Unglück vor Lampedusa Flucht ins nasse Grab

Es war eine vorhersehbare Tragödie: Seit Wochen eskaliert die humanitäre Situation auf der italienischen Flüchtlingsinsel Lampedusa. Jetzt kenterte ein Boot mit Hunderten Menschen aus Nordafrika im stürmischen Mittelmeer. Die Hoffnung, noch Überlebende zu finden, schwindet.
Unglück vor Lampedusa: Flucht ins nasse Grab

Unglück vor Lampedusa: Flucht ins nasse Grab

Foto: Ettore Ferrari/ dpa

Hamburg - Vor zwei Tagen hatte sich ein 13 Meter langes, mit etwa 300 Menschen beladenes Boot von Zuwarah in Libyen nach Malta aufgemacht, in der Nacht zum Mittwoch gegen 4 Uhr erreichten die Migranten maltesische Hoheitsgewässer. Doch dann, rund 40 Seemeilen vor der italienischen Insel Lampedusa, geriet das Schiff bei stürmischer See in Not. Per Satellitentelefon sendete der Kapitän noch einen Hilferuf an die maltesischen Behörden, die daraufhin die Kollegen in Lampedusa alarmierten.

Ein Motorboot der Küstenwache eilte dem Flüchtlingskahn laut der Zeitung "Repubblica" zur Hilfe - vergeblich. Das Schiff war leckgeschlagen und kenterte.

Zunächst hatte es geheißen, an Bord seien 200 Menschen gewesen. Laut Angaben der International Organization for Migration (IOM) befanden sich aber etwa 300 Flüchtlinge auf dem Schiff, die Mehrheit von ihnen Eritreer und Somalier.

Nur 48 konnten bisher gerettet werden. Unter ihnen war auch eine im achten Monat schwangere Frau, die im Inselkrankenhaus gleich nach ihrer Ankunft untersucht wurde. Sechs weitere Personen wurden wegen Unterkühlung behandelt.

Fotostrecke

Lampedusa: Flüchtlingsboot gekentert

Foto: Ettore Ferrari/ dpa

Die italienischen Behörden entsandten zwei weitere Motorboote und einen Hubschrauber der Finanzpolizei. Dessen Pilot ortete mindestens 20 Leichen aus der Luft, die jedoch noch nicht geborgen werden konnten. Unter den Toten sollen Kinder sein. Auch ein maltesisches Flugzeug ist vor Ort.

"Wir geben die Hoffnung nicht auf, weitere Überlebende zu finden", sagte der Leiter der Hafenkommandantur von Lampedusa SPIEGEL ONLINE. Die Rettungsarbeiten gestalteten sich allerdings schwierig: "Wir haben hier drei Meter hohe Wellen", so Pietro Carosia. Bei einer Lufttemperatur von 16 Grad herrscht in der Region böiger Wind mit Geschwindigkeiten von bis zu 30 Knoten. "Die Geretteten stehen nach dem Unglück unter Schock und sind verständlicherweise sehr angespannt", so der Kommandant.

Der Flüchtlingsstrom reißt indes nicht ab. In der Nacht erreichten weitere 351 Migranten Lampedusa. Die Flüchtlinge kämen aus Somalia, Äthiopien, Ghana, Eritrea und Tunesien, berichteten die Behörden. Die Situation im Auffanglager ist Carosia zufolge ruhig. "Die Ankommenden werden ganz normal erstversorgt."

Etwa 400 Migranten haben die Insel am Montag auf dem Luft- oder Seeweg verlassen. Derzeit befinden sich noch weitere 1500 vor Ort.

Massenflucht aus Auffanglager

Von einem "menschlichen Tsunami" sprach Premier Silvio Berlusconi unlängst angesichts der Ausnahmesituation auf der nur 20 Quadratkilometer großen Insel. Etwa 22.000 Einwanderer strandeten hier in den vergangenen Wochen; allein im März landeten 80 Schiffe aus Nordafrika. Der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" zufolge sind die hygienischen Bedingungen im Flüchtlingslager unhaltbar. Die rund 4500 Einwohner der Insel sind schon lange genervt von der unhaltbaren Situation und fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen.

Am Montag reiste Ministerpräsident Berlusconi nach Tunesien, um mit der Übergangsregierung über Maßnahmen zur Eindämmung des Flüchtlingsstroms zu beraten. Rom will täglich 100 Tunesier in die Heimat zurückführen und bietet Tunis im Gegenzug Wirtschaftshilfe an: Demnach soll Tunesien 300 Millionen Euro erhalten - für die Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen, aber auch die Installation eines vernünftigen Radarsystems bei der Küstenwache. 70 Millionen Euro sollen in Maßnahmen zur Reduzierung illegaler Migration verwendet werden.

Bei dem Versuch, über Lampedusa nach Europa einzureisen, sollen in der Vergangenheit Hunderte Menschen ertrunken sein. Erst am Sonntag waren Dutzende Leichen an Afrikas Küste gespült worden. Der Wille, nach den Strapazen ein neues Leben zu beginnen, ist unbändig: Erst am Wochenende kam es in der kleinen Stadt Manduria in Apulien zu einer Massenflucht von 500 Migranten, die dort in einer Zeltstadt untergebracht waren. Sie sollen nach Frankreich geflohen sein. Jetzt soll ein neuer, vier Meter hoher Zaun rund um das Auffanglager gebaut werden, schreibt "Il Tempo".

Angesichts des Flüchtlingsstroms aus Nordafrika drängt die EU-Kommission die Mitgliedstaaten, Kontingente von Migranten aufzunehmen. "Solidarität mit den Nachbarländern zu zeigen und Flüchtlinge aufzunehmen, trägt zum Dialog und zur Kooperation bei", schreibt EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström in der Einladung zum nächsten Treffen der EU-Innenminister am kommenden Montag in Luxemburg. Lampedusa und Malta stünden derzeit "unter extremem Druck", so Malmström.

Mit Material der Agenturen
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.