US-Händler Realco Mordsgeschäft mit Waffen

Kein anderes Waffengeschäft rund um Washington DC stattet derart viele Kriminelle aus: Pistolen und Gewehre aus dem Realco Gun Shop landen auffällig oft in den Händen von Räubern, Erpressern, Mördern - die Behörden sind machtlos.

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Hamburg - Der Ort des Anstoßes und der Hort der Ordnung liegen nur 150 Kilometer voneinander entfernt. Mit dem Auto sind es keine zwei Stunden Fahrt vom Realco Gun Shop zur Zentrale des Ermittlungsbüros für Schusswaffen.

Der Waffenladen hat seine Verkaufsräume in einem zweigeschossigen Rotklinkerhaus in Forestville, Maryland, bieder und unscheinbar. In der Nachbarschaft am Rande eines Gewerbegebiets gibt es einen Friseur mit dem schönen Namen "Loose Ends", einen Drive-Through und Dunkin' Donuts. Der Laden selbst ist so klein, dass ihn drei Kunden schon aus allen Nähten platzen lassen.

Trotzdem ist Realco erfolgreicher als viele Konkurrenten. 19.000 Pistolen, Messer und Gewehre sind seit 1984 nach eigenen Angaben über den Ladentisch gegangen. Doch Inhaber Carlos del Real verkauft nicht nur ungewöhnlich viele Waffen, er verkauft sie auch außergewöhnlich oft an die falschen Leute.

Der Realco Gun Shop in Forestville, Maryland

Laut einem Bericht der "Washington Post" haben Ermittler festgestellt, dass in mehr als 2500 Fällen in den vergangenen 18 Jahren Realco-Waffen bei schweren Verbrechen wie Schießereien und Raubüberfällen im Großraum Washington zum Einsatz kamen. Auf 1000 verkaufte Waffen kamen 131, die später bei der Polizei auftauchten, weil Räuber, Erpresser, Mörder sie benutzten.

Kein anderes Waffengeschäft rund um die US-Hauptstadt stattete demnach derart viele Kriminelle aus. Die "Washington Post" hat Datenbanken der Polizei und staatlicher Behörden ausgewertet.

Das Ermittlungsbüro der US-Behörde für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoff (Federal Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives - ATF), das für die Überwachung der Waffenhändler zuständig ist, liegt in Martinsburg, West Virginia. Es ist der Hort der Ordnung - doch die Ermittler sind machtlos.

Ein Waffengeschäft zu eröffnen ist leicht, es zu schließen fast unmöglich

Dort weiß man um Realco, weiß, dass viele Waffen, die dort gekauft werden, binnen drei Jahren im Rahmen der polizeilichen Ermittlungsarbeit im Zusammenhang mit einem Verbrechen auftauchen. Doch die Ermittler haben praktisch keine Handhabe, um gegen den Inhaber vorzugehen.

Das System krankt an beiden Enden: Der Macht der Inhaber steht die Ohnmacht der Behörden gegenüber.

Das Problem, das sich in dem unscheinbaren Klinkerbau manifestiert, ist gesetzlich festgeschrieben und es wurde in den vergangenen Jahren politisch untermauert. Der Spielraum der Waffenhändler ist groß, sie müssen praktisch keine Rechenschaft über ihr Handeln ablegen.

"Ein Prozent der Händler verkauft 60 Prozent der Waffen, die die Polizei an Tatorten findet", sagt Paul Helmke, Chef der "Brady Campaign to Prevent Gun Violence", SPIEGEL ONLINE. "Und wir können praktisch nichts dagegen tun."

Realco befolgt nach eigenen Angaben die Gesetze, auch die Ermittlungsbehörden konnten dem Inhaber bislang kein strafbares Verhalten nachweisen, loben sogar seine Kooperationsbereitschaft.

Die Überwachungsbehörde ATF ist politisch und personell so geschwächt, dass sie kaum die Möglichkeit hat, Untersuchungen durchzuführen, die möglicherweise das Gegenteil über Realco ans Licht bringen würden.

