Uups! et orbi Bronzefuß und eiserne Lady

Er ist der Erzpriester vom Petersdom und gleichsam der Bischof des Papstes: Angelo Comastri kennt alle Geheimnisse dieser Kirche aller Kirchen - und manchmal plaudert er sie aus.


Während in L'Aquila alles auf den Gipfel starrt, trifft sich in einem Hinterraum im Borgo Pio, am Fuße des Vatikanhügels, ein Grüppchen zur Antiklimax, bei Hörnchen und Cappuccino. Angelo Comastri sieht nicht aus wie ein Kardinal, ist aber einer. Er soll die First Ladys an diesem Freitag durch den Vatikan führen. "Aber die wollen nur die Gärten sehen, nicht die Basilika."

Geistlicher Comastri: "Thatcher fiel auf die Knie"
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Geistlicher Comastri: "Thatcher fiel auf die Knie"

Comastri ist als Erzpriester des Petersdoms quasi der Bischof des Papstes und gerade hat er zwei Bücher über Petrus geschrieben, eine Biografie und eine informierte Wegbeschreibung zum Grab des Apostels. Die Hauptkirche der Christenheit ist für ihren Hausherren vor allem ein reinigungstechnisches Problem: "Mehr als zwei Hektar Marmorfußboden. Der muss jeden Tag geputzt werden. Ein Hektar Mosaike zum Abstauben! Und wenn die Glocke läutet, gerät der ganze Bau ins Vibrieren. Ich mache mir jedesmal Sorgen, dass etwas beschädigt wird."

Wobei eine Kirche ohne Geläut natürlich nicht denkbar sei. "Sie können sich nicht vorstellen, welch bürokratischer und technischer Aufwand notwendig ist, ein Gerüst auf der Kuppel zu errichten, um das Kreuz zu putzen."

Zu Comastris Aufgaben gehört es, VIPs und Super-VIPSs durch die Basilika zu führen. Die Frau des chinesischen Verteidigungsministers sei nicht so sehr von Michelangelos Pietà und Berninis Baldachin beeindruckt gewesen als vom Fuß der Bronzestatue Petri, abgewetzt durch millionenfachen Pilgerkuss: "Sie sagte nur: 'Wonderful.' Die Masse hatte es ihr angetan."

Die eiserne Lady in Rom

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Als Margaret Thatcher kam, zu ihrem wohl letzten Besuch in Rom, hatte sie ein Bukett weißer Rosen dabei. "Sie hat den Ruf, eiskalt zu sein, eine eiserne Lady eben. Aber in der Krypta, vor dem Grab Johannes Pauls II. wollte sie unbedingt niederknien. Ich hatte Angst, dass sie sich verletzten könnte und wollte sie zurückhalten. Aber sie fiel auf die Knie und blieb lange still dort kauern." Wohl kaum ein Vorzeichen beginnender Demenz.

Auf die im Auftrag einer "Uups!"-Leserin vorgetragene Frage, weshalb es im Petersdom, der Mutter aller katholischen Kirchen kein einziges Marienbild gäbe, schüttelt der Kardinal den Kopf und verweist auf die "Mater Ecclesiae"-Kapelle hinten links, in der eine "Madonna mit dem Kinde" aus dem 16. Jahrhundert auf Marmor gemalt ist. Außerdem gäbe es etliche Darstellungen in der Grotte und, hoch über dem Petersplatz - "den Blick genau auf die Stelle gerichtet, wo auf Johannes Paul II. geschossen wurde" - die "Mater Ecclesiae" von 1981.

Viele, viele Päpste

In seinem Petrus-Buch ("Ich nenne dich Petrus. Autobiographie des ersten Papstes") erhellt Comastri endlich auch die dunklen Flecken in der Amtsfolge der Päpste. Bislang war völlig offen, der wie vielte Nachfolger Petri Benedikt XVI. nun ist. Die Zählungen gehen von 262 bis 267, zumal sich auch die Päpste selbst verzählt haben: Auf Johannes XIX. folgte gut 200 Jahre später Johannes XXI., die Nummer XX wurde versehentlich übersprungen. Vielleicht gibt es auch eine Scheu, das Doppelkreuz XX zu tragen. Bisweilen wird auch Johannes XVI. mitgezählt, obwohl der als Gegenpapst zur Konkurrenz gehörte.

"Benedikt XVI. ist der 262. Nachfolger Petri, also der 263. Papst", erklärt der Erzpriester ein für allemal und ergeht sich in einem längeren Diskurs über den Fall des Benedikt IX. aus Tuscolo, der als einziger Kardinal nicht weniger als dreimal zum Papst gewählt wurde, aber nur einmal gezählt werden darf.

"Übrigens finanzieren wir uns ausschließlich über Einnahmen", sagt Comastri noch. "Einen Euro pro Aufstieg zur Kuppel, dazu die Souvenirshops und der Mosaikenladen."

Dann steigt der Erzpriester in einen wartenden BMW-Geländewagen in schwarz und lässt sich in den Vatikan fahren. Die Rechnung für Hörnchen und Cappuccino bleibt zurück.


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