Unicef-Bericht Die unzufriedenen Kinder

Unicef blickt auf die Kinder und Jugendlichen in Deutschland: Ein Drittel von ihnen ist unzufrieden, Mädchen geht es schlechter als Jungen, und Corona zertrümmert den Traum von gleichen Bildungschancen.
Die Pandemie erschüttert den Lebensalltag vieler Kinder (Symbolbild)

Die Pandemie erschüttert den Lebensalltag vieler Kinder (Symbolbild)

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archigram / Getty Images

Gute Freunde, die Unterstützung der Eltern, Bildung, finanzielle Sicherheit, Gesundheit, Herkunft und Gefahren in ihrem Umfeld: Wie wohl sich Kinder fühlen und wie gut sie Herausforderungen meistern können, hängt laut dem Kinderhilfswerk Unicef vor allem von diesen Faktoren ab. Durch Corona wurden die Grundfesten einer glücklichen Kindheit allerdings ins Wanken gebracht. Kinder dürfen ihre Freunde kaum sehen, Eltern sind ausgebrannt, haben finanzielle Sorgen oder ihre Angespanntheit entlädt sich in Aggressionen.

Der Familiensoziologe Hans Bertram hat für Unicef untersucht, wie es Kindern und Jugendlichen vor der Pandemie ging, und zieht erste Schlüsse, wie sich Corona auf ihr Leben auswirken könnte: »Wir wollten den spätesten Messzeitpunkt vor der Pandemie haben«, sagt er. »Wenn verlässliche Daten vorliegen, können wir sehen, welche Effekte die Pandemie hat.« Dafür hat Bertram Dutzende Datenerhebungen des Bundesamts für Statistik, der OECD, von Eurostat und der Bundesanstalt für Bau und Raumordnung analysiert. Die Mehrheit der Daten stammt aus der Zeit vor der Pandemie.

Unicef-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2021

Der Bericht wurde Prof. Dr. Hans Bertram für das Deutsche Komitee von Unicef verfasst. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen setzt sich weltweit dafür ein, Kinderrechte für jedes Kind zu verwirklichen. Es wurde im Jahr 1946 gegründet und arbeitet heute in mehr als 190 Ländern.

Nach seiner Auswertung ist ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen unzufrieden mit dem Leben, zwei Drittel sind damit zufrieden. In den Niederlanden hingegen sind fast vier Fünftel (79,4 Prozent) aller Kinder mit ihrem Leben zufrieden, in der Türkei nur 43,7 Prozent.

Ein großer Faktor für die Unzufriedenheit von Kindern sei Mobbing. Hans Bertram: »Wenn Kinder in der Schule gemobbt werden, dann sinkt ihre Zufriedenheit enorm.« Gelingt es, Kinder vor Mobbing und Ausgrenzung in der Schule zu bewahren, können ihre Zufriedenheit und ihre Leistungen verbessert werden.

Soziale Benachteiligung

Schon vor Corona hat Deutschland vor allem darin versagt, für Bildungsgerechtigkeit zu sorgen und allen Kindern vergleichbare Entwicklungschancen zu geben. Nach wie vor haben Kinder aus Einwandererfamilien und Kinder von Alleinerziehenden schlechtere Startchancen. Die psychische Situation und die Zufriedenheit dieser Kinder waren schon vor der Pandemie schlechter als in anderen Industrieländern. Corona verschärft die Situation: Wer »in Zeiten einer Pandemie Schulen schließt, setzt das verfassungsrechtlich garantierte Recht auf gleiche Bildung für alle außer Kraft«, heißt es in dem Bericht.

Laut der Unicef-Untersuchung ist ein Fünftel aller sozial benachteiligten Kinder (20,3 Prozent) unzufrieden mit dem Leben. Bei den privilegierten Kinder sind es lediglich 13 Prozent. In den Niederlanden und in der Schweiz hingegen gibt es nur wenige Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen.

