US-Polizeigewalt Videos der Schande

Sam Dubose, Walter Scott, Tamil Rice: Immer wieder sterben Afroamerikaner bei der Konfrontation mit weißen Polizisten. Erst Videos brachten die Wahrheit ans Licht.

Banale Verkehrskontrolle, tödliches Ende: Der Fall Ray T. im US-Bundesstaat Ohio
Hamilton County Prosecutor's Office

Banale Verkehrskontrolle, tödliches Ende: Der Fall Ray T. im US-Bundesstaat Ohio

Von , New York


Seine Großspurigkeit war verflogen. Statt der Polizeiuniform trug Ray T. Sträflingskleidung und Handschellen. Richterin Megan Shanahan verlas die Vorwürfe: Mord, vorsätzlicher Totschlag, verstanden? "Ja, Euer Ehren." Als die Zuschauer die Kaution von einer Million Dollar mit Jubel begrüßten, rügte Shanahan auch sie: "Dies ist ein Gerichtssaal!"

Kaum drei Minuten dauerte am Donnerstag der erste Auftritt des US-Polizisten Ray T. als Angeklagter. Der seither gefeuerte Campus-Cop der University of Cincinnati hatte - das bestreitet keiner - bei einer banalen Verkehrskontrolle den unbewaffneten Schwarzen Sam Dubose erschossen. Strittig sind die Umstände: T., ein Weißer, macht Notwehr geltend, für Staatsanwalt Joe Deters ist es dagegen "fraglos Mord".

Fest steht: Ohne die Videoaufnahmen der Bodycam, die T. an jenem 19. Juli trug, wäre dieser jüngste Fall von Polizeigewalt gegen einen Afroamerikaner wahrscheinlich nie so schnell zur Anklage gekommen.

Das ist längst keine Ausnahme mehr. Früher blieben die Misshandlungen der Schwarzen verborgen, bis auf seltene Zufälle wie 1991 im Fall Rodney King. Heute werden derartige Übergriffe immer öfter dokumentiert - mit Bodycams, wie sie bereits in vielen US-Polizeibezirken gängig sind, mit Handys oder automatischen Überwachungskameras.

Die Videos verbreiten sich schnell,sie werden gezeigt in Massenmedien wie der "New York Times", sie lösen Empörung aus und erhöhen den öffentlichen Druck, sie dienen als Beweismittel in Strafverfahren gegen die Todesschützen - und sie schaffen neue Bilder des ungebrochenen Rassismus' Amerikas.

SPIEGEL ONLINE dokumentiert einige der dramatischsten Fälle aus dem vergangenen Jahr. Fälle, die Amerika verändern könnten. Vielleicht.

Cincinnati, Ohio, 19. Juli 2015: Sam Dubose

Der Uni-Polizist Ray T. winkt Sam Dubose rechts ran, weil seinem Auto ein Nummernschild fehlt. Im Einsatzbericht schreibt T. später, er habe aus Angst geschossen, da Dubose ihn fast überfahren habe. Das Video scheint das Gegenteil zu zeigen: T. schießt offenbar ohne Provokation.

Hamilton County Prosecutor's Office


Prairie View, Texas, 10. Juli 2015: Sandra Bland

Die 28-jährige Sandra Bland wird in Texas vom Polizisten Brian E., einem Latino, angehalten. Er bedroht sie mit dem Taser und nimmt sie brutal fest. Drei Tage später wird Bland erhängt in ihrer Gefängniszelle gefunden. Gerichtsmediziner gehen von Suizid aus.

DPA/ Waller County Sheriffs Office
McKinney, Texas, 5. Juni 2015: Teenager-Pool-Party

Drei weiße Polizisten reagieren auf eine Beschwerde von Nachbarn über eine Pool-Party schwarzer Teenager. Der Cop Eric Casebolt presst eine 14-Jährige zu Boden und richtet seine gezückte Waffe auf zwei Jungen. Als das Video öffentlich wird, kündigt er seinen Job.

REUTERS
North Charleston, South Carolina, 4. April 2015: Walter Scott

Ein Passant filmt mit seiner Handykamera, wie der Polizist Michael S. den unbewaffneten Walter Scott konfrontiert. Als Scott davonrennt, schießt ihm S. achtmal in den Rücken. Scott stirbt. Der Polizist, der zunächst behauptet hatte, Scott habe ihm die Elektroschockpistole entrissen und ihn bedroht, wird dank des Augenzeugenvideos wegen Mordes angeklagt.

REUTERS/NWOO
Tulsa, Oklahoma, 2. April 2015: Eric Harris

Polizisten nehmen Eric H. fest, er soll einem Undercover-Ermittler eine Waffe verkauft haben. Der Hilfspolizist Robert B., 73, erschießt H. - aus Versehen, behauptet er: Er habe eigentlich seinen Taser abfeuern wollen. B. wird wegen Totschlags mit bedingtem Vorsatz angeklagt.

