Umgang mit Nadja Drygalla Haltung und Heuchelei

Nadja Drygalla hat den Polizeidienst verlassen und Olympia auch. Freiwillig und ohne dass sie sich etwas hat zuschulden kommen lassen, wie ihre Chefs in Politik und Sport betonen. Die Ruderin wurde aufgefordert, Haltung zu zeigen. Dabei versagen vor allem Politik und Sportfunktionäre in diesem Punkt.
Ruderin Drygalla: Abgereist von den Olympischen Spielen

Ruderin Drygalla: Abgereist von den Olympischen Spielen

Foto: Bernd Wüstneck/ dpa

Was ist eigentlich das Problem?

Die Berichterstattung, sagt SPD-Innenexperte Sebastian Edathy, und spricht von einer Hexenjagd gegen Nadja Drygalla, die Ruderin.

Der Ruderverband, sagt Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering. Der habe es versäumt, Nadja Drygalla zu schützen.

Der Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns, sagt der Deutsche Ruderverband. Der habe es versäumt, die Informationen zu Drygalla weiterzugeben.

Die Kommunikation, sagt Landesportbundchef Wolfgang Remer. Man habe versäumt, den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zu informieren.

Die Beziehung zu Michael Fischer, dem NPD-Kandidaten, ja klar, da sind sich alle einig, die ist das Problem.

Eine Antwort aber fiel in den vergangenen Tagen nicht, es wäre die naheliegendste gewesen: Nadja Drygalla selbst.

Sie war allem Anschein nach nicht das Problem, sie wurde nur zu einem gemacht. Das ist bezeichnend, wenn man sich überlegt, was sie alles dafür hat in Kauf nehmen müssen, dass ihr offenbar eigentlich nichts vorzuwerfen ist. Außer dass sie liiert ist mit einem Mann, der für die NPD kandidierte und sich für die NPD engagierte. Das macht ihn nicht sympathisch, allein: Verboten ist es nicht.

Und gleiches gilt für Drygalla. Dass sie mit einem Mann zusammen ist, der für ein rechtes Portal schreibt, auf dem eine Gedenkveranstaltung für das NSU-Opfer Mehmet Turgut mit einem Döner bebildert wird und der wohl auch gegen diese Gedenkveranstaltung protestiert hat, ist schwer nachvollziehbar. Aber es ist ihre Sache.

Noch ist nicht erwiesen, dass Michael Fischer sich etwas hat zuschulden kommen lassen. Die Staatsanwaltschaft führt ein Ermittlungsverfahren, doch gesagt ist damit noch nichts. Die Unschuldsvermutung gilt auch für Menschen, deren politische Gesinnung man für verachtenswert hält. Und vor allem ist damit nichts gesagt über Nadja Drygalla.

Über eine Nominierung für den Olympia-Kader entscheiden nicht Sympathiekriterien, sondern die Leistung. Deutschland hat Nadja Drygalla nach London geschickt, weil sie gut rudern kann; nicht, weil sie eine politische Vordenkerin ist.

Auf dem Prüfstand steht nun etwas, das weniger ist als eine Gesinnung, aber mehr als eine Frage der Sympathie: die Haltung.

Den Polizeidienst hat Nadja Drygalla Ende September so freiwillig verlassen, wie man ihn als Mitglied der Sportfördergruppe kurz vor der Verbeamtung eben freiwillig verlässt, nachdem man intensive Gespräche mit dem Innenministerium hat führen müssen. Der Grund für ihr Ausscheiden war die Haltung. Offenbar nicht ihre eigene, sondern die, die man ihr unterstellte, weil sie mit Fischer liiert war und es auch blieb.

Nachdem sie ihre olympischen Pflichten erfüllt hatte, wurde Drygalla in der vergangenen Woche ein weiteres Mal wegen ihrer Beziehung zur Rechenschaft gezogen. Medienwirksam musste sie die Spiele verlassen, obwohl sie den Chef de Mission, Michael Vesper, in einem 90-minütigen Gespräch hatte überzeugen können, eben nicht die Überzeugungen ihres Freundes zu teilen. Er habe "keine Zweifel, dass sie auf dem Boden des Grundgesetzes" stehe, sagte Vesper. Warum aber ist sie dann nicht geblieben?

Auf Distanz, von London nach Rostock

Es gab eine Pressekonferenz, es gab eine Erklärung. Das olympische Dorf zu verlassen war ein symbolischer Akt. Man hatte mit Drygalla ein Problem in den Flieger nach Hause gesetzt, das laut dem DOSB gar keines war. Aber zu einem hätte werden können, hätten die ausländischen Medien, allen voran die britischen mit ihrer Nazi-Obsession, die Begriffe Deutsche Ruderin - Neonazi - NPD - blond - Polizei - NSU in einen Kontext gebracht.

Es war für die deutsche Delegation eine Frage der Haltung: nicht der Sportlerin (denn die hatte sich ja erklärtermaßen nichts zuschulden kommen lassen), sondern der eigenen.

Die Botschaft war klar: Wir sind so was von nicht rechts, dass sogar Olympioniken gehen müssen, die auch nur einen Freund haben, der rechts ist. Seht her, wie sehr wir auf Distanz gehen, knapp 875 Kilometer Luftlinie, von London bis Rostock. Die Olympischen Spiele strotzen vor Symbolik, und anders ist die Abreise nicht zu verstehen. Wieder hat Drygalla angeblich freiwillig eine Entscheidung getroffen, die andere für das erklärtermaßen Beste hielten. Wieder war sie das Bauernopfer.

Es waren die Funktionäre im Sport und in der Politik, die in beiden Fällen daran gescheitert sind, das zu zeigen, was sie von Drygalla einforderten: Haltung.

Wenn sie sich nichts hat zuschulden kommen lassen, wenn sie, wie Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier sagt, im Polizeidienst nie durch rechtsextreme Äußerungen aufgefallen ist, warum musste sie dann den Job und somit die Sportförderung quittieren?

Aktionismus auf Drygallas Kosten

Wenn der DOSB keine Zweifel an ihrer Einstellung hatte, warum musste sie dann abreisen? Wo bleibt die Haltung? Zu sagen: Die NPD ist eine Partei, deren Ziele wir nicht teilen und deren Einstellung wir nicht dulden, aber sie ist eben keine verbotene Organisation, und deshalb kann eine Demokratie es verkraften, dass es Menschen gibt, die mit Menschen zusammen sind, die sich in der Partei engagieren?

Politik und Sportfunktionäre haben die Frage nach ihrer Haltung schlicht mit Aktionismus überdeckt. Weg mit ihr, und zwar so schnell es geht. Sie haben sich zu profilieren versucht als wackere Kämpfer gegen rechts. Damit bloß niemand hinterher hätte sagen können, man habe sich nicht klar positioniert. Das Ergebnis ist nicht Haltung. Es ist Heuchelei.

"Wir sind der Meinung, dass eine Beziehung allein nicht reicht, sondern dass es auf den Menschen selbst ankommt, was er getan hat", sagt Ministerpräsident Sellering. Ausgerechnet diejenigen, die sich jetzt die größten Sorgen um die Sportlerin machen, haben maßgeblich daran mitgewirkt, ihre Zukunft zu verbauen: indem sie ihr aus offenbar prophylaktischen Gründen nahelegten, die Polizei und die Olympischen Spiele zu verlassen. Ob die 23-Jährige eine Chance in der Bundeswehr-Sportförderung bekommt, ist unklar. Sie ist schwer vermittelbar, solange sich die Herren nicht positionieren. Solange sie keine Haltung annehmen.