Mädchen sind unzufriedener als Jungen

Blickt man auf die Teenager, zeigt sich, dass Mädchen wesentlich unzufriedener sind als Jungen. Rund ein Fünftel von ihnen (21 Prozent) ist nicht zufrieden mit dem eigenen Leben, bei den gleichaltrigen Jungen sind 12,9 Prozent unzufrieden. 16 Prozent der jungen Frauen im Alter von 16 bis 19 Jahren schätzen sich selbst als depressiv ein. Das sind doppelt so viele wie bei den Jungen. In Spanien, Portugal, Griechenland, Italien, Rumänien und Polen sind depressive Verstimmungen bei jungen Frauen und Männern wesentlich niedriger als in Dänemark, Schweden, Deutschland, Irland und Norwegen.

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Bertram macht für die Unzufriedenheit der jungen Frauen vor allem die Gesellschaft verantwortlich. In sozialen Medien und Fernsehshows wie »Germanys Next Topmodel« werde die Körperwahrnehmung viel schärfer akzentuiert. Junge Frauen »nutzen diese Medien teilweise so viel, dass die Selbsteinschätzung und der Selbstwert deutlich beeinträchtigt werden. In den Medien wird in diesem Alter viel über das Erscheinungsbild, die eigene Ausstrahlung und die Wunschvorstellungen zur eigenen Persönlichkeit kommuniziert, und wer dort Einfluss gewinnt, setzt dann die hohen Maßstäbe, die nicht zu erreichen sind«, heißt es in der Untersuchung.

Unterstützung durch die Eltern

Die große Mehrheit der 15-Jährigen (91 Prozent) erlebt ihre Eltern in großer Mehrheit als fördernd und unterstützend. Allerdings stoßen Mütter und Väter während der Pandemie an ihre Grenzen. »Ohne lange Vorankündigung stellt der Staat von der Schulpflicht auf die häusliche Unterrichtspflicht um, schließt die Kindertagesstätten und erwartet, dass die Eltern im Homeoffice den virtuellen Unterricht ihrer Kinder kontrollieren und unterstützen und zugleich ihren Arbeitsaufgaben nachkommen, unabhängig davon, ob die häusliche Umgebung für konzentriertes Arbeiten im Beisein von Kindern und Partner überhaupt geeignet ist«, heißt es in der Unicef-Untersuchung. Dadurch ist die Lebenszufriedenheit der Eltern, vor allem der Mütter mit Kindern unter sechs Jahren, deutlich zurückgegangen.

Ist die Kernfamilie isoliert und haben weder Kinder noch Eltern andere soziale Kontakte, steigt die psychische Belastung. Das könnte zu aggressiven Reaktionen führen und erhebliche negative Konsequenzen für die Kinder haben. Wie gut Eltern diese Situation bewältigen können, hängt von ihrer Persönlichkeit ab.

»Das Selber-Lesen und das Interesse am Lesen hängen davon ab, dass die Eltern ihren Kindern vorlesen«

Unicef-Bericht

Dabei spielen die Eltern vor allem während der Pandemie eine immens wichtige Rolle, um ihre Kinder zu fördern, da Staat und Gesellschaft ihnen weniger dabei helfen können. »Das Selber-Lesen und das Interesse am Lesen hängen davon ab, dass die Eltern ihren Kindern vorlesen und Bücher ein Teil des kindlichen Lebens sind.« Vor allem Kinder, die aus einem anderen Land nach Deutschland kommen und während der Krise kaum Kontakt zu ihren Mitschülerinnen und Mitschülern aus anderen Lebenswelten haben, werden es in Zukunft schwer haben. Ihre Chancen, sich in Schule, Ausbildung oder Studium zu bewähren, werden kleiner.

Kinderarmut

In Deutschland gelten weniger Kinder als arm als noch vor zehn Jahren. Kinder bis sechs Jahre leben zu knapp 11 Prozent in relativer Einkommensarmut, Kinder bis zum 16. Lebensjahr zu 12 Prozent. Dennoch gibt es große regionale Unterschiede: So sind etwa in Bremen knapp 33 Prozent der Kinder, in Berlin knapp 24 Prozent und im Saarland 20 Prozent der Kinder auf Sozialhilfe angewiesen. Im Gegensatz dazu stehen Länder wie Bayern und Baden-Württemberg.

