Unicef-Foto des Jahres Menschenjagd im Schatten der Sonne

In Tansania werden Albinos ermordet, weil Wunderheiler ihre Gebeine und Haare für Glücksbringer halten. Vor allem Kinder sind Opfer der blutigen Menschenjagd. Der Schwede Johan Bävman hat Betroffene porträtiert - und machte das Unicef-Foto des Jahres.

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Hamburg - Am meisten bewegt habe ihn die Geschichte einer Frau aus Tansania, die ihre beiden Kinder im Keller ihres Hauses begraben habe, sagt Johan Bävman, wenn man ihn nach dem eindrücklichsten Erlebnis seiner fünfwöchigen Afrika-Reise fragt. "Sie hatte Angst, dass Grabschänder sich an den Leichen vergehen und Gliedmaßen abtrennen."

Offiziellen Angaben zufolge wurden seit 2007 in Tansania 53 Albinos ermordet. Die wahre Zahl der Opfer dürfte jedoch weit höher liegen. Wie viele Männer, Frauen und Kinder im Rahmen der Menschenjagd tatsächlich getötet wurden, weiß niemand. Anhänger des bizarren Aberglaubens halten Albinos für Glücksbringer - und töten sie. Haut, Knochen und Haare sollen als Zutat von Zaubertränken reich machen und Wohlstand bringen. Albinos sind deshalb in Ländern wie Tansania hoch gefährdet.

Der schwedische Fotograf Johan Bävman hat Albinos in Tansania porträtiert. Seine Aufnahme zweier Schulmädchen wurde nun zum Unicef-Foto des Jahres 2009 gekürt.

Das Bild zeigt die beiden zehnjährigen Freundinnen Mwanaidi und Selina, die gemeinsam ein Internat im Norden des Landes besuchen. Der Raum, in dem die beiden lernen, ist nicht Teil einer normalen Schule - vielmehr ist das Internat durch einen zwei Meter hohen Zaun abgeschirmt, nachts patrouillieren bewaffnete Polizisten vor den Toren, werden die Schlafräume abgeschlossen. Ein bisschen mutet die Schule an wie ein Gefängnis, doch die Sicherheitsmaßnahmen dienen einzig dem Schutz der Kinder.

In Tansania leben rund 150.000 Albinos. Der Gendefekt tritt hier häufiger auf als irgendwo sonst: Weltweit ist etwa einer von 20.000 Menschen ein Albino - in Tansania ist es einer von 3000. Der Körper der Betroffenen produziert zu wenig Melanin. Haut, Haare und Augen sind auffallend hell und besonders empfindlich. In Tansania stehen diese Menschen wegen ihres Aussehens am Rande der Gesellschaft: Sie werden gehänselt, verspottet, ausgegrenzt - und ermordet.

Mädchen wie Selina gelten als "zeruzeru", als Kinder des Teufels. Die Menschen können sich nicht erklären, wie zwei schwarze Eltern ein hellhäutiges Baby bekommen können.

Seit drei Jahren sind Albinos in der Region um den Victoria-See einer nie dagewesenen Grausamkeit ausgesetzt. Dutzende wurden umgebracht, ihre Gliedmaßen abgetrennt oder Gräber geschändet. Manche Anhänger des Aberglaubens halten Albinos gar für unsterblich.

Die selbsternannten Hexer ordnen an, dass Körperteile von Albinos über Goldminen gehängt werden, damit das Gold an die Oberfläche gelangt. Fischern wird geraten, abgetrennte Gliedmaße von Albinos als Köder zu benutzen oder ihre Haare an ein Netz zu knüpfen, damit der Fang reicher wird und die geangelten Tiere Gold im Bauch haben.

Vor allem die Kinder werden in doppelter Hinsicht diskriminiert: Zum einen leben sie in ständiger Angst vor potentiellen Mördern. Viele Eltern schicken sie aus Furcht vor Gewalttätern nicht in die Schule - die Mädchen und Jungen haben keine Chance, dem Kreislauf aus Armut, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung zu entkommen.

