Unicef-"Foto des Jahres" "Es war ein magischer Moment"

Das Mädchen hat sich hübsch gemacht, trägt ein helles Kleid, eine Perlenkette - doch sein Gesicht ist entstellt: Das Bild einer kleinen Vietnamesin ist Unicef-"Foto des Jahres". SPIEGEL ONLINE sprach mit Preisträger Ed Kashi über sein Motiv - und die Spätfolgen eines brutalen Vernichtungskrieges.

Ed Kashi / VII

SPIEGEL ONLINE: Herr Kashi, hätten Sie gedacht, dass der Vietnam-Krieg im Jahr 2010 ein Thema sein könnte, mit dem man Preise zu gewinnen vermag?

Kashi: Nein, ich war überzeugt, dass es 35 Jahre nach Kriegsende niemanden interessieren würde. Kein einziges Medium wird über das Projekt berichten, dachte ich, der Krieg ist sowas von vergessen. Letztlich ging es mir aber genau darum: Mit meinen Bildern wollte ich an etwas Grausames erinnern, das wir Amerikaner zu verantworten haben.

SPIEGEL ONLINE: Die US-Streitkräfte sind damals in das Land einmarschiert ...

Kashi: ...und haben einen fürchterlichen und sinnlosen Krieg geführt. Sie haben das Entlaubungsmittel Agent Orange aus Flugzeugen über den Wäldern versprüht, um die feindlichen Guerilla-Krieger besser finden zu können. So haben sie weite Landstriche vergiftet. Dabei hat es sie nicht gekümmert, welche Folgen das haben wird.

SPIEGEL ONLINE: Für die Natur, aber vor allem für die Menschen, richtig?

Kashi: Genau. Millionen Vietnamesen waren der Chemikalie damals ausgesetzt. Heute weiß man, dass die Bevölkerung ein genetisches Erbe mit sich herumträgt. Wenn eine Frau schwanger wird, kann es sein, dass ihr Baby behindert zur Welt kommen wird. Etwa 150.000 Kinder leiden heute unter den Spätfolgen von Agent Orange, dessen giftiger Hauptbestandteil Dioxin ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee, diese Realität in Bildern festzuhalten?

Kashi: Ich war eigentlich in Vietnam, weil ich zusammen mit Studenten ein Video drehen wollte. Ein paar Journalistenschüler aus San Francisco haben ein Multimediaprojekt gestartet, das "Vietnam Reporting Project". Es geht darum, die langfristigen Auswirkungen des Vietnam-Krieges zu dokumentieren. Mit unserem Film wollten wir auf die vielen Schicksale aufmerksam machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist Ihr preisgekröntes Bild entstanden?

Kashi: Zwei Wochen lang haben wir eine vietnamesische Familie begleitet, die in der Stadt Da Nang lebt. Die Tochter Ly ist schwerstbehindert. Sie hat körperliche Missbildungen, unter anderem im Gesicht - auch wenn ich dieses Mädchen umwerfend schön finde. Wegen ihres gekrümmten Brustkorbs leidet sie unter Atemproblemen. Wir haben ihren Alltag gefilmt: Wie sie spielt, wie sie zur Schule geht, bei den Hausaufgaben und bei einem Klinikbesuch. Das Foto ist zwischen zwei Szenen in einer Pause entstanden. Ly stand einfach da, gedankenverloren und hinreißend.

SPIEGEL ONLINE: Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Kashi: Beim Fokussieren dachte ich: Mädchen, bitte rühr dich nicht. Als ich auf den Auslöser drückte, war mir bereits der Zauber dieses Bildes bewusst. Es passte einfach alles zusammen: Lys Blick, die Komposition, das Licht, die Stimmung, die Geste. Es war ein magischer Moment. Ich habe in meiner 30-jährigen Karriere als Fotograf vielleicht eine Handvoll solcher Bilder gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Was verändern Sie mit Fotos wie diesem?

