Unicef Foto des Jahres Barfuß durchs Elend

Ein Mädchen in einem Slum in Haiti, ohne Schuhe, ohne Geld - aber voller Stolz: Die 21-jährige Belgierin Alice Smeets hat mit ihrem eindrucksvollen Bild den Unicef-Fotowettbewerb 2008 gewonnen. Doch auch die anderen Siegerfotos sind spektakulär.

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Hamburg - Barfuß stapft das Mädchen durch das Wasser, in dem Schuhsohlen aus Plastik, verrottete Dosen, Plastiktüten schwimmen. Auf einer Insel aus Müll weiden zwei schwarze Schweine. Sie gelten als ideale Haustiere, sind besonders widerstandsfähig und ernähren sich hauptsächlich von Müll. Der blaue Himmel und die Wolken spiegeln sich im verdreckten Wasser, im Hintergrund die Häuser des Slums "Cité Soleil", "Stadt der Sonne" - windschiefe, vom Rost zerfressene Hütten

Das Mädchen versinkt knöcheltief im Brackwasser. Seine Haare sind mit weißen Schleifen zu Zöpfen gebunden, es trägt ein blitzsauberes, weißes, knielanges Rüschenkleid. Wie es heißt, weiß niemand.

Nicht einmal Alice Smeets, die das Foto im Juli 2007 in Haiti aufgenommen hat. Die 21-jährige Belgierin schoss in jenem Sommer im größten Slum von Port au Prince das Unicef-Foto des Jahres 2008.

"Ich habe nicht geglaubt, dass das wahr ist"

"Eigentlich ist das Bild ein Schnappschuss", sagt Smeets SPIEGEL ONLINE. Eigentlich hatte sie ein Portrait von dem Mädchen aufgenommen und ihm danach gesagt, es könne jetzt zurück zu seinen Freunden laufen. "Da ist dieses Bild entstanden. Das Portrait selbst war noch nicht einmal besonders gut."

Smeets ist die jüngste Fotografin, die je den seit 2000 weltweit ausgeschriebenen Preis gewonnen hat. Ihr Bild konnte sich gegen 1449 andere durchsetzen, die von 128 Fotografen aus 31 verschiedenen Ländern eingereicht worden waren. "Ich fotografiere erst seit zwei Jahren. Mich hat es überrascht, dass ich überhaupt nominiert worden bin", sagt Smeets. Die Fotografen dürfen ihre Bilder nicht selber einreichen, sondern müssen vorgeschlagen werden.

Die Belgierin wurde von der "Geo"-Fotografin Tina Ahrens nominiert, nachdem sie ihr einige Bilder aus Haiti zur Veröffentlichung angeboten hatte. "Ich habe zuerst nicht geglaubt, dass das wahr ist", sagt Smeets.

Energie im Elend

Die Jury des Wettbewerbs unter dem Vorsitz von Klaus Honnef, Professor für Theorie der Fotografie, bestimmte die Plätze eins bis drei, sowie elf sogenannte "ehrenvolle Erwähnungen". Bei der Preisverleihung in Berlin sagte Unicef-Schirmherrin Eva Luise Köhler: "Das Bild führt uns den Lebensmut und die Energie eines Mädchens vor Augen, das mitten im Elend aufwächst."

Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt. Fast die Hälfte der Einwohner ist jünger als 18, vier von zehn Kindern leben in absoluter Armut. "Für mich ist die Botschaft des Bildes: Egal, wie schlecht es den Menschen in Haiti geht, sie sind sehr stolz und wollen immer weitermachen", erläutert Smeets. "Für mich wirkt das kleine Mädchen in dem Umfeld wie ein Engel. Die Menschen dort haben einen starken Glauben, der ihnen hilft, nicht aufzugeben. Ich denke, das Bild macht die Situation der Menschen in Haiti deutlich."

Faszination Haiti

Rückblick: Im Juli 2007 reist Smeets, die ihr Bachelor-Studium der Fotografie in Lüttich nach einem Jahr abgebrochen hat, zum ersten Mal nach Haiti. Sie war noch nie zuvor in einem Entwicklungsland, will ihre Eindrücke auf ihren Bildern festhalten, zeigen, dass sie das Zeug hat, als Dokumentarfotografin zu arbeiten.

Bei einem Workshop lernt sie in New Jersey Philip Jones Griffith, Fotograf der Agentur Magnum kennen. Er bietet Smeets eine Stelle als Assistentin an, die sie sofort annimmt. An der Uni in Lüttich fühlt sie sich ohnehin unterfordert. In den Seminaren geht es vor allem um die Technik der Fotografie - Smeets interessiert sich aber stärker für das reale Umfeld statt die Kulisse eines Fotostudios.

Im Mai und Juni 2008 kehrt sie nach Haiti zurück, das Land fasziniert sie immer mehr. Die Menschen, auf die sie stößt, sind sehr misstrauisch: "Sie haben oft gesagt: Du machst die Fotos, verkaufst sie dann und wirst am Ende reich."

Wenn man sie fragt, was sie an Haiti fasziniert, antwortet die junge Fotografin: "Es ist ein sehr komplexes Land mit sehr vielen Problemen. Aber es ist ein Land, das man im Herzen behält. Ich glaube, es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder es gefällt einem dort gar nicht oder man will immer wieder dorthin zurückkehren." Inzwischen sammelt sie Geld, unterstützt Projekte im Land.

Im besten Fall, sagt sie, könne ein Bild es schaffen, den Blick der Menschen auf ein Problem zu lenken, das sie ansonsten nicht wahrgenommen hätten, "man kann den Menschen so eine Stimme geben. Wenn ein Bild gut ist, dann bleibt es im Kopf."

Im März wird Alice Smeets wieder nach Haiti reisen. Sie will dann das Mädchen finden, das ihr in der"Cité Soleil", der "Stadt der Sonne", begegnet ist und dessen Namen sie nicht kennt - und das ihr zu ihrem größten Triumph verholfen hat.



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