Hinzu kommt, dass Albinos besonders stark unter der Sonnenstrahlung leiden. Viele Betroffene haben Augenprobleme und können sich nicht ausreichend vor dem Licht schützen. Sonnencreme, Hüte und anderer Schutz sind ein unerschwinglicher Luxus. Die Rate der Hautkrebserkrankungen ist hoch. Das Leben in afrikanischen Ländern spielt sich zudem - anders als in Westeuropa - zu großen Teilen auf der Straße und im Freien ab. Die Albinos können am Leben der Gemeinschaft kaum teilnehmen.

Ihre Lebenserwartung liegt in Ländern wie Tansania im Schnitt bei nur 30 Jahren.

"Es wäre leichter gewesen, Bilder des Leides zu machen"

Als Johan Bävman Ende 2008 nach Tansania reiste, hatte er eigentlich etwas ganz anderes vor: Er wollte sich selbst porträtieren - sein Außenseiterdasein in einem Land, in dem alle Menschen schwarz sind. "Ich wollte nachvollziehen können, wie sich ein Schwarzafrikaner in Schweden fühlt. Wie es ist, wenn Du - auch wenn Du vielleicht kulturell integriert bist - optisch immer ein Außenseiter bleibst."

Vor Ort erfuhr er von dem Leid der Albinos - und entschied sich kurzerhand für einen anderen Fokus seiner Arbeit. Fünf Wochen besuchte er das Mitindo-Internat. Inzwischen besuchen 103 Kinder, die unter Albinismus leiden, die Einrichtung, die ursprünglich für Blinde konzipiert war. "Weil die Eltern die Kinder nicht schützen können, schicken sie sie in diese Schule", sagt Bävman SPIEGEL ONLINE.

Die Menschenjäger suchen sich vor allem Kinder - sie sind eine leichtere Beute als die Erwachsenen.

"Sehr schnell war mir klar, dass der Fokus der Geschichte nun ein anderer war: Es ging nicht mehr nur darum, zu zeigen, wie es ist, wenn du außerhalb einer Gesellschaft stehst. Sondern darum, zu zeigen, wie es ist, wenn du außerhalb einer Gesellschaft stehst, zu der du eigentlich von Geburt an gehörst." Er selbst, sagt der 27-jährige Bävman, sei während seiner gesamten Arbeit ein Außenseiter gewesen, "nicht wegen meiner Hautfarbe, sondern weil ich ein weißer Mann, also ein wohlhabender Mann bin".

Selina und die augenkranke Mwanaidi, die auf dem Siegerbild zu sehen sind, hätten sich die ganze Zeit gegenseitig geholfen: "Das war es, was mich am meisten beeindruckt hat. Es ging mir nicht darum, nur die schlechte Seite des ganzen zu zeigen, all das Elend. Im Gegenteil. Die Menschen strahlen eine große Freude, Zufriedenheit und Dankbarkeit aus."

Wenn Europäer nach Afrika reisten, dann stehe oft das Negative im Vordergrund, sagt der Fotograf. "Für mich wäre es leichter gewesen, Bilder des Leidens zu machen. Aber das wollte ich nicht."

"Sie haben sich nie beschwert"

Die Art, wie die Kinder in dem Internat miteinander umgingen, habe ihn sehr bewegt: "Sie sind in einer schlimmen Situation, aber die Freundschaft hat sie all das Schlimme überwinden lassen. Sie haben sich nie beschwert."

Die Mädchen und Jungen seien dankbar gewesen, zu leben und hätten Dinge gewürdigt, "denen wir uns im Westen nicht gewahr sind". "Essen und eine Unterkunft waren für sie nicht so wichtig wie der Zusammenhalt und die Freundschaft. Wenn man blind ist, spielt die Hautfarbe ohnehin keine Rolle."

Unicef-Schirmherrin Eva Luise Köhler sagte zu Begründung der Preisverleihung, Bävmans Foto zeige, "dass Freundschaft Vorurteile und Diskriminierung überwinden" könne.

"Mir ist erst dort bewusst geworden, wie verwöhnt ich eigentlich bin und wie gut es mir geht", sagt der Fotograf. Er weiß, dass einige der Mädchen und Jungen, die er porträtiert hat, inzwischen nicht mehr leben. Den Kindern im Internat hat er die Bilder geschickt, einige haben sich ihr Foto übers Bett gehängt.

"Ich habe immer versucht, die Kinder nicht für meine Zwecke auszunutzen und zu missbrauchen, sie als Menschen und nicht als Objekte zu sehen. Durch den Preis habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit einen Sinn hat."



