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Ü18-Kinderbuch: "Verar**h mich nicht länger. Schlaf ein"

Ü18-Kinderbuch Schlaf, Monster, schlaf

Es ist das ewige Drama an der Bettkante: Wenn Kinder partout nicht schlafen wollen, verzweifeln Eltern. Jetzt schreibt sich ein Vater den Frust vom Leib. Sein deftiges Kinderbuch "Verdammte Scheiße, schlaf ein!" ist nur bedingt für die Kleinen geeignet - aber schon jetzt eine Internet-Sensation.

Keine Chance. Vivien geht heute nicht mehr ins Bett. Das hat sie früh beschlossen, ihren Eltern unmissverständlich klargemacht - und dabei bleibt es auch. Wie jede Zweijährige kennt sie die Tricks zum Nichteinschlafen, nun ja, im Schlaf. Im Zehnminutentakt streut sie taktische Kurskorrekturen ein. Erst hat sie sooooo einen Durst - der Klassiker. Dann Angst vor der Dunkelheit - geht immer. Das Monster unter dem Bett - ein lang nicht mehr gespielter Trumpf.

Wenn Autor Adam Mansbach über die allabendlichen Dramen im Kinderzimmer von Töchterchen Vivien spricht, klingt er immer noch erschöpft. Bis zu zwei Stunden währten die Psychoduelle. Über Monate ging das so. Und mehr als einmal gewann der Dreikäsehoch, irgendwann schlummerte Papa am Bettrand.

Es ist ein Kampf, den wohl alle Eltern schon gefochten haben. Mit einem kleinen Unterschied: Adam Mansbach ist nicht nur Viviens Vater, sondern eben auch Buchautor. Und so hat er seinen Frust in Reimform zu Papier gebracht, von einem professionellen Zeichner illustrieren lassen - und als Kinderbuch auf den Markt geworfen.

Als Schnapsidee eigentlich. Einen Internet-Hype später jedoch steht "Go the F**k to Sleep" an der Spitze der Buchcharts beim Online-Händler Amazon. An diesem Dienstag erscheint das Werk auch in Deutschland, leicht entschärft als "Verdammte Scheiße, schlaf ein!" .

Ein höflicher Verzicht auf die Nachtruhe

Die erste Zeile für dieses moderne Autorenmärchen schreibt Mansbach irgendwann im Juni 2010 im sozialen Netzwerk Facebook: "Wartet nur auf mein neues Kinderbuch: 'Go the --- to Sleep'." Es ist ein Scherz, gerichtet an seinen Freundeskreis im Internet und geboren aus einem neuen stundenlangen Einschlafduell mit Vivien.

"Ich war einfach nur erledigt", sagt Mansbach. "Die schlimmsten Abende habe ich aus meiner Erinnerung verbannt. Es hat aber regelmäßig bis zu zwei Stunden gedauert, bis sie eingeschlafen war." Wenn ihm der Quälgeist den letzten Nerv raubt, so Mansbach, dann stets formvollendet: "Vivien war nie, oder sagen wir fast nie, wirklich garstig. Es war vielmehr ein höflicher, konsequenter Verzicht auf die Nachtruhe."

Die Reaktion aus dem Bekanntenkreis ist überwältigend, die Idee geboren - und so schickt der heute 34-Jährige immer mal wieder einen neuen bitterbösen Reim ins Netz. Ein Beispiel:

Der Wind flüstert sanft durch die Gräser.

Die Feldmaus rollt sich ganz klein.

Ich sitze hier bald eine Stunde, mein Kind.

Verdammte Scheiße. Schlaf ein.

Das Echo bleibt positiv und langsam reift das Konzept für ein Satirebuch. "Am Anfang war es tatsächlich nur ein Jux - und eine tüchtige Portion Frust. Aber dann haben alle gesagt: 'Das MUSST du veröffentlichen.' Selbst Freunde ohne Kinder fanden die Idee gut", sagt der Autor.

Vom Jux zum Hype zum Bestseller

Zusammen mit Illustrator Ricardo Cortés werkelt er an den Zeichnungen, fügt Text und Bilder zusammen. Ein gutes halbes Jahr dauert die Kollaboration bis zum fertigen Buch. Für den Text hat Mansbach allerdings nur wenige Tage gebraucht, "den hatte ich im Kopf schon fertig."

Der kleine Verlag Akashic Books lässt 10.000 Exemplare drucken, Ende Oktober 2011 soll das Buch in den USA erscheinen. Dann explodieren plötzlich die Vorbestellungen. Im Internet kursieren gescannte Versionen von "Go the F**k to Sleep", die Facebook-Seite kann sich vor neuen Freunden nicht retten.

"Ein wenig unwirklich" nennt Mansbach den Hype, der sich über Twitter und Co. nahezu wöchentlich steigert. Das Buch klettert bei Amazon in die Top 100, dann in die Top 20 und schließlich auf Platz eins. Dabei ist das "Trostbuch für verzweifelte Eltern" noch lange nicht erhältlich, die Zahlen basieren nur auf Vorbestellungen.

Nächstes Projekt: Die U18-Version

Der Verlag lässt nachdrucken - und dann noch einmal nachdrucken. Mit mehr als 200.000 Exemplaren startet die US-Erstauflage im Juni, Monate früher als geplant. In rund 20 Ländern landen übersetzte Versionen auf den Markt, sogar die Filmrechte wurden Mansbach aus der Hand gerissen.

Ein zweiter Teil ist trotz des sensationellen Erfolges vorerst nicht geplant, wohl aber eine U18-Version. "Wir haben schnell gemerkt, dass das Buch auch für Kinder funktioniert, natürlich ohne die Kraftausdrücke. Die Geschichte von dem Kind, das seine Eltern an der Nase herumführt - das kommt an. Das ist auch das nächste Projekt: eine entschärfte, jugendfreie Ausgabe."

Tochter Vivien ist inzwischen drei Jahre alt, hat sich den Mittagsschlaf abgewöhnt - und braucht am Abend manchmal nur noch 15 Minuten, um abzuschalten. "Ein Geschenk des Himmels", nennt Mansbach diese Entwicklung.

Einen todsicheren Tipp für gestresste/übermüdete/frustrierte Eltern hat der Autor auch nach durchstandener Leidensphase nicht parat, dafür aber einen kleinen Trost: "Das geht vorbei, ganz bestimmt."

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