem letzten PKK-Angriff muss Erdogan den Türken demonstrieren, dass Kurden und die PKK nicht ein und dasselbe sind.

Auch deshalb ist die Regierung anders als bei früheren Erdbeben bemüht, schnelle und effiziente Hilfe in die vom Erdbeben verwüsteten Gebiete zu entsenden. "Wie haben bereits 20.000 Decken, beheizbare Zelte, Feldküchen und Bäckereien losgeschickt, berichtete der stellvertretende Ministerpräsident Besir Atalay am Montagnachmittag nach seiner Rückkehr aus Van in Ankara der Presse. Doch das sei erst der Anfang.

Am erstaunlichsten aber ist, dass viele Bürger im Westen der Türkei erkannt haben, dass die Einheit des Landes eine hohle Floskel wäre, wenn der reiche Westen dem armen Osten jetzt die Solidarität verweigerte. Und deshalb helfen viele von ihnen. Nicht nur der türkische Halbmond schickt Zelte und Decken, auch Privatpersonen mieten Lastwagen, um Hilfsgüter ins Katastrophengebiet bringen zu lassen.

Der Bezirksbürgermeister des Istanbuler Stadtteils Mustafa Sarigül hat angeboten, obdachlose Bürger aus Van für ein Jahr in Sisle unterzubringen, bis in ihrer Heimat neue Häuser gebaut worden sind. Der Verband der Istanbuler Bauarbeiter will Erdbebenopfer in leerstehenden Sommerhäusern unterbringen.

Doch die Stimmung kann jederzeit kippen. Für den 30. Oktober wird im ganzen Land zu Großdemonstrationen gegen die PKK aufgerufen. "Land der Pein" titelte die Istanbuler Tageszeitung "Radikal" am Montag, "erst der Terror, jetzt das Beben".

Doch in der Katastrophe liegt auch eine Chance. So wie sich das Verhältnis zwischen der Türkei und Griechenland nach dem Beben 1999 deutlich verbesserte, weil die Griechen mit ihrer Hilfe sofort da waren, könnte die Solidarität jetzt auch neue Brücken zwischen der West- und Osttürkei schlagen.

