Umfrage in Deutschland Fast die Hälfte der Eltern schlägt ihre Kinder

Sie tun es, wenn auch mit schlechtem Gewissen: In einer repräsentativen Studie gaben 40 Prozent der befragten Eltern in Deutschland zu, ihren Kindern einen "Klaps auf den Po" zu verpassen. Daneben greifen sie auch zu subtilen, nicht weniger schädlichen Maßnahmen.
Klaps auf den Po (Symbolbild): Jungen werden häufiger geschlagen als Mädchen

Klaps auf den Po (Symbolbild): Jungen werden häufiger geschlagen als Mädchen

Foto: Corbis

Berlin - 40 Prozent der Mütter und Väter in Deutschland geben zu, ihren Kindern einen sogenannten "Klaps auf den Po" zu geben. Zehn Prozent verteilen Ohrfeigen. Zu harten Körperstrafen wie "Hinternversohlen" greifen vier Prozent der Eltern. Das geht aus einer Forsa-Umfrage der Zeitschrift "Eltern" hervor. Vom 10. bis 24. November wurden 1003 Eltern in Deutschland mit mindestens einem eigenen Kind bis 14 Jahre interviewt. Die Ergebnisse wurden am Montag in Berlin präsentiert.

Demnach werden Jungen häufiger geschlagen als Mädchen. Interessant sind die Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern: Während im Westen 42 Prozent der Eltern einen "Klaps auf den Po" verteilten, waren es im Osten nur 32 Prozent. Ostdeutsche Eltern wurden der Studie zufolge in ihrer eigenen Kindheit seltener geschlagen als westdeutsche. Dafür wird in den neuen Bundesländern häufiger geohrfeigt (14 Prozent im Osten, neun Prozent im Westen).

Der Umfrage zufolge werden jüngere Kinder häufiger auf den Po geschlagen und bekommen seltener Ohrfeigen. Jungen werden eher geschlagen als Mädchen: 39 Prozent der Eltern von Mädchen gaben den Kindern einen "Klaps auf den Po", im Vergleich zu 45 Prozent der Eltern von Jungen. Beim Hinterversohlen leiden die Jungen doppelt so häufig wie die Mädchen (sechs beziehungsweise drei Prozent).

In vielen Fällen scheint Überforderung ein Motiv für Schläge zu sein: Je mehr Kinder die Befragten hatten, desto häufiger wurden die Eltern handgreiflich. Bei drei oder mehr Kindern bekannten 47 Prozent, den Nachwuchs auf den Hintern zu schlagen.

Eisernes Schweigen statt Stockhiebe

Bestimmte Formen der Bestrafung scheinen der Vergangenheit anzugehören: Die Frage nach der Anwendung von Stockhieben beantworteten 100 Prozent der Befragten mit "niemals". 90 Prozent ohrfeigen ihre Kinder laut eigener Aussage nie, Hinternversohlen ist bei 95 Prozent verpönt.

Als Hauptgrund für Bestrafungen wird "Unverschämtheit" angegeben (51 Prozent), gefolgt von Ungehorsam (40 Prozent) und Aggression gegenüber den Eltern (40 Prozent). Gut ein Viertel der Eltern strafte, weil die Kinder ihre Geschwister angingen. Lügen und "sich selbst in Gefahr bringen" wurden mit 17 beziehungsweise 16 Prozent als Grund für Strafen angegeben.

Wenn die Eltern nicht körperlich züchtigen, greifen sie zu anderen Maßnahmen: 93 Prozent gaben zu, in Fällen der Eskalation laut zu werden, 85 Prozent sprechen Verbote aus. 47 Prozent verordnen im Ernstfall ihrem Kind eine Auszeit ("Stiller Stuhl"), 43 Prozent hauen buchstäblich auf den Tisch.

Doch auch subtile psychologische Tricks werden angewandt: Immerhin 26 Prozent bestrafen ihre Kinder bei Übertretungen damit, dass sie sie ignorieren und nicht mehr mit ihnen sprechen - pädagogisch erwiesenermaßen wenig wertvoll.

Im Vergleich zu einer ähnlichen Befragung in den Jahren 2006/2007 sank die Anzahl der Eltern, die ihrem Kind in den vergangenen zwölf Monaten einen "Klaps" gaben, allerdings von 46 auf 40 Prozent. Der Anteil der Eltern, die eine Ohrfeige verabreichten, ging von elf auf zehn Prozent zurück, derjenige jener Eltern, die den Hintern versohlten, von sechs auf vier Prozent.

