Tweets am Sterbebett "Wir schaffen das hier gemeinsam, Baby"

US-Radiomoderator Scott Simon ließ seine 1,2 Millionen Twitter-Follower teilhaben, als seine Mutter starb. Er schickte aus dem Krankenzimmer Dutzende Tweets. Die Reaktionen sind überwältigend - manche halten seinen Umgang mit dem Tod für einen Tabubruch.
Scott Simons Twitter-Account: Nachrichten aus der Intensivstation

Scott Simons Twitter-Account: Nachrichten aus der Intensivstation

Chicago - Scott Simon war bei seiner Mutter, als sie starb. Und er ließ mehr als eine Million Menschen miterleben, was es bedeutet, einen geliebten Menschen zu verlieren.

Simon ist in den USA ein bekannter Radiomoderator. Kein A-Promi, aber eine öffentliche Figur. Mehr als 1,2 Millionen Twitter-Nutzer verfolgen, was er twittert. Oft war es harmlos, manchmal belanglos. Ein Kommentar zum Baseball, eine Reaktion auf eine Fernsehshow.

Und dann, am 23. Juli: "Ich möchte einfach sagen, dass Krankenpfleger auf der Intensivstation bemerkenswerte Leute sind. Danke für das, was ihr für unsere geliebten Menschen tut." Simon sprach von seiner Mutter, die im Northwestern Memorial Hospital in Chicago im Sterben lag.

Es sollten Dutzende Tweets  folgen, in denen er seine letzten Stunden, Tage und Minuten mit der krebskranken 84-Jährigen beschrieb. Aus ihnen sprechen Trauer, Angst, Liebe, Dankbarkeit, hin und wieder auch so etwas wie Heiterkeit.

Meine Mutter auf der Intensivstation sieht Kate & William, wie sie ihr Kind halten und sagt unter Tränen: 'Jedes männliche Baby ist für seine Eltern ein kleiner König.' Und ich muss auch weinen.

Ich bekomme von meiner Mutter in der Intensivstation eine Lebenslektion über Güte. Wir hören nie auf, von unseren Müttern zu lernen, oder?

Was ist die Idee hinter frittierten Zwiebelringen in einer Krankenhauskantine?

Mutter sagt: 'Wir schaffen das hier gemeinsam, Baby. Der schwierigste Teil für dich wird sein, wenn es vorbei ist.'

Die Nächte sind am schwersten. Aber deswegen bin ich hier. Ich wünschte, ich könnte die Schmerzen und Ängste meiner Mutter von ihren Knochen auf meine übertragen.

Meine Mutter: 'Glaub' mir, diese großartigen Reden auf dem Sterbebett werden alle vorher geschrieben.'

Ich sage meiner Mutter: 'Du wirst nie aufhören, mich zu lehren.' Sie sagte: 'Du kannst mich nicht für alles verantwortlich machen.'

Ich weiß nicht, wie wir die kommenden paar Tage überstehen sollen. Und ich will nicht, dass sie enden.

Ich bin nicht sicher, dass meine Mutter Twitter versteht, oder warum ich ihr erzähle, dass Millionen Menschen sie lieben - aber sie sagt, sie sei sehr ergriffen.

Ich liebe es, die Hand meiner Mutter zu halten. Ich habe das nicht mehr getan, seit ich neun war. Warum habe ich aufgehört? Dachte ich, es sei unmännlich? Was für ein Blödsinn.

In Nächten wie dieser zittern meine Knie, als ob ein Erdbeben wäre. Ich halte den Arm meiner Mutter, um Kraft zu schöpfen - immer noch.

Am 29. Juli merkte Simon, dass der Tod seiner Mutter unmittelbar bevorstand: "Ich weiß, dass das Ende bevorstehen könnte, weil dies der einzige Tag ist, an dem ich meine Mutter als Erwachsener gesehen habe und sie nicht gefragt hat: 'Warum das Hemd?'"

Am selben Tag folgte die Botschaft:

Die Himmel über Chicago haben sich geöffnet und Patricia Lyons Simon Newman hat die Bühne betreten.

"Manche Dinge sollte man am besten nicht twittern"

Für manche Leser stellten Simons Tweets einen Tabubruch dar: Live-Berichterstattung über einen Tod und das Leiden, das ihm vorausgeht. "Manche Dinge sollte man am besten nicht twittern. Ich mag Scott Simon, aber ich stimme nicht mit seiner Entscheidung überein, vom Sterbebett seiner Mutter zu twittern", schrieb dagegen ein anderer. Und in Kommentaren hieß es, jeder erlebe Verluste wie Simon. Aber er heische damit nach Aufmerksamkeit.

Simon habe der Welt ein Manuskript seiner eigenen Trauer in Echtzeit gezeigt, schrieb die "Washington Post" . Mit zeitlichem Abstand hätte er sich als preisgekrönter Journalist fragen können, ob seine Wortwahl manchmal zu klischeehaft gewesen sei, so die Zeitung. Oder er hätte sich als Sohn fragen können, ob die letzten Momente eines Lebens auf Twitter gehören oder dem Elternteil, das sie lebt.

All das fragte sich Simon nicht. So erhielten die Tweets ihre Unmittelbarkeit, die viele bewegte. Hunderte Male wurden Simons Botschaften aus der Intensivstation aufgegriffen. Simon bedankte sich für die guten Wünsche und Gebete. Viele Leser waren berührt davon, wie er die letzten Tage und Stunden seiner Mutter begleitete. "Ist es seltsam, vom Sterbebett deiner Mutter zu twittern? Nein, es ist real, bewegend und liebevoll", schrieb ein Nutzer.

In einem TV-Interview, aufgenommen vor dem Tod der 84-Jährigen, erklärte er, warum er die Tweets veröffentlichte. "Meine Mutter hat vielen Menschen viel zu erzählen", sagte Simon im Interview. "Und es ist mir nicht peinlich, es zu teilen."

ulz
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