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Esref, 24.10.2011
1.
Also der Westen hat wirklich von der Türkei keine Ahnung. Türken und Kurden waren noch nie so verfeindet wie im Artikel dargestellt. Auch in früheren Erdbeben in osten hat der Staat und die Bewölkerung seine Hilfe geleistet. Ich bin Türke und habe viele Familienmitglieder (Schwager, Schwägerin usw.) die Kurden sind. Die AKP hat in den letzten wahlen in Van 40% bekommen. Natürlich will die Regierung auch das Ausnutzen und Flagge zeigen. Aber auch wenn die letzten Monate sehr angespannt waren, geholfen hätten die Menschen trotzdem. Auch die Kurden in osten hätten geholfen wenn das Erdbeben in Westen wär.
osmanli81 24.10.2011
2. ...
Zitat von sysopDas verheerende Erdbeben in Ost-Anatolien hat in der Türkei eine Welle der Hilfsbereitschaft entfacht. Der Westen unterstützt den Osten, die Mehrheit die kurdische Minderheit. Doch auch die Katastrophe kann die politischen Grenzen nicht überwinden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,793752,00.html
Ich denke mittlerweile, dass dieses Thema ein hoffnungsloser Fall in Europa und vor allem hier in Deutschland geworden ist. Viele meiner deutschen Freunde erlauben sich einen Urteil über die Türkei zu machen, obwohl sie überhaupt keinen Schimmer über die Türkei haben. Für Türken bedeutet das Wort "Minderheit" eher eine Beleidigung für das kurdische Volk. Der Begriff "Türke" bzw. das Land "Türkei" soll hier nicht die türkische Rasse in den Vordergrund bringen. Ich bin Gegner aller Radikal-Nationalisten, aber es gibt einen elementaren Unterschied zwischen dem türkischen Nationalismus und dem deutschen Nationalismus. Während der deutsche Nationalismus seine Kontur durch Rassenhass kennzeichnet, prägt sich der türkische Nationalismus durch eine Vereinigung alle Völker unter einem Dach, der Türkei. Es gibt natürlich wiederum krasse Ausreisser, die das nicht kapiert haben und den türkischen Nationalismus auf die Rasse reduzieren. Aber der Grundtenor des türkischen Nationalismus ist die Vereinigung aller Völker, nicht die Ausgrenzung. Ich fühl mich beispielsweise hier in Deutschland sehr ausgegrenzt und nicht teil der deutschen Gesellschaft. Obwohl ich gebürtiger Berliner bin, hier und im Ausland studiert habe und derzeit in Berlin arbeite und Steuern bezahle, bin ich immer noch der Türke. Nur sehr selten wurde mir das Gefühl gegeben, dass ich hier heimisch bin. Dieses Gefühl hatte ich beispielsweise in den USA nicht, als ich da ein halbes Jahr gelebt habe. Da hat man nicht auf die Herkunft geschaut, sondern auf den Menschen. Nun zurück zum Thema: In der Türkei werden Kurden nicht als Minderheit betrachtet. Sie können so wie jeder "Türke" am gesellschaftlichen Leben teil haben, sind gleichberechtigt so wie jeder "Türke", bekommen zu Geburt den Türkischen Pass und es wird keine Rassendiskriminierung gemacht. Würde es eine Rassendiskriminierung in der Türkei geben, So hätte es keinen Turgut Özal (türkischer Staatspräsident mit kurdischen Wurzeln), Ibrahim Tatlises (erfolgreichster und reichster türkischer Musiker mit kurdischen Wurzeln) und weitere Politiker in wichtigen Position im Parlament mit kurdischen Wurzeln geben. Der Behauptung im Text ist daher überhaupt nicht zutreffend: "Der Westen unterstützt den Osten, die Mehrheit die kurdische Minderheit." Die türkische Mehrheit unterstützt nicht die kurdische Minderheit. Hier helfen Menschen anderen Menschen. Menschen, die seit jahrhunderten zusammengelebt haben und auch weiterleben werden. Mein Vater stammt halb aus Aserbaidschan, halb ist er Kurde. Meine Mutter eine Türkin. Das ist Reichtum, und ich bin stolz darauf. Und die Mehrheit der türkischen Bevölkerung, sei es Türken, Kurden, Tscherkessen, Lazen, Mescheten, Armenier und andere Völker haben es seit jahrhunderten bewiesen, dass das Zusammenleben verschiedener Völker funktioniert. In Mardin gibt es eine Straße, auf der hintereinander eine Kirche, eine Mosche und eine Synagoge gebaut ist. Das wäre hier in Europa erst nach einigen Jahrhunderten denkbar. Vor allem jetzt, wo viele Medien und Politiker seit einigen Jahren nur Anti-Islamische Propaganda machen.
el_turco 24.10.2011
3. Nicht gut
... finde ich die Darstellung. Als ob sich Kurden und Türken nur am bekriegen sind. Warum wird nicht erwähnt das viele Kurden demonstrieren gehen weil sie nicht damit einverstanden sind das die PKK in ihrem Namen Terror betreibt? Von einem Bürgerkrieg kann man auch nicht sprechen! Die Menschen kommen da besser miteinander aus als man glauben hier in Deutshcland will.
Gandhi, 24.10.2011
4. Richtig
