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UNHCR-Bericht: Auf der Flucht

Foto: THOMAS MUKOYA/ REUTERS

Uno-Report Vier von fünf Flüchtlingen leben in Entwicklungsländern

Weltweit sind so viele Menschen auf der Flucht wie seit langem nicht, doch die Belastung der Industriestaaten ist vergleichsweise winzig: Ein Uno-Bericht stellt den reichen Ländern ein miserables Zeugnis aus.

Hamburg - In zahlreichen Industriestaaten nehmen Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen zu, doch die große Mehrzahl der Exilsuchenden lebt in Entwicklungsländern: Vier von fünf Flüchtlingen halten sich in den ärmsten Ländern der Welt auf, ergab der Jahresbericht des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen (UNHCR), der am Montag vorgestellt wurde.

"Ängste vor angeblichen Massenbewegungen von Flüchtlingen in die Industrieländer sind massiv übertrieben", sagte António Guterres, Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen. In Europa sei der falsche Eindruck entstanden, alle Flüchtlinge wollten in die EU einreisen. "Es ist einfach nicht wahr, dass Flüchtlinge massiv in den Norden drängen", sagte er.

Als Beispiel nannte Guterres Libyen. Von dort seien seit Beginn des Aufstands eine Million Menschen in die Nachbarländer Tunesien und Ägypten geflohen. Weniger als zwei Prozent von ihnen hätten Europa erreicht. Guterres forderte, dass die Industriestaaten die Entwicklungsländer stärker unterstützen, weil diese am meisten durch Flüchtlingsströme belastet seien.

Das Flüchtlingswerk legte den Bericht "Global Trends 2010" anlässlich des Weltflüchtlingstags vor. Demnach leben die meisten Flüchtlinge in Pakistan (1,9 Millionen), Iran (1,1 Millionen) und Syrien (1 Million). In Deutschland lebten Ende 2010 rund 600.000 Flüchtlinge, in etwa genauso viele wie im Jahr zuvor. Deutschland ist damit der Industriestaat mit der höchsten Zahl an Flüchtlingen.

Insgesamt waren 2010 rund 44 Millionen Menschen auf der Flucht, so viele wie seit 15 Jahren nicht mehr. Im Vorjahr waren es rund 400.000 weniger. Insgesamt flohen 2010 etwa 15,6 Millionen Menschen aus ihren Ländern, weitere 27,5 Millionen befanden sich innerhalb ihrer Heimatstaaten auf der Flucht.

Zahl der Asylanträge in Deutschland deutlich gestiegen

Guterres prangerte das Ungleichgewicht zwischen Industrie- und Entwicklungsstaaten an. Die Industrieländer müssten sich mehr engagieren, denn mehr Belastungen könnten die Entwicklungsländer nicht tragen. Es müsse garantiert sein, dass alle Bootsflüchtlinge aufgenommen werden, forderte Guterres. Das gelte auch für die Menschen, die jetzt vor dem Bürgerkrieg in Libyen flüchteten.

Die an die Industriestaaten gerichtete Forderung nach mehr Engagement untermauerte das Flüchtlingswerk mit einer Berechnung: Es stellte die Zahl der Flüchtlinge in einem Land in Beziehung zu dessen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Für Pakistan ergibt das 710 Flüchtlinge auf jeden Dollar des Bruttoinlandsprodukts, in der Demokratischen Republik Kongo sind es 475, in Kenia 247. Deutschland erreicht die höchste Zahl aller Industriestaaten: 17 Flüchtlinge pro Dollar.

Insgesamt suchten 2010 weltweit rund 15.500 unbegleitete Kinderflüchtlinge Asyl. Die Hälfte von ihnen kam aus Afghanistan oder Somalia. In Deutschland waren es insgesamt 1900, ein Anstieg gegenüber 2009 um rund 50 Prozent. Nur Schweden verzeichnete mit 2400 eine höhere Zahl.

Immer mehr Menschen bleiben lange auf der Flucht

Die größte Flüchtlingsgruppe stellen mit fünf Millionen Menschen die Palästinenser, die teilweise schon seit Generationen in den Nachbarländern Israels leben. Viele Flüchtlinge stammen auch aus Afghanistan und dem Irak: Von den insgesamt rund drei Millionen Flüchtlingen in Pakistan und Iran kommen fast alle aus Afghanistan. In Syrien stammen fast alle der rund eine Million Exilsuchenden aus dem Irak.

Der Bericht zeigt zudem, dass immer mehr Flüchtlinge über einen langen Zeitraum auf der Flucht bleiben. Im Jahr 2010 waren etwa 7,2 Millionen Menschen bereits seit fünf Jahren oder länger gezwungen, im Exil zu leben. Das waren so viele wie in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr. Zudem konnten im vergangenen Jahr mit rund 200.000 Menschen so wenige Flüchtlinge wie zuletzt im Jahr 1990 in ihr Heimatland zurückkehren. Von den Binnenvertriebenen schafften es immerhin fast drei Millionen aus anderen Landesteilen in ihre Heimatregion zurück, beispielsweise in Pakistan, der Demokratischen Republik Kongo und Kirgistan.

Die Umbrüche in Nordafrika und im Nahen Osten sind im Bericht noch nicht berücksichtigt. Stefan Telöken, Sprecher des UNHCR in Berlin, sagte SPIEGEL ONLINE, bei den rund eine Million Flüchtlingen aus Libyen handele es sich "zum allergrößten Teil um Gastarbeiter aus den Nachbarländern Tunesien und Ägypten sowie aus vielen anderen afrikanischen und asiatischen Staaten". Diese seien auch fast alle inzwischen wieder in ihre Heimatländer zurückgekehrt oder dorthin auch mit Hilfe vom UNHCR und der Internationalen Organisation für Migration evakuiert worden.

"Wir kämpfen für die Werte der Toleranz"

Für rund 3200 Menschen, die in den Grenzlagern Tunesiens ausharrten, suche das UNHCR derzeit nach Aufnahmeplätzen in anderen Ländern, da sie nicht in ihre Heimatländer zurückkehren könnten. Das Deutsche Rote Kreuz sprach von rund 8000 Flüchtlingen, die sich wegen der Unruhen in Libyen derzeit an den Grenzen zu Tunesien und Ägypten aufhielten. Deren Situation sei besonders besorgniserregend, sie bräuchten "Schutz in Europa und den Zugang zu einem Asylverfahren".

Auch die Unruhen im Jemen werden sich auf den nächsten Flüchtlingsreport des UNHCR auswirken. Laut Telöken mussten rund 20.000 Menschen innerhalb des Landes in andere Regionen fliehen.

Einen deutlichen Anstieg wird es bei der Zahl der Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste geben: "300.000 Menschen mussten aufgrund der Eskalation der Gewalt im Winter und Frühjahr fliehen", so Telöken. Und im Sudan gehe man nach den Auseinandersetzungen an der Grenze zwischen Nord- und Südsudan von 100.000 neuen Binnenvertriebenen aus.

Flüchtlingskommissar Guterres appellierte an die Industriestaaten: "Wir kämpfen für die Werte der Toleranz und der Überlegenheit der Vernunft." Er wandte sich dagegen, durch sogenannte Flüchtlingswellen Fremdenangst und Hass zu schüren. "Das sind Dinge, die von populistischer Propaganda und verantwortungslosen Medien praktiziert werden", kritisierte Guterres.

bim/AFP/dapd
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