Unfall bei "Wetten, dass..?" ZDF zieht die Notbremse

Schluss mit gefährlich. Das ZDF sieht sich zwar von jeglicher Schuld an Samuel Kochs Unfall befreit, will aber dennoch auf Stunt-Wetten verzichten. Der Sender setzt stattdessen stärker auf Unterhaltung. Motto: "Bauer erkennt Kühe am Euter."
Unfall bei "Wetten, dass..?": ZDF zieht die Notbremse

Unfall bei "Wetten, dass..?": ZDF zieht die Notbremse

Foto: Oliver Berg/ dpa

"Wetten, dass..?"

Köln - Alle Beteiligten waren sich des Risikos der Wette bewusst: Samuel Koch sprang in der -Sendung am 4. Dezember in Düsseldorf mit Stelzen über entgegenkommende Autos. Beim vierten Versuch stürzte der 23-Jährige und verletzte sich schwer an der Halswirbelsäule. Er ist seitdem gelähmt und wird nach Einschätzung der behandelnden Ärzte "nie mehr normal laufen" können.

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Als Konsequenz aus dem Unfall soll es in der Sendung künftig keine derart riskanten Wetten mehr geben. Zwar sieht sich das durch zwei Untersuchungen von Schuld an dem Unglück freigesprochen. Das ändere jedoch nichts daran, dass die Wetten strenger ausgewählt werden müssten, sagte Programmdirektor Thomas Bellut am Mittwoch. Er sehe mit "Grausen", was in der Vergangenheit so alles an gefährlichen Sachen gelaufen sei.

Bellut ist überzeugt davon, dass die Thomas-Gottschalk-Show auch ohne Wetten mit Stuntman-Charakter funktionieren werde. Verrückte Showeinlagen wie "Bauer erkennt Kühe am Euter" seien oft sogar beliebter beim Publikum, so Bellut.

"Verkettung unglücklicher Umstände"

Der schwere Unfall ist Gutachten zufolge auf eine "Verkettung unglücklicher Umstände" zurückzuführen. Die notwendigen und möglichen Sicherheitsmaßnahmen seien eingehalten worden, teilten das ZDF und ein Experte der Deutschen Sporthochschule am Mittwoch in Köln war.

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Missglückter Stunt: Der Unfall bei "Wetten, dass..?"

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Grund für Kochs Sturz sei ein "bewegungstechnischer Fehler" des Kandidaten in der späten Phase des Anlaufs und beim Absprung gewesen, sagte der vom ZDF beauftragte Gutachter Gert-Peter Brüggemann in einer Pressekonferenz. Brüggemann ist Biomechaniker an der Kölner Sporthochschule und hat den Unfall anhand von Videomaterial und einer Computersimulation rekonstruiert und analysiert. Die zentralen Ergebnisse seiner Untersuchung sind:

  • Koch habe die Arme zu früh hochgerissen und dadurch nicht mehr die nötige Sprunghöhe erreicht.
  • Mit der Größe der Autos habe der Unfall nichts zu tun gehabt.
  • Weder ein anderer Bodenbelag, noch ein zusätzlicher Mattenschutz am Fahrzeug hätten den Unfall und die dabei entstandenen Verletzungen verhindern können.
  • Technische Fehler oder ein Versagen der Sprungstützen konnten nicht nachgewiesen werden.
  • Der Wettkandidat sei auch nachweislich in der Lage gewesen, die Sprünge erfolgreich auszuführen. Koch sei ein "ausgewiesener Turner" gewesen, die athletischen Voraussetzungen "auf jeden Fall gegeben".

Brüggemann, 58, wurde als Gutachter ausgewählt, weil er ein Experte für Laufen und Springen ist. 2007 stand er schon einmal im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, als er in einer Studie zu dem Ergebnis kam, dass der beinamputierte südafrikanische 400-Meter-Sprinter Oscar Pistorius wegen seiner federnden Unterschenkelprothesen gegenüber nichtbehinderten Sportlern im Vorteil ist.

Brüggemann sagte jetzt, er fühle sich durch das große öffentliche Interesse an dem "Wetten, dass..?"-Unfall nicht unter Druck gesetzt. "Es geht um die wissenschaftliche Aufarbeitung und Analyse eines Unfalls. Eine solche Analyse ist a priori objektiv und sachlich. Sie basiert auf Fakten, Zahlen und Berechnungen." Ganz sicher sei er nicht vom ZDF "bestellt" worden, um ein bestimmtes Ergebnis abzuliefern.

Markus Schächter

"Ob die Risikobeurteilung durch das ZDF hinreichend und genügend war, ist schwer zu beurteilen", heißt es in seinem Gutachten. "Zumindest wurden die Wette und der Bewegungsablauf nachweislich auf Machbarkeit geprüft." Der Intendant des Senders, , sagte, das Ergebnis von Brüggemanns wissenschaftlicher Expertise und einer weiteren senderinternen Untersuchung zeige, "dass kein schuldhaftes Verhalten zu dem Unfall geführt hat".

Strengere Kriterien für Wetten

Unabhängig von diesen beiden Untersuchungen prüft die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, ob Ermittlungen zu dem Unfall aufgenommen werden. Dies geschehe immer, wenn Anzeigen eingingen, so ein Sprecher.

Bellut betonte, dass das ZDF weiterhin die Verantwortung für den Unfall trage. "Die Schuld liegt sicherlich nicht beim Kandidaten", sagte er. Ganz bestimmt wollte das ZDF nicht die Botschaft vermitteln, dass es die Sache nach den beiden Untersuchungen nun abhaken wolle. Um Samuel werde sich der Sender weiter kümmern.

Die Auswahl der Wetten werde künftig "nach strengeren Kriterien als bisher erfolgen", sagte Schächter. Dazu führe der Mainzer Sender ein "detailliertes und entsprechend dokumentiertes Prüfverfahren zur Risikoeinschätzung" ein, wie Programmdirektor Bellut mitteilte. "Mit einem einheitlichen und nachvollziehbaren Kategoriensystem prüfen Redaktion, Produktion und Sicherheitsingenieur alle Wettangebote auf Schwierigkeitsgrad, Sicherheitsanforderungen und mögliches Unfallrisiko", so Bellut.

Die Wettideen würden dann auf einer Punkteskala von null bis drei eingestuft - wobei in die höchste Kategorie sportive und akrobatische Wetten fielen, bei denen beispielsweise Geschwindigkeit, Sportgeräte und Fahrzeuge eine Rolle spielten. Wetten dieser "Kategorie drei" könne er persönlich sich "nicht mehr vorstellen bei 'Wetten, dass...?'", sagte Bellut.

Der Programmdirektor kündigte zudem an, Moderator Thomas Gottschalk werde auf Kochs Unfall bei der kommenden "Wetten, dass...?"-Sendung eingehen, die am 12. Februar aus Halle an der Saale übertragen wird. Dem Entertainer wurde am Mittwoch der Grimme-Preis für sein Lebenswerk zuerkannt. Der Unfall habe die Entscheidung nicht beeinflusst, hieß es. Gottschalk hatte die Live-Sendung nach Samuels Sturz abgebrochen.

wit/dpa/AFP
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