Unicef-Report Katastrophenplanet als Kinderstube

Überschwemmungen, Dürren, Erdbeben: Wo immer es auf der Welt zu Naturkatastrophen kommt, leiden vor allem Kinder. In einem neuen Report warnt Unicef, dass die Zahl der massiven Bedrohungen zunimmt - und sich die Lage für die Schwächsten weiter verschärfen wird.

UNICEF

Hamburg - Die Unicef-Mitarbeiter treffen Christine rund ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti. Die 14-Jährige lebt mit ihrer Mutter und zwei Geschwistern in einem Zelt, in einer Notunterkunft in der Nähe des Flughafens der Hauptstadt Port-au-Prince. "Bei gutem Wetter wird es richtig heiß im Zelt", sagt Christine, "wenn es regnet, läuft das Wasser herein". In dem Camp liege viel Müll herum. "Und wenn jemand krank wird, wissen wir nicht, wohin mit ihm. Aus all diesen Gründen macht mich das Leben im Lager traurig", sagt das Mädchen.

So wie Christine geht es 16 Monate nach dem Beben, bei dem mehr als 250.000 Menschen ums Leben kamen, noch Hunderttausenden Kindern und Jugendlichen in Haiti. Sie sind weiterhin obdachlos und leben in überfüllten Notlagern, heißt es in einem Bericht des Uno-Kinderhilfswerks. Die Lebensbedingungen sind teilweise katastrophal.

Die Zahl der Naturkatastrophen ist laut Unicef in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich gestiegen - von durchschnittlich rund 250 pro Jahr in den Neunzigern auf fast 400. Jedes Jahr sind demnach mehr als 200 Millionen Menschen unmittelbar von Überschwemmungen, Dürren oder schweren Stürmen betroffen - vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Mindestens die Hälfte der Opfer sind nach Schätzungen von Unicef Kinder. Sie werden getötet, verletzt oder leiden an Krankheiten aufgrund von Mangelernährung, schmutzigem Wasser und schlechten hygienischen Bedingungen. Die überlebenden Jungen und Mädchen sind oft jahrelang mangelhaft versorgt und können nicht zur Schule gehen. Das geht aus dem Unicef-Bericht "Zur Lage der Kinder in Krisengebieten 2011" hervor. Der Report des Hilfswerks der Uno gibt einen Überblick über die Lebenssituation von Kindern in 32 Krisenländern und -regionen - zwei Drittel davon auf dem afrikanischen Kontinent.

"Kinder in Entwicklungsländern leiden am häufigsten"

"Kinder in den Entwicklungsländern leiden am häufigsten und am härtesten unter den Folgen klimabedingter Katastrophen", sagt der Vorsitzende von Unicef Deutschland, Jürgen Heraeus. Naturkatastrophen wirkten in solch schwachen Staaten oder Regionen besonders zerstörerisch - denn sie treffen Gemeinden, in denen viele Kinder mangelernährt sind, an Krankheiten leiden und nur ein notdürftiges Dach über dem Kopf haben.

Dramatische Beispiele dafür seien die Überschwemmungen in Pakistan und das Erdbeben in Haiti im vergangenen Jahr. "Das Beben hat einen fragilen Staat getroffen", sagt Rudi Tarneden von Unicef Deutschland. Die Lage der Kinder in Haiti war bereits vor dem Erdbeben äußerst schwierig: 50 Prozent der Kinder gingen nicht zur Schule, 40 Prozent hatten nicht einmal Zugang zu einfachen Latrinen.

Rund 70 Prozent aller Katastrophen seien heutzutage klimabedingt, heißt es in dem Bericht. Zu Anfang des Jahrtausends seien es lediglich 50 Prozent gewesen. Unicef schätzt, dass diese Bedrohung in den Entwicklungs- und Schwellenländern weiter anwachsen wird: Künftig werden demnach jedes Jahr rund 175 Millionen Kinder unter den Folgen extremer Wetterphänomene zu leiden haben - im Vergleich zu 66 Millionen Ende der neunziger Jahre.

Angesichts des Klimawandels fordert Unicef die internationale Gemeinschaft auf, betroffene und bedrohte Gemeinden stärker vor Katastrophen zu schützen und strategisch besser auf Notfälle vorzubereiten: Humanitäre Hilfe und langfristige Entwicklungsarbeit müssen besser ineinander greifen.