Stress und Hilflosigkeit

Drei Viertel der Erwachsenen (74 Prozent) hatten ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihr Kind körperlich gezüchtigt hatten - bei Frauen war die Reue größer als bei Männern. In der Umfrage 2006/2007 lag diese Zahl bei 71 Prozent. Die Auftraggeber der Studie sehen deshalb die Ergebnisse insgesamt eher positiv: Gewalt in der Erziehung ist rückläufig und meist mit einem schlechten Gewissen verbunden, so ihr Fazit.

"Eltern schlagen heute fast immer aus Stress und Hilflosigkeit, aber kaum noch, weil sie glauben, ihrem Kind damit etwas Gutes zu tun", sagt Gewaltforscher Kai Bussmann, Professor für Strafrecht an der Universität Halle. Seit dem Jahr 2000 hat das Bürgerliche Gesetzbuch für Deutschland deutliche Regeln festgeschrieben: "Kinder haben ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung". Nach Angaben des Deutschen Kinderschutzbundes stimmen diesem Grundsatz inzwischen auch über 90 Prozent der Eltern zu.

In Westeuropa liegt Deutschland mit diesen Quoten im Mittelfeld: In Deutschland wird weniger geschlagen als in Frankreich, das Körperstrafen bei Kindern noch nicht mit einem Gesetz ächtet, aber deutlich mehr als in Schweden, das bereits 1979 das Recht auf gewaltfreie Erziehung festschrieb. In ganz Skandinavien führte das mit der Zeit zu einem Gesellschaftswandel. Darauf hoffen auch die deutschen Kinderschützer.

"Gesetze ändern das Bewusstsein", sagt Oliver Steinbach, Vize-Chefredakteur der Zeitschrift "Eltern" zu den Ergebnissen der Umfrage. Besonders positiv sei, dass es Eltern nach dem Schlagen ihrer Kinder nicht besser gehe, sondern eher schlechter. Viele entschuldigten sich hinterher beim Nachwuchs. Über die Hälfte der Eltern glaube zudem ohnehin nicht, dass Schläge Wirkung zeigten.

Die düsteren Zukunftsvisionen der Kinder

Ebenfalls in Berlin wurden am Montag die Ergebnisse einer Studie des des Instituts Iconkids & Youth veröffentlicht. Die Zeitschrift "Eltern Family" hatte diese nicht repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben, in der 710 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren ihre Sicht auf die Erwachsenen und die Welt darlegten. Im vergangenen November beantworteten sie Fragen zu ihrer Lebenssituation. Es zeigte sich, dass ihr Blick im Vergleich mit der derselben Befragung von vor sechs Jahren kritischer geworden ist.

Demnach ist die Mehrheit der Kinder in Deutschland davon überzeugt, dass Erwachsene sich nicht genug um die Umwelt kümmern, dass Politiker nicht die Wahrheit sagen und die Welt irgendwann nicht mehr lebenswert ist. Rund 68 Prozent der Kinder stimmen der Aussage zu, dass Politiker zwar sagen, sie wollten Menschen helfen, es aber nicht tun. 2006 meinten dies 51 Prozent der Kinder.

"Kinder bekommen durch die Medienwelt von heute mehr mit - im vergangenen Jahr zum Beispiel den Reaktorunfall in Fukushima", erklärte Axel Dammler, geschäftsführender Gesellschafter von Iconkids & Youth. Die Bilder einer solchen Katastrophe prägten das Verständnis. Hinzu komme, dass Kinder sich trauten, ihre Meinung zu sagen.

Etwa 69 Prozent der Kinder fanden, dass Erwachsene sich zu wenig um Umwelt und Tiere kümmern (2006: 54 Prozent), etwa 62 Prozent hatten "Angst", dass sie "irgendwann nicht mehr auf der Welt leben können", weil die Menschen sie "kaputt" machen (2006: 49 Prozent).

Bedenklich stimmt, dass sich mehr als ein Drittel der Kinder offenbar nicht nur mit ihren düsteren Prognosen alleingelassen fühlen: Der Anteil derer, die sich "manchmal allein" fühlen, stieg von 34 auf 42 Prozent. Etwa 45 Prozent der Kinder sagten, es gebe Tage, an denen sie sich "traurig und wütend" fühlen und nicht wissen warum. Das waren zehn Prozentpunkte mehr als vor sechs Jahren.

ala/dpa/AFP