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08. Oktober 2015, 18:50 Uhr

Gig hinter Gittern

Melissa Etheridge singt im Frauengefängnis

Singen statt sitzen: Melissa Etheridge geht ins Gefängnis. Für die Insassen einer Justizvollzugsanstalt im US-Bundesstaat Ohio gab die Rockerin ein außergewöhnliches Konzert.

"There's a little bit of you in a little bit of me" - Die Liedzeile der US-amerikanischen Rocksängerin Melissa Etheridge trifft die Stimmung genau: Bei einem Konzert im Frauengefängnis Marysville im US-Bundesstaat Ohio hat die 54-Jährige den Song "A Little Bit of Me" zusammen mit Dutzenden Insassen performt.

Für die Oscar- und Grammy-Gewinnerin war es ein ganz besonderer Auftritt. "Ich glaube, Musik kann die Welt verändern und ich bin dankbar, daran mitwirken zu dürfen", sagte Etheridge am Rande des Auftritts in einem Video-Interview mit dem "Columbus Dispatch". "Es ist mir eine Ehre, hier zu sein", sagte sie.

Das provisorische Konzert, bei dem der Rockstar auf einer Lkw-Pritsche Gitarre spielte und sang, geht auf die Initiative von Häftlingen zurück. "Vor zwei Jahren schickten sie ihr ein Video, vor einem halben Jahr skypten sie mit ihr und sangen vor der Kamera für sie, schließlich können sie hier ja nicht weg", berichtet David Brown vom Harmony Project, in dem die Frauen seit Jahren gemeinsam singen, dem "Dispatch".

Von der Aktion des Chors war Melissa Etheridge offenbar so berührt, dass es zum gemeinsamen Auftritt kam: "Eine der Frauen checkte die Tourdaten und lud sie ein", so Brown weiter. Auf einer kleinen Rasenfläche, umgeben von hohen Mauern, stieg schließlich das Konzert, bei dem die Häftlinge zusammen mit Etheridge auch den Song "A Little Bit of Me" sangen.

"Es war großartig, sie hat mein Herz berührt und sie hat mir viel Hoffnung gegeben", sagte eine der Gefangenen nach dem Auftritt, bei dem die Häftlinge auf der Wiese saßen und der Sängerin zujubelten. "Ich bin so froh, dass ich daran teilnehmen darf", sagte die wegen der Herstellung von Methamphetamin verurteilte Frau.

Auch Etheridge war von den singenden Frauen und ihrer Begeisterung beeindruckt. In einem Schlafsaal der Anstalt mit 2300 Plätzen hinterließ sie mit Farbe ihre Handabdrücke und ermunterte die Gefangenen, sich nach ihrer Entlassung wieder bei ihr zu melden. Auf Twitter schrieb sie zu dem Gig hinter Gittern: "Ich kann noch nicht mal damit beginnen, meine Dankbarkeit für das auszudrücken, was ich heute sehen durfte."

Den Tweet versah Melissa Etheridge mit dem Hashtag "JusticeReformNow" ("JustizReformJetzt"), einer Initiative, die sich dafür einsetzt, die Anzahl Gefangener in den USA zu senken. In dem Land sitzen 2,2 Millionen Menschen hinter Gittern - das sind 25 Prozent der Häftlinge auf der gesamten Welt. Aus Kostengrüngen hatten US-Behörden jüngst entschieden, Tausende Häftlinge vorzeitig zu entlassen.

apr/AP

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