Kinder in der Coronakrise "Wo es vorher schlimm war, wird es nun noch schlimmer"

Viele Kinder weltweit leben unter dramatischen Bedingungen. Najat Maalla M’jid, Uno-Sonderbeauftragte zu Gewalt gegen Kinder, spricht über häusliche Gewalt, Armut und Missbrauch sowie die Auswirkungen der Coronakrise.
Ein Interview von Birte Bredow
Kinder in einem Flüchtlingscamp in Idlib, Syrien (Archiv): "In jedem Land gibt es Kinder, die besonders verletzlich sind."

Kinder in einem Flüchtlingscamp in Idlib, Syrien (Archiv): "In jedem Land gibt es Kinder, die besonders verletzlich sind."

Foto: Juma Mohammad/ ZUMA Wire/ imago images

Lügde, Bergisch Gladbach, Münster: Mehrere Missbrauchskomplexe haben in Deutschland aktuell eine Diskussion darüber ausgelöst, wie Kinder besser vor sexueller Gewalt geschützt werden können. Das Problem ist ein globales, sagt Najat Maalla M’jid, die Uno-Sonderbeauftragte zur Gewalt gegen Kinder. Doch es gibt auch zahlreiche weitere Bedrohungen für Mädchen und Jungen.

Maalla M’jid spricht anlässlich der Unicef-Jahrespressekonferenz darüber, warum Gewalt gegen Kinder in jedem Land ein wichtiges Thema ist und, warum die Corona-Pandemie die Situation oft noch verschlimmert.

SPIEGEL: Die Corona-Pandemie beeinflusst das Leben von Menschen weltweit. Was sind die besonderen Gefahren für Kinder?

Maalla M’jid: Die Pandemie ist nicht nur ein gesundheitliches Problem. Eine Folge des Lockdowns in vielen Ländern war eine Zunahme von Gewalt gegen Kinder in ihrem Zuhause. Viele Kinderschutzeinrichtungen und Sozialdienste wurden geschlossen, die Opfer konnten den Situationen also kaum entfliehen und auch nicht mit Sozialarbeitern, Lehrern oder medizinischem Personal sprechen. Vor allem Kinder, die sich ohnehin in schwierigen Situationen befinden, werden durch die Coronakrise noch verletzlicher: Etwa diejenigen, die in humanitären Einrichtungen leben, eine Behinderung haben oder auf der Straße leben. Eine weitere Gefahr ist, dass Kinder vermehrt das Internet nutzen - um online zu lernen, aber auch, um sich zu beschäftigen, wenn sie sich isoliert und einsam fühlen.

SPIEGEL: Warum ist das ein Risiko?

Maalla M’jid: Es gibt immer mehr Gewalt gegen Kinder im Internet, sogenanntes Cybergrooming. Ein Bericht von Europol zeigt, dass in der Coronakrise die Zahl der Missbrauchsaufnahmen im Netz stark gestiegen ist. Auch die ökonomischen Folgen der Krise sind eine Bedrohung für Kinder. Die Weltbank schätzt, dass bis zu hundert Millionen Menschen zusätzlich in extreme Armut geraten werden. Das bedeutet beispielsweise ein höheres Risiko von Menschenhandel, Kinderarbeit oder Kinderehen. Auch den Aspekt der psychischen Gesundheit darf man nicht vergessen. Viele Kinder haben große Angst, fühlen sich unsicher, einsam und isoliert. Trotzdem gibt es auch Dinge, in denen ich eine Chance sehe.

SPIEGEL: Welche?

Maalla M’jid: Es gibt Beispiele von Migrantenkindern, die zuvor in Lagern festgehalten wurden und nun nach richterlichen Entscheidungen freigelassen werden mussten. Das zeigt, was möglich ist. Und viele Länder, auch arme, sorgen dafür, dass Unterricht und Informationen für Kinder bereitgestellt werden - sei es online oder über das Fernsehen. Daraus kann man für die Zukunft lernen, um immer mehr Kindern Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Auf der anderen Seite habe ich Sorge, dass der Kinderschutz in dieser Krisenzeit beschnitten wird.

SPIEGEL: Weil er aufgrund der Krise in den Hintergrund gerät?

