Unter Bürgerkriegs-Statue 130 Jahre alte Zeitkapsel lässt US-Historiker rätseln

Behörden haben eine Reiterstatue des umstrittenen Südstaatengenerals Robert E. Lee entfernt und eine Zeitkapsel entdeckt. Ihr Inhalt deckt sich jedoch nicht mit den Angaben eines Zeitungsartikels von 1887.
Eine Konservatorin der Universität von Virginia untersucht den Inhalt der Zeitkapsel: Bücher, eine Fotografie sowie eine Münze

Eine Konservatorin der Universität von Virginia untersucht den Inhalt der Zeitkapsel: Bücher, eine Fotografie sowie eine Münze

Foto: Steve Helber / AP

Einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1887 zufolge sollte eine Zeitkapsel, die unter einer Reiterstatue des umstrittenen Südstaatengenerals Robert E. Lee versteckt war, unter anderem Relikte aus dem Bürgerkrieg wie Knöpfe und Kugeln, konföderierte Währung, Landkarten, eine Bibel und ein Bild des ermordeten Präsidenten Abraham Lincoln in seinem Sarg enthalten.

Nachdem die Statue in Richmond abgebaut worden war, fanden die Behörden nach ein paar Tagen tatsächlich eine Zeitkapsel im Sockel der Statue – einen Behälter von der Größe eines Schuhkartons. Allerdings gibt der Fund Historikern Rätsel auf. Als der Gouverneur des US-Bundesstaats Virginia, Ralph Northam, den Deckel abhob, fand er nämlich nicht wie erhofft Relikte aus dem Bürgerkrieg. Stattdessen enthielt die Kapsel Bücher, eine Fotografie sowie eine Münze.

Abbau der Lee-Statue in Richmond: Von der rechten Szene als Held verklärt

Abbau der Lee-Statue in Richmond: Von der rechten Szene als Held verklärt

Foto:

Steve Helber / POOL / EPA

Die Reiterstatue war 1890 zu Ehren des Konföderiertengenerals Robert E. Lee in der ehemaligen Hauptstadt der Südstaaten, in Richmond errichtet worden. Im September wurde sie nach Protesten wegen der Rolle der Konföderierten bei der Sklaverei entfernt. Das Monument in Richmond stand wie eine vergleichbare Statue in Charlottesville, die bereits vor Monaten abgebaut wurde, 2020 im Mittelpunkt der landesweiten Anti-Rassismus-Proteste nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis.

Buch in der Kapsel ist jünger als erwartet

Wie die Forscher nun feststellten, enthielt die Zeitkapsel statt der erhofften Sammlerschätze einen Leitfaden für Astronomen und Seefahrer aus dem Jahr 1875 sowie ein weiteres Buch, das erst 1889 veröffentlicht worden war – zwei Jahre nachdem die Kapsel aus dem Zeitungsbericht angeblich versteckt worden war. Das Buch mit dem Titel »The Huguenot Lovers: A Tale of the Old Dominion« wurde von einem gewissen C.P.E. Burgwyn geschrieben, der sich auf der Titelseite als beratender Ingenieur der Lee Monument Association ausweist. Die Bücher und das Foto wiesen Wasserschäden auf. Die Herkunft der ebenfalls gefundenen Münze ist bislang ungeklärt.

Robert E. Lee hatte die Armee der Konföderierten im amerikanischen Bürgerkrieg der Südstaaten gegen die Nordstaaten geführt. Während der Auseinandersetzung in den 1860er-Jahren spalteten sich die damals weitgehend landwirtschaftlich geprägten Südstaaten von den USA ab und kämpften schlussendlich erfolglos für die Aufrechterhaltung der Sklaverei, die im Rest des Landes abgeschafft worden war. Lee wird von der rechten Szene in den USA als Held verklärt. Während Bürgerrechtler auch deshalb die Entfernung von Statuen fordern, die Vertreter der Konföderierten ehren, sprechen sich viele Republikaner für deren Erhalt aus.

Anmerkung der Redaktion: Bei der Zeitkapsel handelt es sich anders als geschrieben nicht um ein Relikt aus dem Bürgerkrieg, sie wurde erst nach der Auseinandersetzung bestückt und platziert. Das Buch »The Huguenot Lovers« stammt zudem aus dem Jahr 1889 nicht aus dem Jahr 1899. Wir haben die entsprechenden Stellen angepasst.

apr/AFP

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