Globale Plattform trifft sich in Genf

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon eröffnet am Dienstag die "Globale Plattform zur Reduzierung von Risiken durch Naturkatastrophen". Mehr als 2000 Experten aus Politik und Wissenschaft, Wirtschaft und Nichtregierungsorganisationen diskutieren über Strategien und Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor Naturkatastrophen und deren Folgen. Dabei soll auch die Umsetzung von Entwicklungszielen aus früheren Treffen überprüft werden. Dazu gehört unter anderem:

  • Aufklärung und Information über Wege, die Risiken durch Naturkatastrophen einzudämmen, sollten bis 2015 in Lehrplänen an Schulen verankert sein.
  • Alle Großstädte in Risikogebieten sollten bis 2015 Präventionsmaßnahmen in ihre Bau- und Planungsvorschriften aufnehmen und umsetzen.
  • Zehn Prozent der Mittel für Katastrophenhilfe und zehn Prozent der Mittel für Wiederaufbaumaßnahmen sollten für Maßnahmen zur Prävention und Reduzierung von Risiken eingesetzt werden.
  • Ein Prozent der nationalen Entwicklungsausgaben sollten für diese Zwecke eingeplant werden.

Allein Unicef braucht im Jahr 2011 für seine weltweiten Nothilfeprogramme für Kinder rund 1,4 Milliarden Dollar. Das meiste Geld wird nach der Flut in Pakistan (296 Millionen) benötigt. Auch im Sudan (162 Millionen), in Haiti (157 Millionen), Simbabwe (119 Millionen) und der Demokratischen Republik Kongo (115 Millionen) ist der Bedarf an Hilfe für Kinder hoch.

"Rechtzeitige Investitionen in die Widerstandskraft der ärmsten Kinder und ihrer Gemeinden ist eine notwendige Antwort auf den Klimawandel", sagt Unicef-Deutschland-Vorsitzender Heraeus. "Und es ist der kostengünstigste Weg, mögliche Schäden zu verringern." So konnte das Uno-Kinderhilfswerk eigenen Angaben zufolge zum Beispiel in Bangladesch und Vietnam die Zahl der Todesfälle bei Stürmen und Überschwemmungen mit besseren Frühwarnsystemen und Zufluchtsmöglichkeiten deutlich senken. Zehntausende Kinder lernen zudem in landesweiten Programmen schwimmen - ein wichtiger Schutz vor dem Ertrinken.

Nach Katastrophen, so Tarneden, gehe es oft darum, für Kinder "Inseln der Normalität im Chaos" zu schaffen. Etwa mit Hilfe von Spiel- oder Bildungsmöglichkeiten. Christine und ihre Geschwister in Haiti können seit einigen Monaten wieder Schulen besuchen. "Meine kleine Schwester wacht jeden Morgen früh auf, wäscht sich und macht sich fertig für die Schule", erzählt Christine. "Es macht mich sehr glücklich, dass sie genauso gerne zur Schule gehen wie ich. Sie lieben es."