"Realco verkauft hochwertige, legale Produkte und hält sich dabei an alle bundesstaatlichen, staatlichen und lokalen Vorgaben", äußerten sich die Inhaber bereits vor gut zehn Jahren, als die "Washington Post" das erste Mal über die sogenannten "Crime Guns" berichtete. Sie gelangen meist über Strohmänner in die Hände der Kriminellen. Denn laut US-Gesetzen dürfen Vorbestrafte keine Waffen besitzen. Häufig sind es Freundinnen, Ehefrauen oder Bekannte, die bei Realco einkaufen und die Waffen dann weitergeben. Das dreiseitige Papier, auf dem sie versichern, die Ware nicht weiterzugeben, unterschreiben sie bereitwillig. Und damit ist der Händler rechtlich erst einmal aus dem Schneider.

Laut den Gesetzen des Bundesstaates Maryland kann jeder Ladenbesitzer, der "wissentlich und absichtlich" eine Waffe an einen Strohmann verkauft, zu einer Geldstrafe von 25.000 Dollar oder zehn Jahren Haft verurteilt werden. Wie aber soll das Gericht im Nachhinein feststellen, was der Händler wusste oder hätte wissen können? Die Beweise sind schwer zu erbringen, Verurteilungen entsprechend selten.

Die Händler müssen ihre Waffen nicht inventarisieren, viele behaupten im Rahmen von Ermittlungen, einen Teil ihrer Ware schlicht "verloren" zu haben. Manchmal gar ein Viertel der gesamten Bestands. Pistolen, Gewehre, Messer - angeblich einfach abhanden gekommen. In Wahrheit werden sie über den Schwarzmarkt vertrieben und gelangen so in kriminelle Kreise. "Wer Kühlschränke verkauft oder Toaster, muss dies nachhalten. Aber wenn Sie in diesem Land Waffen verkaufen, bewegen Sie sich im rechtsfreien Raum", so Helmke. Die Waffenindustrie sei die einzige Industrie des Landes, die nicht von der Regierung überwacht werde.

Ein Waffengeschäft zu eröffnen ist leicht, es von staatlicher Seite zu schließen, ungleich schwieriger. Ein 21-Jähriger, der selbst Waffen besitzen darf, einen festen Wohnsitz hat und 200 Dollar zahlt, ist theoretisch berechtigt, die Lizenz zu Eröffnung eines solchen Landens zu bekommen. Die ATF ist per Gesetz dazu verpflichtet, einem Bewerber binnen 60 Tagen die Erlaubnis zu erteilen, sofern er alle Kriterien erfüllt. Die Lizenz zu widerrufen ist nahezu unmöglich.

Die Händler behaupten, die Waffen verloren zu haben

In den USA gibt es rund 60.000 Waffenhändler. Pro Jahr werden durchschnittlich 15 strafrechtliche Verfahren eingeleitet. Das entspricht 0,025 Prozent. In komplizierten Formularen muss die ATF begründen, warum jemand seinen Handel nicht weiterführen darf. In den seltenen Fällen, in denen ein Geschäft tatsächlich geschlossen wird, können die Inhaber leicht Schlupflöcher finden, um es wieder zu eröffnen - beispielsweise indem ein Familienmitglied die Leitung übernimmt. Außerdem kann ein Händler seine Waffen als private Sammlung deklarieren - und sie dann weiter verkaufen. "Es ist deutlich einfacher, ein Restaurant zu schließen als einen Waffenladen", sagte Lew Raden, früherer stellvertretender ATF-Direktor der Vollstreckungsabteilung, der "Washington Post".

Das ATF agiert wie ein zahnloser Tiger, noch dazu ist die Behörde chronisch unterbesetzt.

Seit vier Jahren ist das ATF führungslos, seit rund vier Jahrzehnten arbeitet man mit nur 2500 Mitarbeitern. Weder Demokraten noch Republikaner sind wirklich daran interessiert, das ATF zu stärken. Beide Parteien fürchten die übermächtige Waffenlobby, die gegen eine Kriminalisierung der Händler mobil macht. Die National Rifle Association (NRA) hat in der Vergangenheit erfolgreich verhindert, dass ein digitales nationales Waffenregister eingerichtet werden konnte.