REUTERS
Cleveland, Ohio, 22. November 2014: Tamir Rice

Der zwölfjährige Tamir Rice läuft mit einer Druckluft-Spielpistole durch einen Park. Eine von einem Nachbarn alarmierte Polizeistreife taucht auf, Timothy L. schießt aus nächster Nähe auf den Jungen, der tags darauf stirbt. Seine Familie hat Zivilklage erhoben. Die Polizei veröffentlichte diese verschwommenen Videobilder, die zeigen sollen, dass der Junge mutmaßlich zu der Spielzeugpistole griff, als die Polizisten angefahren kamen.

City of Cleveland
Columbia, South Carolina, 4. September 2014: Levar Jones

Levar Jones wird von dem Polizisten Sean G. angehalten, als er an einem Supermarkt aus dem Auto steigt. Ohne große Warnung schießt G. viermal, Jones überlebt. G. wird gefeuert und später wegen Körperverletzung und Gewaltanwendung angeklagt.

REUTERS
Staten Island, New York, 17. Juli 2014: Eric Garner

Polizisten nehmen Eric Garner im New Yorker Stadtteil Staten Island fest, er soll illegal Zigaretten verkauft haben. Ein Cop nimmt den Asthmatiker in den Schwitzkasten, obwohl der mehrmals ruft: "Ich kann nicht atmen!" Er stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus.

NY Daily News


Sehen Sie zu diesem Thema auch unsere Reportage:

Bodycams für US-Polizisten
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Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York. Von 1997 bis 2002 lebte er in Miami Beach.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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GregorHoch 31.07.2015
1. Dieser Artikel ist von der New York Times kopiert!
Gestern hat die New York Times einen Artikel veröffentlicht der argumentiert, dass Videos Polizeigewalt in den USA offenbaren und präsentiert eine Liste von Fällen mit den jeweiligen aufzeichnungen. Heute ist genau der gleiche Artikel auf Spiegel Online ohne die NYT auch nur zu erwähnen. Großartiger Journalistmus! Schüler und Studenten würden für plagiarismus von der Uni fliegen. Hier ist es alltag. http://www.nytimes.com/interactive/2015/07/30/us/police-videos-race.html http://www.nytimes.com/2015/07/31/us/through-lens-of-video-a-transformed-view-of-police.html
säkularist 31.07.2015
2.
All diese Fälle haben gemeinsam dass die Betroffenen keine todeswürdigen Vergehen begangen haben, aber allseamt feindselig verhalten haben und entweder kriminell oder zumindest Widerstand gegen normale Kontrollen geleistet haben.
zurki 31.07.2015
3. Was wenn ?
Seit Jahren alarmieren Mainstream Medien über den massiven Polizeimissbrauch in der USA. Denkt mal wie die Reaktion wäre es Russland. Kombiniert mit Stichwörter wie: Guantanamo, Abhörskandal, usw - sollten uns nachdenklich stimmen
hmutt 31.07.2015
4. Das ist natürlich etwas einseitig.
Das Problem in den USA ist doch nicht einfach nur Rassismus. Es ist die ungebrochene Gewaltbereitschaft der Polizei (letztendlich der ganzen Gesellschaft), die schlecht ausgebildet und unfähig zur Deeskalation ist. Hier werden ja nur nur die Fälle mit Schwarzen Opfern dargestellt, die statistisch natürlich tatsächlich auffallen. Es gibt aber genauso auch weiße Opfer. Erinnert sei z.B. an den Fall der Frau, die im Frühjahr auf einer Polizeiwache regelrecht hingerichtet wurde, nachdem einer der der Polizisten sie schon fest im Griff hatte. Die Frau litt offenbar unter Wahnvorstellungen und lief mit einem Messer herum. Im Raum waren drei(!) Polizisten, und die einzige Lösung sahen sie offenbar im Abschiessen. Das wäre in keinem europäischen Land so passiert. Im alten Europa werden Polizisten für so etwas geschult und nicht nach 9 Wochen Schnellkurs auf die Bevölkerung losgelassen wie teilweise in den USA und anderen Drittweltstaaten.
Montanabear 31.07.2015
5. Sie haben
da eine schöne Liste zusammengestellt. Leider jedoch ist in keinem Fall ohne Zweifel bewiesen, dass der Cop gegen das Gesetz verstossen hat. "Die Wahrheit ans Licht ?" Woher kennen Sie eine Wahrheit, die den Untersuchungskommissionen verborgen blieb ? Würde mich interessieren.
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