Maalla M’jid: Ja, da müssen wir jetzt besonders wachsam sein. Das Kindeswohl ist immer vom Schutz und dem Wohlergehen der Gemeinschaft und Familie abhängig. Vielen Eltern geht es wirtschaftlich gerade sehr schlecht, sie haben keine Arbeit, wissen nicht, wie es weitergehen soll. Beim Umgang mit einer Pandemie darf es nicht nur um das Gesundheitswesen gehen, sondern auch um die psychische Gesundheit und sozioökonomische Unterstützung für die Schwächsten.

SPIEGEL: Die Uno strebt ein Ende der Gewalt gegen Kinder bis 2030 an - halten Sie dieses Ziel für realistisch?

Maalla M’jid: Ich möchte optimistisch sein. Wenn wir allerdings so weitermachen wie bisher, sieht es schlecht aus. In der Coronakrise hat man gesehen, dass es wenig Solidarität oder Zusammenarbeit zwischen einzelnen Staaten gibt. Aber wenn wir uns über Landesgrenzen hinweg zusammensetzen, können wir das Ziel noch erreichen. Es geht nicht nur um politische Verpflichtungen. Man braucht auch auf der lokalen Ebene finanzielle Mittel und Arbeitskräfte. Man muss sicherstellen, dass Gesetze eingehalten werden und die Interessen von Kindern auch vor Gericht vertreten werden. Und wir brauchen Zahlen, anhand derer wir unsere Fortschritte messen können.

SPIEGEL: Welche wären das?

Maalla M’jid: Das Hauptproblem in vielen Ländern ist, dass man gar keine Vorstellung davon hat, wie viele Kinder tatsächlich Gewalt ausgesetzt sind, wie viele gefährdet sind und um welche Formen von Gewalt es geht.

SPIEGEL: In welchen Regionen ist die Situation für Kinder besonders schlimm?

Maalla M’jid: Das ist nicht so einfach zu sagen. In jedem Land gibt es Kinder, die besonders verletzlich sind, zum Beispiel aufgrund von Armut. Oder nehmen wir die vielen Flüchtlingskinder: Auch in reichen, auch in europäischen Ländern werden solche Kinder inhaftiert oder abgeschoben, haben keinen Zugang zu Hilfe und Schutz, weil sie als illegal angesehen werden. Es ist wichtig, in den einzelnen Ländern die jeweils am meisten gefährdeten Kinder und ihre Familien ins Blickfeld zu rücken, und dafür zu sorgen, dass sie ein gesünderes und sichereres Umfeld bekommen. Diese Kinder gibt es in jedem Land, in jeder Stadt.

SPIEGEL: Und darüber hinaus?

Maalla M’jid: In allen Ländern, in denen es gerade bewaffnete Konflikte gibt, sind Kinder durch die Pandemie noch stärker gefährdet. Wo es vorher schlimm war, wird es nun noch schlimmer. Ich denke zum Beispiel an den Jemen, einige afrikanische Staaten oder Afghanistan. Aus vielen dieser Länder bekommt die Uno aktuell aufgrund der Folgen beispielsweise der Lockdowns keine Informationen.

SPIEGEL: Aktuell gibt es in Deutschland mehrere komplexe Ermittlungsverfahren zu Fällen von Kindesmissbrauch, bei denen die mutmaßlichen Täter sich im Internet vernetzt haben sollen. Wie bedeutend ist dieses Problem im globalen Vergleich?

Maalla M’jid: Diese Fälle nehmen zu. Sie sind ein weltweites Problem - nicht nur in reichen Ländern.

SPIEGEL: Was sollte Ihrer Meinung nach dagegen getan werden?

Maalla M’jid: Die Technologie-Unternehmen müssen mehr einbezogen werden. Und die Gesetzgeber in den jeweiligen Ländern müssen klarstellen, dass es sich um Verbrechen handelt. Solche Taten beeinträchtigen Kinder für eine lange Zeit - manche von ihnen erholen sich nie. Es ist wichtig sicherzustellen, dass Täter die Anonymität im Internet nicht als Schutz für ihre Taten nutzen können. Die Strafverfolgung muss gestärkt wird – nicht nur innerhalb eines Landes, sondern grenzübergreifend. Die Täter passen sich den neuen Technologien sehr progressiv an und unsere Antworten kommen spät. Da müssen wir aufholen.

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