Kashi: Es gibt nicht viele Fotos, mit denen man wirklich die Welt verbessern kann. Die Bilder vom Folterskandal in Abu Ghraib haben tatsächlich etwas verändert, sie haben eine weltweite Diskussion über den Irak-Krieg ausgelöst - und diese Bilder hat nicht einmal ein Profi gemacht! Was ich mit dem Foto von Ly erreiche? Ich erzähle den jüngeren Generationen eine traurige Wahrheit, über die sie sonst nur in Geschichtsbüchern lesen können. Mein Sohn ist 15, meine Tochter 12 Jahre alt, ihnen habe ich das Bild gezeigt und ihnen damit beigebracht, was Verantwortung ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber helfen Sie auch der kleinen Vietnamesin mit Ihrem Einsatz?

Kashi: Wir schaffen zumindest Aufmerksamkeit und die ist wichtig für die Förderung von Hilfsprojekten. Kinder wie Ly müssen wir unterstützen, sie haben sich den Gendefekt nicht ausgesucht. Ly und ihre Familie werden von der amerikanischen Organisation "Children of Vietnam" betreut. Das Mädchen muss operiert werden, damit die Lungen und ihr Herz in ihrem verformten Brustkorb vernünftig wachsen können.

SPIEGEL ONLINE: Es hört sich an, als sei der Vietnam-Krieg noch nicht vorbei. Sie müssen sich gefühlt haben wie ein Kriegsfotograf.

Kashi: Eher wie ein Soldat. Ja, es war wie ein Kriegseinsatz. Ich meine damit nicht, dass ich da gewaltsam unterwegs gewesen wäre. Im Gegenteil: Wir haben nichts zerstört, sondern wollen die Menschen zusammenbringen, sie zum Nachdenken anregen. Aber auf eine bestimmte Weise hat es sich angefühlt wie ein Kampf - der Kampf gegen das Vergessen. Meine Waffe ist die Kamera.

Das Interview führte Julia Stanek



insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chefkoch1 17.12.2010
1. ...
Zitat von sysopEin Mädchen hat sich hübsch gemacht, trägt ein weißes Kleid, eine Perlenkette - doch sein Gesicht ist entstellt: Das Bild einer kleinen Vietnamesin ist Unicef-"Foto des Jahres". SPIEGEL ONLINE sprach mit Preisträger Ed Kashi über sein Motiv - und die Spätfolgen eines brutalen Vernichtungskrieges. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,735215,00.html
Uranummantelte Munition, die im Irak schrecklichste Missbildungen hervorruft, zeugen nicht davon, dass die damaligen und heutigen Kriegsverbrecher - die USA - auch nur den Ansatz einer Lektion gelernt hätten. Wir Menschen schlachten unsere Kinder ab - da sind die "wilden" Tiere uns einiges Voraus.
Spiegeleii 17.12.2010
2. Schönes
Interview. Und vielleicht fotografiert ja in 10 Jahren jemand die entstellten Kinder im Irak oder in Afghanistan. Depleted Uranium lässt grüßen, Agent Orange übrigens hergestellt von der Firma Monsanto war gestern. Depleted Uranium ist mindestens genauso grausam. Ja die USA die Leuchtfackel für Freiheit und Demokratie.
Guitas 17.12.2010
3. ...magischer Moment
...und wer klagt die Amerikaner an?
kurtwied, 17.12.2010
4. Propaganda.
Man fragt sich, warum im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg so wenig über das Massaker von Hue geschrieben wird. Dabei schlachteten die kommunistische Vietcong 7600 Zivilisten ab. http://ngothelinh.tripod.com/Hue.html Es ist bezeichnend, dass sich auf deutschen Webseiten so gut, wie nichts darüber findet, obwohl das die schrecklichste Tat im ganzen Krieg war.
yomow 17.12.2010
5. Mein Favorit
Ich finde das Bild mit dem Jungen und der Waffe am beeindruckensten....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.