Auch das Ruhrgebiet etwa konnte Kindern aus schwierigen Lebensverhältnissen nicht die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten bieten wie Oberbayern oder Stuttgart. »Ökonomische Strukturen bestimmter Regionen, wie der Untergang der Stahlindustrie im Ruhrgebiet oder der Werftindustrie in Bremen, lassen sich nicht in kurzer Zeit ändern, ändern lässt sich aber die Lebenssituation der Kinder«, heißt es in der Studie. In diesen Regionen muss besonders stark in Kitas, Schulen und andere Angebote investiert werden.

Kinder stärker an Entscheidungen beteiligen

Unicef empfiehlt eine Reihe von Maßnahmen, um Kinder und Jugendliche in Deutschland ein besseres Leben zu ermöglichen. Familiensoziologe Hans Bertram fasst zusammen, dass sich Kinder nur entwickeln können, wenn ihre Lebenswelten in den politischen Entscheidungsprozessen die gleiche Bedeutung bekommen wie die Frage, ob und wie bestimmte Industriezweige funktionieren. »Kinder haben ein Recht darauf, dass Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte und vor allem die Politik die kindliche Zukunft nicht vergessen.« So sollte die Gesellschaft die Bedürfnisse von Kindern stärker wahrnehmen und berücksichtigen. Die Rechte des Kindes sollten daher im Grundgesetz umfassend festgeschrieben werden.

»Wie ist von Kindern zu erwarten, dass sie Respekt und Toleranz gegenüber der älteren Generation entwickeln, wenn diese Generation in einer Krisensituation kein Wort über Kinder verliert«, heißt es in dem Bericht. Vor allem auf kommunaler Ebene ließe sich viel ändern, etwa durch Kinderparlamente, sagt Bertram.

Benachteiligungen ausgleichen

Corona hat für ein stärkeres soziales Auseinanderdriften bei den Lernvoraussetzungen gesorgt, deswegen müssen laut der Unicef-Empfehlung benachteiligte Kinder in der Schule gezielter gefördert werden. Schulen sollten besser digital ausgestattet werden und benachteiligte Schüler Endgeräte erhalten, damit sie dem Unterricht zu Hause folgen können. Vergessen werden sollten dabei nicht die Kinder, die in Flüchtlingseinrichtungen leben. »Wir müssen schauen, wie wir die Chancen in diesen Gruppen verbessern können«, sagt Bertram.

Bildung und Lernmittel sollten für alle Kinder in allen Bundesländern kostenlos sein. In benachteiligten Stadtteilen müssen soziale Dienste und Bildungseinrichtungen personell und finanziell umfassend ausgestattet werden. Zudem muss es mehr Angebote der Kinder- und Jugendhilfe geben.

Kitas und Ganztagsschulen sollten ausgebaut werden, vor allem in Stadtteilen, in denen viele benachteiligte Familien leben. Es sollte mehr vorgelesen werden und das Selbstlesen sollte gefördert werden – als Ausgleich zum digitalen Lernen am Computer. Kostenlose Bibliotheksausweise für Kinder sollen ihre Lesemotivation fördern.

Politiker sollten die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stärker in den Blick nehmen, vor allem, nachdem immer mehr psychische Erkrankungen im Zuge der Coronapandemie bekannt geworden sind. »Was wir aus Schulschließungen während Covid gelernt haben, ist klar: Die Vorteile, Schulen geöffnet zu halten, überwiegen bei Weitem die Kosten, sie zu schließen, und nationale Schließungen von Schulen sollten unter allen Umständen vermieden werden.« Die Störung der sozialen Kompetenz, der kognitiven Entwicklung und sozialer Beziehungen könnte gravierende Konsequenzen haben, heißt es im Unicef-Bericht.

Um die Kinderarmut zu überwinden, ist laut Unicef, ein umfassender, strategischer Ansatz nötig. Denkbar sei etwa, bestehende Leistungen zu bündeln, etwa in einer Kindergrundsicherung. Damit die Leistungen vor allem den benachteiligten Kindern zugutekommen, sollte es erleichtert werden, die Anträge auszufüllen und die Leistungen sollten automatisch ausgezahlt werden.

»Kinder sind unsere Zukunft«, betont Hans Bertram. Die Entwicklung der Kinder müsse berücksichtigt werden, »wenn die Gesellschaft überhaupt eine Zukunft haben will«.