Eltern, die ihr Kind verlieren Wie es weitergehen kann

Ihr Kind ist tot: Christoph Rösenberger und Brit Schnegelsberg haben ihren Sohn Frederik verloren. In einem Buch erzählen sie und andere Eltern von ihrem Schicksal.
Foto: Corbis

Frederik Rösenberger war ein lebhafter, starker, sportlicher Junge, so schildern es seine Eltern. Im Alter von vier Jahren erkrankte er an einer Sepsis, ausgelöst durch eine Meningitis. Die Ärzte versetzten ihn in einen künstlichen Tiefschlaf. Die Krankheit verstopfte die Blutbahnen, die Fingerkuppen des Kindes färbten sich schwarz.

Frederik erkrankte an einer besonders aggressiven Form, dem Waterhouse-Friderichsen-Syndrom, fast alle Fälle verlaufen tödlich. Seine Eltern mussten fürchterliche Entscheidungen treffen: Mehrfach unterschrieben sie, dass ihrem Sohn Gliedmaße amputiert werden sollten, um sein Leben zu retten: den rechten Unterarm, beide Unterschenkel, die Hälfte seiner linken Hand.

Frederik kämpfte um sein Leben. Und die Eltern hofften, dass er den Kampf gewinnt, dass er leben kann, auch mit schweren Behinderungen. Hauptsache leben. Zahllose Operationen folgten. "Kein normaler Mensch kann eine solche Situation nachvollziehen", sagt Vater Christoph Rösenberger.

Elf Wochen lag Frederik im Koma. Die sedierenden Medikamente wurden abgesetzt, aber er wachte nicht auf. Als die Ärzte feststellten, dass sein Gehirn irreparable Schäden davongetragen hatte, empfahlen sie, die lebenserhaltenden Geräte abzustellen. Frederiks Eltern stimmten zu. Neun Tage später starb der Junge in den Armen seiner Mutter.

Die Autorin Dona Kujacinski hat die Geschichte von Frederik Rösenberger und seinen Eltern aufgeschrieben. In ihrem Buch "Unser Kind ist tot" schildert sie 13 Fälle, in denen Eltern das Schlimmste widerfahren ist.

Manche konnten noch Abschied nehmen. Andere sprachen am Abend über Belanglosigkeiten mit ihrem Kind und am nächsten Morgen war es tot. Und manche wissen bis heute nicht, was beim Tod ihres Kindes genau passierte. So wie Marlis und Uwe Böken, deren Tochter Jenny mit 18 Jahren bei einer Nachtwache auf dem Segelschulschiff Gorch Fock über Bord ging.

"Wie viele Kinder haben Sie?"

Sie alle erzählen in dem Buch vom Tod ihrer Kinder. Von ihrem Schmerz, von ihrer Wut, von ihrem Ringen, am Verlust nicht zu zerbrechen. Das Buch handelt vom Tod, aber noch viel mehr vom Leben der Hinterbliebenen. Kujacinski lässt die Eltern in langen Passagen zu Wort kommen, die Schilderungen sind kraftvoll und manchmal schwer zu ertragen.

Früher habe sie Angst vor dem Sterben gehabt, erzählt eine Mutter. "Da wollte ich am liebsten hundert Jahre alt werden und viele Urenkel haben." Heute habe sie Angst vor dem Leben, weil die Sehnsucht nach ihrem gestorbenen Sohn so groß sei. Eine andere Mutter wurde erneut schwanger und hätte fast abgetrieben - aus Angst, es könne wieder etwas passieren. Mehrere Eltern berichten, wie schwierig es sei, eine Antwort zu finden auf die Frage: Wie viele Kinder haben Sie?

Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden. Wer diese Geschichten liest, muss denken: Manche Wunden heilen nie ganz. Aber es gibt einen Weg, mit ihnen zu leben.

"Die Unbeschwertheit kommt nie wieder"

Der Mensch könne Dinge aushalten, von denen er vorher nichts ahne, sagt Kujacinski. Das ist für die Autorin die wichtigste Erkenntnis aus den Gesprächen mit den betroffenen Eltern. "Viele können sogar wieder Freude finden. Aber alle haben unisono gesagt: Die Unbeschwertheit ist weg. Und die kommt auch nicht mehr wieder."

Bei vielen der Eltern ist der Schmerz wenige Jahre nach dem Tod des Kindes noch frisch, bei anderen ist er zu einem dumpfen Begleiter geworden, der sich hin und wieder Bahn bricht. Die Kraft, weiterzuleben, haben sie alle gefunden - jeder auf seine Weise. Das Buch soll kein Ratgeber sein, so Kujacinski. "Es soll einfach anhand von Erzählungen zeigen, wie es weitergehen kann. Vielleicht findet sich ein Elternpaar darin wieder."

Auch Christoph Rösenberger und seine Frau Brit Schnegelsberg haben heute, acht Jahre nach Frederiks Tod, in eine "Art Normalität" zurückgefunden, wie Kujacinski schreibt. Den Verlust verarbeiten sie ganz unterschiedlich: Die Mutter erträgt es noch immer kaum, über Frederiks Tod zu sprechen. Den Vater befreit es. Sie blendet die Erinnerungen an die glückliche Zeit aus. Er will sich bewusst daran erinnern. "Wir lernen Tag für Tag besser mit der Katastrophe zu leben", sagt Christoph Rösenberger in dem Buch. "Trotzdem wird das Trauma immer irgendwo da sein."

An einem Samstag Mitte November haben sich mehrere der Eltern in einem Berliner Restaurant getroffen: Auch die Bökens, Brit Schnegelsberg und Christoph Rösenberger waren dabei. Ihre schlimme Erfahrung verbindet sie alle. "Es war ein nachdenkliches Treffen", sagt Kujacinski, "aber auch ein fröhliches."

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Dona Kujacinski:
Unser Kind ist tot

Mütter und Väter erzählen von Verlust, Schmerz und Hoffnung.

Bastei Lübbe (Quadriga);
224 Seiten; 18 Euro.

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