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
vindex_sine_nomine 17.12.2009
1. Aberglaube und Religion, die größten Feinde Afrikas
Afrika ist sich selbst der größte Feind, sind es nicht Christen und Moslems, die ihre Gemeinden zur Hexenjagd oder Machtübernahme anstacheln, sind Vertreter der afrikanischen Religionen und des dortigen Aberglaubens, die aus ihren Mitmenschen Monster machen und Afrika braucht keine Mission, sondern Aufklärung und den erkenntnistheoretischen Materialismus, um Hexenjagden, den Einfluß religiöser Extremisten, den unsinnigen Glauben an schwarze Magie und seine Folgen wie Verstümmelung von Kindern anzugehen. Christen und Moslems ersetzen dort Aberglauben durch Aberglauben und ändern nur die Religion und Weltsicht, in deren Namen Verbrechen begannen werden. Zudem sorgt der allgegenwärtige Aberglaube und Glaube an das Übernatürliche dafür, daß die Afrikaner sich stets für die religiösen Extremisten und deren Showeinlagen entscheiden, die katholische führt ihre Teufelsaustreibungen in Afrika in erster Linie nur noch aus, um mit der Konkurrenz gleichziehen zu können. Man sollte Afrika wirklich nicht im Namen einer falsch verstandenen Religionsfreiheit an religiöse Fanatiker verkaufen oder auf das Anprangern der Diskriminierung und Ausbeutung der Albinos verzichten.
K.H.I.A. 17.12.2009
2. wo leben wir eigentlich
.... eine Schmach für die Menschheit, dass es so etwas gibt. Albino-Jagt in Afrika, Genitalverstümmelung von Frauen weltweit und Banden die Leute wegen ihres Fettes umbringen in Peru und und und...
akeley 17.12.2009
3. so
Zitat von vindex_sine_nomineAfrika ist sich selbst der größte Feind, sind es nicht Christen und Moslems, die ihre Gemeinden zur Hexenjagd oder Machtübernahme anstacheln, sind Vertreter der afrikanischen Religionen und des dortigen Aberglaubens, die aus ihren Mitmenschen Monster machen und Afrika braucht keine Mission, sondern Aufklärung und den erkenntnistheoretischen Materialismus, um Hexenjagden, den Einfluß religiöser Extremisten, den unsinnigen Glauben an schwarze Magie und seine Folgen wie Verstümmelung von Kindern anzugehen. Christen und Moslems ersetzen dort Aberglauben durch Aberglauben und ändern nur die Religion und Weltsicht, in deren Namen Verbrechen begannen werden. Zudem sorgt der allgegenwärtige Aberglaube und Glaube an das Übernatürliche dafür, daß die Afrikaner sich stets für die religiösen Extremisten und deren Showeinlagen entscheiden, die katholische führt ihre Teufelsaustreibungen in Afrika in erster Linie nur noch aus, um mit der Konkurrenz gleichziehen zu können. Man sollte Afrika wirklich nicht im Namen einer falsch verstandenen Religionsfreiheit an religiöse Fanatiker verkaufen oder auf das Anprangern der Diskriminierung und Ausbeutung der Albinos verzichten.
Unterschrieben. Hexerei, dämonische Besessenheit, das personelle Böse. Am Ende stehen Steinigungen, Enthauptungen, Verstümmelungen, Aussetzen, Verbrennen. Vereinzelte Versuche von Kirchenpersonal, aus der Doktrin von Blut, Elend und Tod auszubrechen werden mit Verboten und Exkommunikationen aus Rom oder Fatwas beantwortet. Dazwischen reisen fette US- und Euromissionare munter durch die Landschaft, auf der Suche nach unchristianisierten Dörfern mit möglichst vielen Kindern. Medizinische Hilfe gibt's gegen Konvertierung und Umzug ins umzäunte Missionsgelände gratis, alle anderen dürfen den vollen Preis für die von naiven Erstweltbürgern gespendeten Medikamente zahlen. Man wird mir Pauschalisierung vorwerfen, aber erstens habe ich Berichte aus erster Hand gelesen und habe zweitens sowas von die Schnauze voll von der ganzen Heuchelei, mit der hier den Leuten das Geld aus der Tasche und dort den Leuten der Geist aus dem Hirn gesaugt wird.
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