Proteste gegen Polizeigewalt in den USA Lage in Wisconsin eskaliert

In der Stadt Kenosha stehen sich auf den Straßen Polizei, Demonstranten gegen Rassismus und bewaffnete Bürgerwehren gegenüber. In der Nacht soll es zwei Tote und Verletzte gegeben haben.
Bewaffnete stehen auf einer Straße in Kenosha, Wisconsin

Bewaffnete stehen auf einer Straße in Kenosha, Wisconsin

Foto: Anadolu Agency / Getty Images

Wie die "New York Times" unter Berufung auf Polizeikreise berichtet, sollen in der Stadt Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin bei Demonstrationen gegen Polizeigewalt drei Menschen von Schüssen getroffen worden sein. Zwei von ihnen soll dabei ums Leben gekommen sein, wie die Polizei bekanntgab. US-Medien hatten zuvor von einem Todesopfer und zwei Verletzten berichtet.

Die "New York Times " beruft sich auf ein Interview mit dem örtlichen Sheriff David Beth. In der Nacht soll es zu stundenlangen, heftigen Auseinandersetzungen zwischen hunderten Demonstranten und der Polizei gekommen sein. Die Menge habe Wasserflaschen, Steine und Feuerwerkskörper auf die Sicherheitskräfte geworfen. Die Polizei habe dies mit Tränengas und Gummigeschossen beantwortet, berichtet die Zeitung. In den sozialen Medien kursierten Videos, die das Chaos und Schüsse auf den Straßen Kenoshas dokumentierten. Die Behörden hatten zuvor eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.

Der "Milwaukee Journal Sentinel " berichtet, die Polizei in Kenosha fahnde nach einem mit einem Gewehr bewaffneten Mann. Demnach erklärte County Sheriff Beth, eines der Opfer sei in den Kopf, ein weiteres in die Brust getroffen worden. Welche Verletzungen das dritte Opfer davongetragen habe, sei noch unklar. Der Gouverneur des Staates kündigte an, die Nationalgarde verstärken zu wollen. Ihm war vorgeworfen worden, auf Plünderungen und Brandstiftungen nicht energisch genug reagiert zu haben.

"Er hat jemanden erschossen!"

Augenzeuge Devin Scott, 19, sagte der "Chicago Tribune ", er habe in einer Gruppe Demonstrierender "Black Lives Matter" skandiert, als erste Schüsse fielen. Ein Mann mit einer "riesigen Waffe" sei an ihm vorbeigelaufen, mitten auf der Straße. "Er hat jemanden erschossen!", hätten einige Leute gerufen und versucht, den Mann zu stoppen. Der habe daraufhin erneut geschossen.

Scott erklärte, er habe sich, während die Schüsse fielen, auf den Boden geworfen und dann versucht einem Menschen, der auf dem Boden lag, zu helfen. "Ich habe ihn in meinen Armen gehalten. Ich habe versucht, den Jungen am Leben zu halten, er hat sich nicht bewegt oder so. Er lag da nur."

Eine Frau habe versucht, den Verletzten wiederzubeleben. "Er hatte keinen Puls. Ich glaube, er hat es nicht geschafft."

Jacob Blake durch Schussverletzungen bei Polizeieinsatz gelähmt

Ausgelöst wurden die Proteste durch mehrere Schüsse in den Rücken des schwarzen Amerikaners Jacob Blake bei einem Polizeieinsatz. Nach übereinstimmenden Berichten von US-Medien hatten zwei Polizisten am Sonntag ihre Waffen auf den Mann gerichtet und mindestens sieben Schüsse auf ihn abgegeben, als er in sein Auto stieg. In der 100.000-Einwohner-Stadt Kenosha kam es daraufhin zu Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt sowie zu Ausschreitungen.

Der 29-jährige Blake ist durch die Schussverletzungen von der Hüfte abwärts gelähmt. Laut seiner Familie trafen einige Kugeln die Wirbelsäule. "Es wird ein Wunder brauchen, damit er wieder laufen kann", sagte der Anwalt der Familie Patrick Salvi. Blake hat demnach auch Verletzungen in der Bauch-, Nieren und Leber-Region davongetragen. Ihm seien große Teile des Dickdarms und des Dünndarms entfernt worden.

"Er schoss sieben Mal auf meinen Sohn. Sieben Mal!", sagte Jacob Blake Senior. "Als wäre er nichts wert. Aber er ist ein Mensch und er ist etwas wert." Harte Worte kamen von Blakes Schwester Letetra Widman: "Ich bin nicht traurig. Ich bin wütend und erschöpft. Ich habe vor Jahren aufgehört, zu weinen. Ich sehe seit Jahren, wie die Polizei Menschen, die wie ich aussehen, ermordet." Sie wolle kein Mitleid: "Ich will Wandel."

Viele in den USA sehen den umstrittenen Einsatz als jüngstes Beispiel für Rassismus und Polizeigewalt in den USA. Seit Ende Mai kam es dort vielerorts zu Massenprotesten, Auslöser war der Tod des unbewaffneten Afroamerikaners George Floyd nach einem brutalen Polizeieinsatz in der Stadt Minneapolis im Bundesstaat Minnesota. Die Debatte spielt auch im US-Wahlkampf eine zentrale Rolle.

ala/Reuters/dpa/AP/AFP