Türkischer EU-Beitritt Hat Erdogan den Papst falsch zitiert?

Mit seiner demütigen Art hat sich der Papst in Ankara unerwartet Freunde gemacht - eine gute Ausgangsposition für die nächsten Stationen seiner Reise: Ephesus und Istanbul. Derweil rätseln Beobachter noch, was Benedikt dem türkischen Premier wirklich gesagt hat.


Ankara - Noch herrscht Unklarheit über Äußerungen des Papstes zu einem türkischen EU-Beitritt. Der Vatikan wollte Äußerungen von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nicht bestätigen, wonach Benedikt sich ihm gegenüber für eine Mitgliedschaft der Türkei in der EU ausgesprochen habe.

Benedikt in Ankara: Keine politische Kompetenz?
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Benedikt in Ankara: Keine politische Kompetenz?

Vatikansprecher Federico Lombardi sagte, der Heilige Stuhl habe in solchen politischen Fragen keine Kompetenz. Er betrachte die Annäherung der Türkei an Europa aber als positiv. Vor seiner Wahl zum Papst im April 2005 galt Kurienkardinal Joseph Ratzinger als Gegner eines türkischen EU-Beitritts.

Erdogan hatte den Papst bei seiner Ankunft in Ankara ohne jede Zeremonie zu einem Gespräch auf dem Flughafen empfangen. Nach dem Treffen sagte Erdogan, der Papst teile seine Auffassung, dass der Islam eine "Religion des Friedens, der Toleranz und der Liebe" sei.

Benedikt XVI. wird im Laufe des Tages in der Stadt Ephesus an der Ägäisküste erwartet. Der Legende nach soll die Mutter Jesu Christi dort ihre letzten Lebensjahre verbracht haben. Am "Marienhaus" soll der Papst eine Messe lesen. Die Verehrung des Ortes geht auf die Visionen einer deutschen Mystikerin zurück. Das Haus ist für Christen und Muslime gleichermaßen ein Wallfahrtsort.

Im Anschluss an die Messe reist der 79 Jahre alte Kirchenführer nach Istanbul weiter. Dort trifft das Oberhaupt der katholischen Kirche zu einer ersten privaten Unterredung mit dem orthodoxen Patriarchen Bartholomäus I. zusammen. Die Annäherung zwischen Rom und den Orthodoxen ist eines der Hauptanliegen der viertägigen Papstreise in die Türkei.

So hat Benedikt seinen Besuch gestern auch mit einer überraschen sanftmütigen Botschaft des Dialogs und der Versöhnung zwischen Christen und Muslimen begonnen. Der Papst mahnte echte Religionsfreiheit für die dort lebende christliche Minderheit an. Unter den rund 70 Millionen Muslimen in der Türkei leben lediglich etwa 100.000 Christen.

Fast drei Monate nach seinen umstrittenen Äußerungen zum Thema Islam und Gewalt in Regensburg hatte der Papst bei einem Treffen mit dem Chef der türkischen Religionsbehörde, Ali Bardakoglu, zugleich Gemeinsamkeiten zwischen Christen und Muslimen betont. Beide Religionen vereine der Glaube an den einen Gott sowie das Streben nach Frieden und Gerechtigkeit in der Welt, sagte er. In einer Rede vor Diplomaten warnte er zudem davor, Terror und Gewalt religiös zu rechtfertigen.

Auch Bardakoglu warb bei dem Treffen in Ankara für Dialog und Ausgleich, warnte aber auch vor einer um sich greifenden "Islamphobie". Diese gegen den Islam gerichtete Haltung bringe zum Ausdruck, "dass der Islam durch seine Geschichte und Quellen zur Gewalt ermuntert und der Islam mit dem Schwert in der Welt verbreitet wurde". Damit kritisierte Bardakoglu auch die Äußerungen Benedikts auf dessen Bayernreise und das von ihm verwendete Zitat eines byzantinischen Kaisers aus dem 14. Jahrhundert.

dab/Reuters/dpa/AP



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