wit



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
leser_81 09.05.2011
1. zu viele Menschen auf der Welt.
Und genau hier liegt das Problem. Es sind immer mehr Kinder betroffen ! Wenn man den Statistiken glauben darf, schrumpft in Europa die Bevölkerung. In Deutschland ja sowieso - das ist ja bekannt, doch in den armen Regionen der Welt in den Entwicklungsländern gibt es eine regelrechte Bevölkerungsexplusion. Familien mit 5, 6, 7 und mehr Kindern sind dort gar keine Seltenheit. Viele Kinder und wenig Möglickeiten diese anständig mit dem nötigsten zu versorgen. Wenn das Land einfach z.B. geografisch keine Möglichkeit hat mit eigenen Kapazitäten Nahrungsmittel anzubauen, bleibt es am Tropf der westlichen Entwicklungshilfe hängen, oder man muss etwas gegen die Überbevölkerung unternehmen. Hier müsste viel mehr investiert werden, damit die Männer und Frauen in diesens Ländern Zugang zu Verhütungsmitteln bekommen und aufgeklärt werden. Es müssten auch endlich mal ein religiöses Umdenken stattfinden, da viele Muslime und Christen auf Verhütung verzichten, da die Religion diese verbietet. Wenn ich die Haltung der Katholischen Kiche bezüglich dem gebrauch von Kondomen höre, kann ich nur noch den Kopf schütteln. Duch Aufklärung und einen vernünftigen Familienplanung könnten viel Leid in Entwicklungsländern verhindet werden.
SidiTabet 09.05.2011
2. Mehr Kinder? NEIN! AUF KEINEN FALL!
In unserem christlich orientierten Denken ist es üblich, jedes verlorene Menschenleben zu betrauern. Alles andere gilt als zynisch. Nur: wie weit darf die Vermehrung der Weltbevölkerung denn noch gehen, bis endlich einmal die Äusserung: Jeder NICHT überlebende Mensch ist ein guter Mensch! ausgesprochen werden darf? Wie verdrängen rigoros jede Tierart, wir vermüllen diesen Planeten, wir verbrauchen/verbrennen oder vernichten sonst wie natürliche Ressourcen - aber es wird immer noch gejammert, wenn zu viel geborene Menschen sterben! Ich würde gerne endlich ein Umdenken in den Köpfen der Massen erleben! In den Köpfen, die nicht religiös geprägt denken, sondern schlicht und ergreifend die Logik einbringen und die letzten Hochrechnungen zur Bevölkerungsdichte im Jahr 2100 betrachten!
flachatmer 09.05.2011
3. ✁
Zitat von SidiTabetIn unserem christlich orientierten Denken ist es üblich, jedes verlorene Menschenleben zu betrauern. Alles andere gilt als zynisch. Nur: wie weit darf die Vermehrung der Weltbevölkerung denn noch gehen, bis endlich einmal die Äusserung: Jeder NICHT überlebende Mensch ist ein guter Mensch! ausgesprochen werden darf? Wie verdrängen rigoros jede Tierart, wir vermüllen diesen Planeten, wir verbrauchen/verbrennen oder vernichten sonst wie natürliche Ressourcen - aber es wird immer noch gejammert, wenn zu viel geborene Menschen sterben! Ich würde gerne endlich ein Umdenken in den Köpfen der Massen erleben! In den Köpfen, die nicht religiös geprägt denken, sondern schlicht und ergreifend die Logik einbringen und die letzten Hochrechnungen zur Bevölkerungsdichte im Jahr 2100 betrachten!
Dann hopp, mit guten Beispiel voran, junger Pandawan! Janis Joplin, lauwarme Badewanne und 'ne rostige Rasierklinge machen aus Ihnen auf ex einen Traumkandidaten für "Helden gesucht!". Wir singen für Sie, versprochen.
mrsfish 09.05.2011
4. gut gekontert
Zitat von flachatmerDann hopp, mit guten Beispiel voran, junger Pandawan! Janis Joplin, lauwarme Badewanne und 'ne rostige Rasierklinge machen aus Ihnen auf ex einen Traumkandidaten für "Helden gesucht!". Wir singen für Sie, versprochen.
Danke! Denn das eigene Leben ist dann doch zu lieb, alle andere dürfen krepieren und es ist gut so, aber nur nicht ich! Ja, leider gibt es viele Menschen die so denken und wenige die sich damit auseinandersetzen, daß wir durch unseren Konsum für die Armut dort sorgen, was auch bedeutet, daß die Entwicklung dort nicht weiter gehen kann. Unser Luxus vasiert auf der Armut anderer und erst wenn die Menschen genügend Essen und den Zugang zu Bildung haben, dann wird sich das Problem ganz von alleine lösen. Sehen wir ja bei uns, denn letztendlich war vor 50/60/70 Jahren es auch keine Seltenheit, daß es Großfamilien mit 6/7/8 oder noch mehr Kindern gab. Also: mein Motto, bewußt einkaufen, Produkte mit fairen Maßstäben und nicht K*K, N*K* usw, denn da gibts nur Hungelohn und bleibt nichts für Schulen und Bildung übrig. Ansonsten, wer das Motto äußert, jeder tote Mensch ist ein guter Mensch, bitte mit gutem Beispiel voran!
leser_81 09.05.2011
5. Nunja
Zitat von SidiTabetIn unserem christlich orientierten Denken ist es üblich, jedes verlorene Menschenleben zu betrauern. Alles andere gilt als zynisch. Nur: wie weit darf die Vermehrung der Weltbevölkerung denn noch gehen, bis endlich einmal die Äusserung: Jeder NICHT überlebende Mensch ist ein guter Mensch! ausgesprochen werden darf? Wie verdrängen rigoros jede Tierart, wir vermüllen diesen Planeten, wir verbrauchen/verbrennen oder vernichten sonst wie natürliche Ressourcen - aber es wird immer noch gejammert, wenn zu viel geborene Menschen sterben! Ich würde gerne endlich ein Umdenken in den Köpfen der Massen erleben! In den Köpfen, die nicht religiös geprägt denken, sondern schlicht und ergreifend die Logik einbringen und die letzten Hochrechnungen zur Bevölkerungsdichte im Jahr 2100 betrachten!
Eine sehr sehr nüchterne Denkweise. Sehr Rational! Ich akzepiere Ihre Einstellung, doch ich bin der Meinung, dass man sich viel eher auf die Enstehung von zukünftigen Menschen, sprich Verhütung und Aufklärung, konzentrieren muss als den Tod von Menschen die durch Hunger, Krankheiten, Krieg und Naturkatastrophen umkommen zur befürworten oder bewusst herbeizuführen. Ihren Standpunkt halte ich ehtisch für sehr fragwürdig.
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