U-Bahn-Treter vor Gericht "Er war schockiert"

Svetoslav S. trat in der Berliner U-Bahn eine Frau die Treppe hinunter. Verwandte beschreiben ihn als Mann, der sich nach einem Unfall nur mit Drogen aushalten konnte - und dann zunehmend aggressiv wurde.
Von Uta Eisenhardt
Der Angeklagte Svetoslav S. im Berliner Landgericht

Der Angeklagte Svetoslav S. im Berliner Landgericht

Foto: Paul Zinken/ dpa

Ein entsetztes Raunen geht durch das Publikum. "Oh Gott", rufen einige Prozessbeobachter, als auf einer Leinwand über dem Richtertisch ein Video gezeigt wird. Da stürzt eine junge Frau kopfüber die Treppe zum U-Bahnsteig Hermannstraße herunter, lässt alles fallen, was sie in den Händen hält, um die Folgen des Sturzes zu mildern.

Die Bilder entstanden in der Nacht zum 27. Oktober 2016. Die junge Frau fiel nicht grundlos die Treppe herunter, wie Bilder aus einem anderen Blickwinkel zeigen: Sie stürzte, weil Svetoslav S. ihr kräftig in den Rücken trat.

Das Erste, was beim Anblick des Angeklagten im Berliner Landgericht auffällt, ist eine unregelmäßige Narbe auf seiner rechten Kopfseite. Sie ist so breit, dass trotz seiner dichten schwarzen Haare die Kopfhaut zu sehen ist. Vor neun Jahren hatte Svetoslav S. einen schweren Verkehrsunfall.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 28-jährigen Bulgaren neben der gefährlichen Körperverletzung, die mit einer Höchststrafe von zehn Jahren Haft geahndet werden kann, zwei exhibitionistische Handlungen vor, die er vierzehn Tage vor dem Treppenstoß begangen haben soll.

Zu diesen beiden Vorfällen wollte der Angeklagte, der sich über seinen Verteidiger Frank Ulrich äußerte, nichts sagen. An den Tritt könne er sich nicht erinnern. "Ich habe das Video und mich gesehen. Ich fand es selbst grauenhaft. Es tat mir sehr leid. Ich kann es mir nicht erklären." Er gibt an, an dem Abend Alkohol, Haschisch, Crystal Meth und Kokain konsumiert zu haben.

Solche Einlassungen hört man oft vor Gericht, schnell gelten sie als Schutzbehauptungen. Auch im Fall von Svetoslav S. ist Vorsicht geboten, schließlich zeigt das Video einen Mann, der sicher Treppen gehen und auf einem Bein stehen konnte, während er mit dem anderen zutrat.

Entsprechend skeptisch befragt die Vorsitzende Richterin Sylvia Busch die Zeugen, darunter drei Männer, die den Angeklagten in jener Oktobernacht begleitet hatten - seine beiden Brüder und sein Neffe. Gegen alle drei ermittelte die Berliner Staatsanwaltschaft wegen unterlassener Hilfe - und stellte das Verfahren im Februar wieder ein.

Streit mit der Frau

Vor Gericht bestätigen sie einhellig die Angaben des Angeklagten. Er habe sich nach der Arbeit auf einer Baustelle in einer lockeren Runde in einem Park getroffen, sich unterhalten und Alkohol getrunken, dann sei er an einen anderen Ort gezogen und habe weiter Alkohol und Drogen konsumiert.

Auch die Ehefrau von Svetoslav S. will sich an jene Nacht noch gut erinnern, in der sie gegen 23 Uhr am Telefon mit ihrem Mann gestritten habe. "Ich habe ein paar Ausdrücke gesagt, weil ich eifersüchtig war", sagte die 27-jährige Mutter von drei Kindern im Alter von sieben bis zehn Jahren.

Über Verwandte habe sie im Dezember von dem Überwachungsvideo erfahren, das ihren Mann zeigt, wie er mit Bierflasche in der einen und Zigarette in der anderen Hand seinem Opfer nacheilt und es mit einem kräftigen Tritt in die Tiefe befördert. Gemeinsam mit Svetoslav S. hätten sie das Video im Internet angesehen.

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"Er war schockiert. Jeder, der das gesehen hatte, war schockiert", erzählt sie weinend vor Gericht. "Drei Tage war er krank." Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Paar in Marseille, wo es über eine Verwandte Arbeit in einem Restaurant gefunden hatte. S. und seine Frau wollten Geld verdienen, um in Berlin eine Wohnung für sich und ihre drei Kinder anzumieten. Sie gaben den Plan auf und fuhren mit dem Fernbus nach Berlin, wo Svetoslav S. bereits von der Polizei erwartet wurde.

"Ich habe es sehr bereut, dass ich ihn am Telefon geärgert habe, als ich das Video gesehen habe", bekundet seine Frau im Zeugenstand. Svetoslav S. lässt über seinen Verteidiger vortragen, der Streit habe seine "Laune negativ beeinflusst". Zudem habe ihn sein älterer Bruder provoziert. Mit dem Drogenmix habe er das ausblenden wollen.

"Wenn er Alkohol und Drogen genommen hat, weiß er nicht, was er macht."

Entscheidender ist aber das, was alle Verwandten des Angeklagten über die Folgen seiner schweren Kopfverletzung äußern. "Sein Kopf war abgegangen", so formulierte es sein Neffe. Zweimal sei er operiert worden, die Ärzte hätten gesagt, dass es zu Wesensveränderungen kommen könne. "Und so ist es auch gewesen", bestätigt seine Frau. "Vor dem Unfall war mein Mann gut. Er hat die Kinder und seine Familie gut behandelt. Nach dem Unfall ist er aggressiv geworden." Jeden Tag habe er nun Haschisch konsumiert. Sein Neffe sagt: "Wenn er keine Drogen gezogen hat, konnte er das nicht aushalten." Unter Alkoholeinfluss habe seine Aggressivität zugenommen.

Das Schicksal des Angeklagten wird nun von der Einschätzung des psychiatrischen Gutachters Alexander Böhle abhängen. Hält er S. für vermindert schuldfähig oder gar schuldunfähig, muss das Gericht prüfen, ob er besser in einer forensischen Psychiatrie aufgehoben wäre. Vielleicht empfiehlt der Sachverständige auch eine Einweisung in eine Entziehungsanstalt, denn die Frau von S. sagt: "Wenn er Alkohol und Drogen genommen hat, weiß er nicht, was er macht."

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