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Umstrittene Geste: Die Komiker-Kanaille und seine Quenelle

Foto: IAN KINGTON/ AFP

Umstrittene "Quenelle"-Geste Frankreichs heikle Schupfnudeldebatte

Umgekehrter Hitlergruß oder harmloser Jux-Protest? Der als "Quenelle" bekannte Gruß mit ausgestrecktem Arm wurde von einem rechtsradikalen Komiker als antisemitische Geste etabliert und macht sich als Ausdruck des Widerstands gegen das Polit-Establishment selbständig. Die Symbolik gerät außer Kontrolle.

Eine Quenelle, das ist in Frankreich eigentlich ein Klößchen auf Gemüse-, Fisch- oder Fleischbasis. Die pürierte Masse wird mit zwei Teelöffeln abgezogen und im Wasserbad oder in der Pfanne gegart. Der Form nach ist das schlichte Traditionsgericht aus dem Raum Lyon am ehesten mit der deutschen Schupfnudel vergleichbar.

So weit die gastronomische Vorgeschichte. Neuerdings steht der Begriff "Quenelle" für weitaus Heikleres, eine Grußgeste, die je nach politischem Hintergrund als Akt des Widerstands, als mutiges Zeichen der Systemkritik oder als umgekehrter Hitlergruß verstanden werden kann. In Frankreich hat die Debatte um die "Quenelle", mit der Fußballstar Nicolas Anelka am Wochenende einen Eklat provozierte, längst die politischen Kommentarseiten der Medien erreicht. Besorgt wird diskutiert: Zeichen des gesellschaftlichen Engagements oder antisemitische Hetze?

Dabei ist die Gebärde - der rechte Arm wird mit der Handfläche nach unten ausgestreckt, die andere Hand legt sich je nach gewünschter "Länge" der "Quenelle" quer auf den Oberarm - ursprünglich kaum mehr als ein erhobener Mittelfinger, ein derbes, aber harmloses Signal an einen in Missgunst geratenen Mitmenschen: "Du kannst mich mal!"

Den zweifelhaften Ruf einer politischen Geste erhielt die "Quenelle" erst durch den in Frankreich populären Schauspieler Dieudonné M'bala M'bala. Glaubt man den "Archäologen der 'Quenelle'", so die Tageszeitung "Le Monde", benutzte der gebürtige Kameruner die Gebärde erstmals vor acht Jahren in einem seiner Stücke. Politisch überhöht wurde der Schupfnudelgruß aber erst 2009, als Dieudonné, seinerzeit Gründer einer "antizionistischen Liste", während einer Pressekonferenz erklärte, dass er mit seiner Bewegung dem Zionismus eine "kleine 'Quenelle' reinschieben wolle".

Vom Humorist zum Hasser

Der ehemaligen Humorist, der sich vom Vorkämpfer gegen Sklaverei und gesellschaftliche Ungleichheit zum radikalen Antisemiten gewandelt hat und den Holocaust-Leugner Robert Faurisson zu seinen engen Vertrauten zählt, ist auch berüchtigt wegen seiner Unterstützung für Irans Ex-Präsident Ahmadinedschad, die libanesische Hisbollah oder Syriens Diktator Baschar al-Assad. Dieudonné - oder Dieudo, wie er in Frankreich kurz genannt wird - wurde wegen seiner rassistischen Ausfälle bereits mehrfach verurteilt, gewann aber mit der sich ausbreitenden "Quenelle"-Debatte erneut an Zulauf. Der Verehrer von Jean-Marie Le Pen, dem Ehrenpräsidenten des rechtsextremen Front National, sieht in seiner Geste ein "Symbol wider die Unterwerfung unter das System".

Das Problem: Unter französischen Jugendlichen ist es zum Jux geworden, mit dem zur "Quenelle" ausgestreckten Arm neben ahnungslosen Politikern wie dem Innenminister Manuel Valls zu posieren und die Fotos über soziale Netzwerke zu verbreiten - ein eher genereller Protest gegen soziale Missstände, die Übermacht der Finanzwelt und die Tatenlosigkeit der Politik. Währenddessen zeigen sich rechte Aktivisten mit der "Quenelle" vor Synagogen oder Holocaust-Gedenkstätten.

Die Symbolik gerät zunehmend außer Kontrolle und mündet in ein gefährliches, mit rassistischen Untertönen aufgeladenes Zeichenspiel. Die provokante Gebärde, oft als Jux-Hommage an Komiker Dieudo gemeint, wird zum medialen Selbstläufer. Sehr zum Ärger von Regierung, Justiz oder jüdischen Verbänden, die darin öffentlich propagierten Antisemitismus sehen. Die aufgebrachten Reaktionen befeuern wiederum die Selbstzufriedenheit der "Quenelle"-Aktivisten, die mit ihrer subversiven Gestik das politische System bloßgestellt sehen.

Dieudonné profitiert gleich doppelt von der Diskussion um seine Stinkearm-Geste: Durch seine neue Popularität und neue Fans bei seinen Auftritten wurde er aus dem politischen Abseits zur Kultfigur der angeblichen Systemverweigerer befördert. Die "Quenelle" wird bereits auf T-Shirts oder Kaffeebechern verkauft. Und die geschäftstüchtige Ehefrau des Ex-Komikers hat, so "Le Monde", die "Quenelle" bereits beim Institut für Industrielles Eigentum angemeldet. Ausgerechnet das Zeichen des subversiven Widerstands gegen das System soll als kommerzielle Marke eingetragen werden.

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