Fiese Klo-Erfindung Die Arbeitgebertoilette

Ein Firmengründer meint, der britischen Wirtschaft entgingen Milliarden, weil Angestellte zu lange auf dem Klo hocken - und erfindet ein Mittel dagegen: die unbequeme Toilette. Was soll das?
Schräges Toiletten-Patent: halb Klo, halb Rutsche

Schräges Toiletten-Patent: halb Klo, halb Rutsche

Foto: standardtoilet.net

Hand auf's Herz: Was machen Sie eigentlich, wenn Sie bei der Arbeit auf Toilette gehen? Also abseits des Offensichtlichen?

Was immer es ist, seien Sie sich sicher: Sie sind nicht allein. Laut einer britischen Studie tragen Klos nämlich nicht umsonst den Kosenamen "stille Örtchen". Die Studie "Around the Toilet"  der Sheffield Hallam Universität bestätigt allgemeine Vermutungen, dass viele Menschen dort nicht nur den Bedürfnissen nachkommen, für die Toiletten in erster Linie geschaffen sind.

Etliche nutzen das Klo als Rückzugsort: Im Job oder auf großen Veranstaltungen, bei einer Panikattacke, um auf der Arbeit zu weinen oder kurz bei einem Handy-Game zu verschnaufen und die sozialen Medien zu checken. Befragte sagten: Die Toilette sei der einzige private Ort, während sie unterwegs seien.

Nach fünf Minuten wird's unbequem

Auftritt StandardToilet. Das britische Start-up will das Klo für all jene ruinieren, die es als Ort für eine kurze Auszeit von der Außenwelt schätzen und nutzen. Die Firma hat - Trommelwirbel - die unbequeme Toilette erfunden. Tusch!

Man könnte auch sagen: das Arbeitgeberklo. Der Sitz, so erklärte der Gründer Mahabir Gill der britischen "Wired" , habe ein Gefälle von 13 Prozent. Das sei genug, um nach etwa fünf Minuten anstrengend und unbequem für die Beine zu werden, zugleich sei es nicht steil genug, "um der Gesundheit zu schaden".

Auf die Idee kam der Gründer angeblich, während er selbst vor Toiletten Schlange stand. Für sein Erfolgsrezept hält er, dass seine Erfindung Unternehmern "Geld spart". Schließlich verbringen die Angestellten so weniger Zeit auf dem stillen Ort und mehr an ihren Arbeitsplätzen.

Auf Standardtoilet.net  bekommt der interessierte Unternehmer sogar direkt vorgerechnet, was er sparen kann. Laut "letzten Studien", steht da, verbringe der durchschnittliche Toilettennutzer 25 Prozent mehr Zeit in den Sanitärräumen als nötig. So würden allein Unternehmen in Großbritannien jährlich fast 19 Milliarden Euro ins Klo spülen. Und da sei die Nutzungszeit des Smartphones auf dem Klo noch nicht mal eingerechnet. Handyspiele, das checken der sozialen Medien und das Beantworten von SMS, E-Mails und so weiter würden die britische Wirtschaft weitere 4,7 Milliarden Euro kosten.

Da sieht man sie förmlich vor sich, die Firmenbosse mit den Dollarzeichen in den Augen. Zumal man dank StandardToilet schon für schlappe 170 bis 580 Euro pro Schüssel den Rückzugsorten den Garaus machen könnte.

Nun ja.

Eine Erfindung, die fast zu fies ist, um wahr zu sein. Manchmal überlappen sich ja todernst gemeinte, dem Kapitalismus dienende Innovationen und schräger Internet-Humor derart, dass man so etwas kaum glauben kann. Oder besser: Man will es gar nicht glauben, es nicht wahrhaben.