Zitat von osmanli81Ich denke mittlerweile, dass dieses Thema ein hoffnungsloser Fall in Europa und vor allem hier in Deutschland geworden ist. Viele meiner deutschen Freunde erlauben sich einen Urteil über die Türkei zu machen, obwohl sie überhaupt keinen Schimmer über die Türkei haben. Für Türken bedeutet das Wort "Minderheit" eher eine Beleidigung für das kurdische Volk. Der Begriff "Türke" bzw. das Land "Türkei" soll hier nicht die türkische Rasse in den Vordergrund bringen. Ich bin Gegner aller Radikal-Nationalisten, aber es gibt einen elementaren Unterschied zwischen dem türkischen Nationalismus und dem deutschen Nationalismus. Während der deutsche Nationalismus seine Kontur durch Rassenhass kennzeichnet, prägt sich der türkische Nationalismus durch eine Vereinigung alle Völker unter einem Dach, der Türkei. Es gibt natürlich wiederum krasse Ausreisser, die das nicht kapiert haben und den türkischen Nationalismus auf die Rasse reduzieren. Aber der Grundtenor des türkischen Nationalismus ist die Vereinigung aller Völker, nicht die Ausgrenzung. Ich fühl mich beispielsweise hier in Deutschland sehr ausgegrenzt und nicht teil der deutschen Gesellschaft. Obwohl ich gebürtiger Berliner bin, hier und im Ausland studiert habe und derzeit in Berlin arbeite und Steuern bezahle, bin ich immer noch der Türke. Nur sehr selten wurde mir das Gefühl gegeben, dass ich hier heimisch bin. Dieses Gefühl hatte ich beispielsweise in den USA nicht, als ich da ein halbes Jahr gelebt habe. Da hat man nicht auf die Herkunft geschaut, sondern auf den Menschen. Nun zurück zum Thema: In der Türkei werden Kurden nicht als Minderheit betrachtet. Sie können so wie jeder "Türke" am gesellschaftlichen Leben teil haben, sind gleichberechtigt so wie jeder "Türke", bekommen zu Geburt den Türkischen Pass und es wird keine Rassendiskriminierung gemacht. Würde es eine Rassendiskriminierung in der Türkei geben, So hätte es keinen Turgut Özal (türkischer Staatspräsident mit kurdischen Wurzeln), Ibrahim Tatlises (erfolgreichster und reichster türkischer Musiker mit kurdischen Wurzeln) und weitere Politiker in wichtigen Position im Parlament mit kurdischen Wurzeln geben. Der Behauptung im Text ist daher überhaupt nicht zutreffend: "Der Westen unterstützt den Osten, die Mehrheit die kurdische Minderheit." Die türkische Mehrheit unterstützt nicht die kurdische Minderheit. Hier helfen Menschen anderen Menschen. Menschen, die seit jahrhunderten zusammengelebt haben und auch weiterleben werden. Mein Vater stammt halb aus Aserbaidschan, halb ist er Kurde. Meine Mutter eine Türkin. Das ist Reichtum, und ich bin stolz darauf. Und die Mehrheit der türkischen Bevölkerung, sei es Türken, Kurden, Tscherkessen, Lazen, Mescheten, Armenier und andere Völker haben es seit jahrhunderten bewiesen, dass das Zusammenleben verschiedener Völker funktioniert. In Mardin gibt es eine Straße, auf der hintereinander eine Kirche, eine Mosche und eine Synagoge gebaut ist. Das wäre hier in Europa erst nach einigen Jahrhunderten denkbar. Vor allem jetzt, wo viele Medien und Politiker seit einigen Jahren nur Anti-Islamische Propaganda machen.
Verschiedene tuerkische Regierungen haben schon lange eine Politik vertreten, laut der es gar keine kurdische Minderheit gab, weshalb der Schulunterricht auf Kurdisch verboten war. Die Kurden waren ja schliesslich "Bergtuerken". Sie moegen das "Einheit der Nation" nennen, fuer mich klingt es eher nach Unterdrueckung. Wenn sich die Respektierung der Rechte der Kurden in den letzten Jahren positiv entwickelt hat, dann war das nicht zuletzt dem Druck von aussen zu verdanken. Eine positve Entwicklung ist durchaus moeglich, dazu gehoert aber auch, dass man sich der Vergangenheit stellt. Was die friedlichen Absichten der tuerkischen Politk betrifft, so denke ich zwangslaeufig auch an die Armenier. Die Erwaehnung des Massenmordes an Armeniern gilt ja auch als Angriff auf die tuerkische Integritaet (und kann mit dem Tod enden).
vierteldeutscheösi 24.10.2011
5. Gesellschafts- und Medienversagen
Zitat von sysopDas verheerende Erdbeben in Ost-Anatolien hat in der Türkei eine Welle der Hilfsbereitschaft entfacht. Der Westen unterstützt den Osten, die Mehrheit die kurdische Minderheit. Doch auch die Katastrophe kann die politischen Grenzen nicht überwinden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,793752,00.html
Stereotype, und Vorurteile. Diese gedanklichen Reduktionen aus Unfähigkeit, komplex zu denken, sind neben Gier und (Ab)Wertung anderer, die entscheidendsten Faktoren wenn ein friedliches Nebeneinander nicht gelingt. Sobald solche Simplifizierungen kollektiv übernommen werden, wird es ganz schnell unfriedlich. Mit ein Grund, warum man die radikale Rechte in allen Gesellschaften zurückdrängen muss, denn solche gedankenlosen Verallgemeinerungen, gepaart mit Sündenbocktheorien sind ja deren "täglich Brot". Im Medienzeitalter gäbe es eigentlich gute Möglichkeiten dem entgegenzuwirken, indem zum Beispiel öfter mal "die andere Seite" auf individuell-persönliche Art und Weise vorgestellt wird. Aber es funktioniert nicht. Weil die Medien allerorten zuerst seicht unterhalten und dann erst, wenn der "brave" Durchschnittsbürger endlich die Äuglein schließt, auch mal ihrem Bildungsauftrag nachkommen. Solche verpasste Möglichkeiten - wie immer aus Gründen der Profitgier - könnten Menschenleben retten! Und nun hofft man auf die Wirkung dargestellten Leids... dieser Effekt kann aber nur kurzfristig helfen, gleich wieder wird der kleine Mann mit Hass und Neid gefüttert und alles bleibt beim alten, bis in Ewigkeit, amen.
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