Uups! et orbi Der Fanta-Faktor

Trotz seiner 82 Jahre hat sich der Papst als überaus tauglicher Langstreckenpilger gezeigt. Die Reise ins Heilige Land jedenfalls zeigte Benedikt XVI. als exzellenten Taktiker und stark im Finish.


Einer hat dem Pilgerpapst auf seinem Nahosttrip so nah gestanden, dass er seine Fußabdrücke auf dessen roten Schuhen hinterließ. Er sagt: "In den Zeitungen stand, der Papst sei müde gewesen und erschöpft. Ich kann nur das Gegenteil bestätigen. Er saß jeden Abend gutgelaunt am Abendbrotstisch, trank seine Fanta und freute sich offensichtlich, wie gut der Tag gelaufen ist."

Langstreckenpilger Benedikt XVI.: Mit roten Schuhen ins Heilige Land
AP

Langstreckenpilger Benedikt XVI.: Mit roten Schuhen ins Heilige Land

Das ist erstaunlich. Mitreisenden Beobachtern (darunter auch "Uups!") kam es manchmal vor, als gleite der Papst auf Schienen durchs Protokoll, wie durch einen Tunnel aus Gesichtern, Worten, Gewinke, wie Rilkes Panther: Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich langsam auf... In Yad Vaschem schien er sich durchs Manuskript zu kämpfen, unfähig, einen Satz oder eine Geste außerhalb des Vorgesehenen zu machen. Als wisse er gar nicht mehr, wo und mit wem er zu tun hatte.

Alles Unsinn offenbar. Ein anderer Begleiter sagt: "Auffällig war der Unterschied zu dem Kardinalstaatssekretär Bertone. Der schüttelte Hände und sagte immer nur das gleiche Wort: Piacere... Piacere... Piacere. Angenehm. Der Papst dagegen fragte die Leute auf Englisch, woher sie kämen. Und Abends erinnerte er sich an die Begegnungen. Als Kardinal Kasper auf einen Eingeladenen zu sprechen kam, wusste der Heilige Vater noch genau, wann er ihm während des Programms begegnet war und was sie gesagt hatten."

Allem Geunke zum Trotz erweist sich der Mann, der einmal Joseph Ratzinger war, als veritabler Reisepapst. Vier Freiluftmessen, 28 Reden, Hunderte Begegnungen mit Königen, Ober- und Unterrabbinern, -muftis, -popen, gefühlte zehntausend Gespräche über die Welt und Gott, Segnen und Winken und Kinderkopfstreicheln und Segnen und Winken. Alles unter Beobachtung von Kameras, die live in alle Winkel senden. Einen 40-Jährigen hätte das um den Verstand gebracht. Der 82-jährige Papst steht während des Rückflugs plötzlich am Eingang der Economy-Sektion, ist gebräunt, als wäre er gerade in der Aosta-Tal-Sommerfrische gewesen und erkundigt sich, ob die Reise für die Journalisten nicht recht anstrengend gewesen sei.

Erstmals war auch die PR besser als erwartet. Jedenfalls am letzten Tag. Kurz vor der Abreise schrieb der Papst noch seine Abschiedsrede um. Das war erkennbar an der Tatsache, dass der frühmorgens den Journalisten ausgehändigte Redetext nur auf Englisch vorlag, ohne Übersetzung: Da hatte jemand nachts noch dran gearbeitet.

Buchtipp

Alexander Smoltczyk:
"Vatikanistan"
Eine Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt.

Heyne Verlag, 352 Seiten, 17,95 Euro.

Einfach und bequem direkt im SPIEGEL-Shop bestellen

Und so klang es dann auch. Sämtliche Schlüsselwörter waren vertreten, "Antisemitismus", "Schoah", "brutal ausgetilgt" statt nur "getötet". Er sagte "Zwei-Staaten-Lösung" und sprach nicht vom Sicherheits-Zaun, sondern ohne jede Umschweife von der "Mauer", einem "der traurigsten Anblicke" während seines Besuchs.

"Ein Freund der Israelis und der Palästinenser kann nur traurig sein über die weiter bestehende Spannung zwischen Ihren beiden Völkern. Ein Freund kann nur weinen angesichts des Leids und des Verlusts von Menschenleben, die beide Völker in den vergangenen sechs Jahrzehnten erlitten haben. Erlauben Sie mir, diesen Appell an alle Menschen dieser Länder zu richten: Kein Blutvergießen mehr! Keine Kämpfe mehr! Kein Terrorismus mehr! Kein Krieg mehr! Lasst uns stattdessen den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen!"

Das war ein starker Abgang. Die arabischen Staaten haben den Fauxpas von Regensburg inzwischen verziehen. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, war gerade in Rom und bedankte sich im Vatikan für Reise und Worte: Der Aufenthalt in Israel sei "ein Meilenstein" für die Beziehungen zwischen Juden und Christen gewesen. Und die von allen Seiten malträtierten Christen im Heiligen Land werden auch nicht unzufrieden mit der Reise sein.

Es hätte, sagt einer aus der apostolischen Entourage, beim Papst nur einen Moment des Überdrusses gegeben. Als der Großmufti von Jerusalem ausgerechnet während des interreligiösen Gesprächs eine spontane und nicht enden wollende Brandrede gegen die Besatzer gehalten hatte. Ansonsten hätten eine Stunde Mittagsschlaf (oder Gebet? Oder Lektüre? Da gibt es keine Zeugen) ausgereicht, um Benedikt wieder in Form zu bringen. Vielleicht lag es auch an den Getränken.

Fanta statt Panther.


Wieso gibt es im Vatikan ein Standesamt, und warum ist die Kriminalitätsrate dort höher als in São Paulo? Und wie komme ich an der Schweizergarde vorbei? SPIEGEL-ONLINE-Vatikanist Alexander Smoltczyk hat durchs Schlüsselloch des päpstlichen Apartments geblickt und beantwortet gnadenlos alle Fragen, die andere noch nicht einmal zu stellen wagen: "Vatikanistan - Eine Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt" ist jetzt im Buchhandel.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.