Selbst dann, wenn die British Toilet Association , ein Interessenverband britischer Nutzer öffentlicher Toiletten, die Erfindung mit einer Pressemitteilung bedacht hat. Selbst, wenn die britische "Wired", der "Guardian"  und die BBC  bereits über die Firma berichtet haben. Zumal StandardToilet sich nicht mehr meldete, als wir um ein Foto des Gründers Mahabir Gill baten und auch nicht reagierte, als wir nach einer Telefonnummer fragten, um noch ein paar Fragen zu klären.

Anruf bei den auf der Website erwähnten Patentanwälten. Leider seien sie zur Verschwiegenheit verpflichtet und könnten keine Auskunft über Patente und Klienten geben. Anruf beim britischen Patentamt. Leider auch hier: eine Mauer des Schweigens. Anruf bei der Firma, die die auf der Website genannten Räumlichkeiten von StandardToilet vermietet. Auch hier sagt die Dame am Telefon, dass sie leider keine Auskunft zu den Mietern geben könne. Aber... "Aber, wenn es keinen Mieter mit Namen Mahabir Gill bei Ihnen gebe, könnten Sie mir das schon sagen, oder?" - "Ja, wenn es keinen gäbe, könnte ich das machen."

Eine heiße Spur

Frage an den Kollegen: "Ich ruf jetzt aber nicht ernsthaft auch noch bei einem Unternehmen in diesem Bürogebäude an und frag nach, ob die Toilettenleute an der Klingel stehen, oder?"
"Doch! Auf jeden Fall", antwortet der Büronachbar. Lachend.

"Ah, ich kenne den Artikel! Die sollen hier ihre Büros haben?", fragt der freundliche Mann am Apparat. "Ja. Ich weiß, es klingt ein bisschen albern, aber könnten Sie vielleicht …" - "Warten Sie, ich lauf schnell runter und schaue, ob die auf der Klingel stehen."

Stehen sie nicht, weder StandardToilet noch der Name des Unternehmenschefs.

Was heißt das jetzt? Natürlich könnte es sein, dass hinter dem Unternehmen weniger steckt, als der Wirbel vermuten lässt. Ein Ein-Mann-Unternehmen, das größer tut, als es ist. Es könnte aber auch sein, dass das alles nur ein herrlicher Quatsch ist. Wechseln wir also vorsichtshalber für den Rest des Artikels in den Konjunktiv.

Ein komplett falscher Blickwinkel

Nehmen wir also an, diese Toiletten gäbe es wirklich, sie gingen wirklich in den Handel. Ein derart derber Vorstoß in die stillen Örtchen seiner Angestellten könnte für ein Unternehmen leicht nach hinten losgehen. Der Toilettenbesuch ist ja nicht nur schwarz oder weiß, dort wird nicht nur das Geschäft verrichtet oder dem Geschäft geschadet.

Dazu befragte "Wired" Dr. Charlotte Jones. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Studie "Around the Toilet" und meint sogar: "Die Zeit, die Arbeitnehmer auf der Toilette verbringen, als eine Bedrohung zu sehen, ist ein komplett falscher Blickwinkel auf das Thema." Die Bedeutung der Toilette als Rückzugsort sage mehr über zu hohe Arbeitsbelastung und empathielose Management-Etagen aus als über die Arbeiter.

Sollte die 13-Prozent-Toilette wirklich zu dem Standard werden, den Unternehmer Gill mit dem Namen seiner Firma heraufbeschwört, würden Angestellte sicher Gegenmaßnahmen ergreifen. Das zeigen schon jetzt die Reaktionen auf Twitter. Dort kündigt eine Nutzerin bereits an, ein Patent für einen Klositzkeil anzumelden, der die Sitzfläche wieder ebnet. Und ein Mann drohte, sich rittlings auf die Kloerfindung zu setzen und so den Effekt ins Gegenteil zu verkehren.

Also machen Sie sich auf was gefasst, Mahabir Gill - und mieten Sie sich Büroräume, oder bringen Sie wenigstens ein Klingelschild an.


Update, 23. Dezember, 18.30 Uhr: Zwischenzeitlich war die Website Standardtoilet.net offline, inzwischen ist sie wieder zu erreichen

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