So arbeiten die ATF-Ermittler des National Tracing Centers in Martinsfield noch mit Stift, Karteikarten und Papier. "Das sind Verhältnisse wie in den fünfziger Jahren", sagt Anti-Waffen-Lobbyist Helmke. 600 Mitarbeiter sind für insgesamt 115.000 Sammler und Händler von Waffen zuständig. Laut Gesetz könnte die ATF das Einhalten der gesetzlichen Standards jährlich überprüfen. Tatsächlich werden die Inhaber einmal im Jahrzehnt besucht.

Auch die Polizei kann nichts unternehmen. Der "Washington Post" sagte Andy Ellis von der Abteilung für öffentliche Angelegenheiten: "Wenn eine Firma wie Realco sich an das Recht hält, aber zugleich für so viele Kriminalfälle verantwortlich ist, offenbart das die Schwächen unseres Systems. Ich kann mir nur ausmalen, wie viel niedriger unsere Gewaltkriminalitätsrate liegen würde, wenn Realco Schuhe statt Waffen verkaufen würde."

"In diesem Land gibt es mehr gesetzliche Regelungen für Spielzeugpistolen als für richtige Waffen", bilanziert Helmke. "Das muss sich ändern."



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Seite 1
amerlogk 29.10.2010
1. ich hasse Titelzwang
A well regulated militia being necessary to the security of a free State, the right of the People to keep and bear arms shall not be infringed. Second Amendment Hmmm.... - Darf nur wer in einer Miliz ist Waffen haben? - Ist die Miliz Heutzutage nicht mit der Nationalgarde eigentlich vorhanden? - Was sind "arms", Musketen und Säbel, den dafür wurde der Paragraph mal geschaffen? Oder darf man automatisch modernisieren? Dann dürften die Leute doch auch Artillerie, Panzer und was immer andere Menschen tötet lagern. Würden Waffen das Leben sicherer machen, wäre die USA doch wohl die sicherste Nation der Welt. Die Mordrate durch Schußwaffen erinnert aber eher an low-intensity warfare. Gäbe es nicht die Unschuldigen die es träfe...
Dino, 29.10.2010
2. Realsatire?
Zitat von sysopKein anderes Waffengeschäft rund um Washington DC stattet derart viele Kriminelle aus: Pistolen und Gewehre aus dem Realco Gun Shop landen auffällig oft in den Händen von Räubern, Erpressern, Mördern - die Behörden sind machtlos. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,725971,00.html
Ja, nee, is klar. Mit nur 2500 Sesselpupsern alias "Beamte" rund um Washington DC kann man wirklich rein gar nichts ausrichten.Und die böse NRA ist schuld, soso. Wer`s glaubt wird selig.
Andreas Rolfes 29.10.2010
3. Waffen für alle!
1. Die größten Waffenhändler der Welt sind nicht Privatunternehmen, sondern Staaten. 2. Das Problem sind nicht die Waffen an sich, sondern die Menschen, die sie besitzen. Waffen töten nicht, sondern Menschen. 3. Selbst wenn man den Waffenmarkt in den USA so regulieren (oder strangulieren) würde wie in Deutschland: Kriminelle, die Waffen wollen, werden sie auch bekommen! Und einsetzen!
citizengun 29.10.2010
4. lancierter Artikel
Das ist ein gezielter Artikel gegen den 2. Verfassungszusatz der USA und die Freiheit der Menschen. Warum? Weil es statistisch nicht tragbar ist, dass eine grosse Menge Krimineller nur bei einem Waffenhändler einkauft. Wenn es nur ein halbes Dutzend wäre, könnte man den Artikel als authentisch ansehen aber eine "grosse Menge" ist mathematisch absolut unwahrscheinlich. Es gilt die mathematische Gleichverteilung und jede Abweichung davon, muss um so stärker beweisbar sein, je grössser sie wird. An dem Artikel ist was faul.
Camarillo Brillo, 29.10.2010
5. ....
Zitat von sysopKein anderes Waffengeschäft rund um Washington DC stattet derart viele Kriminelle aus: Pistolen und Gewehre aus dem Realco Gun Shop landen auffällig oft in den Händen von Räubern, Erpressern, Mördern - die Behörden sind machtlos. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,725971,00.html
Tja, da frägt sich der geneigte Leser, wo denn die "Achse des Bösen" beginnt ... :-) ... !!??
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