Uups! - et orbi Die dunkle Vergangenheit des neuen Garde-Chefs

Die Schweizergarde bekommt einen neuen Chef: Daniel Rudolf Anrig gilt als grundsolider Kantonspolizist aus der Ostschweiz. Doch nun hat eine Zeitung einen früheren Einsatz des Ermittlers aufgerollt - er war mitverantwortlich für eine umstrittene Razzia in einem Asylbewerberheim.


Rom - Daniel Rudolf Anrig ist ein guter Katholik. Der 36-Jährige hat vier Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen, und eine Theologin zur Frau.

Er ist Mitglied der katholischen Studentenverbindung AKV Alemannia Freiburg und besucht regelmäßig die Messe. Am 1. Dezember wird Daniel Anrig Kommandant der päpstlichen Schweizergarde, wo er in jungen Jahren schon einmal als Gardist gedient hat.

Für Anrig ist das künftige Amt ein Dienst am Papst und an der Kirche und an Gott. Bislang war er Chef der Kriminalpolizei im Schweizer Kanton Glarus. Dem "Radio Vaticana" sagte er: "Ich habe in den letzten Jahren ein Corps geführt, das die gesamte Palette der Polizeiarbeit beinhaltet hat. Und diese Führungserfahrungen an der Spitze eines kleinen kantonalen Corps war sicher sehr wichtig und wird wahrscheinlich auch für die Arbeit in Rom von Gewinn sein." Das ist möglich.

Was Anrig aber nicht sagte, stand nun im Züricher "Tages-Anzeiger": "Unter Anrigs Leitung drangen am 3. Juli 2003 um 5.30 Uhr zwanzig Beamte einer Spezialeinheit der Glarner Kantonspolizei mit zwei Drogenhunden ins Durchgangszentrum ein. Sie fesselten die Asylbewerber an Händen und Füssen, entkleideten und fotografierten sie und zogen ihnen einen Stoffsack über den Kopf."

Gemeint war ein Durchgangszentrum für Asylbewerber in der Glarner Stadt Ennanda. Ähnlich sollen die Polizisten allerdings auch in Linthal und Rüti vorgegangen sein. Die Asylbewerber hätten zunächst an einen Angriff von Neonazis geglaubt, dabei war es nur das Kommando des Katholiken Daniel Anrig. Der resolute Einsatz habe, so heißt es in dem Artikel, zu keinen nennenswerten Ergebnissen geführt.

Die Geschehnisse, die der "Tages-Anzeiger" nun erneut schilderte, sind nicht unbekannt. Im Jahr 2003 hatten sie in der Schweiz für Aufsehen gesorgt - auch ein Richter befasste sich mit damit. Amnesty International erstattete damals Strafanzeige wegen Amtsmissbrauch und Freiheitsberaubung. Auch die Kantonspolizei erstattete zur Klärung der Vorwürfe Selbstanzeige.

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Amnesty warf den Polizisten vor, sie hätten Masken getragen, um ihre Identität zu verbergen. Mit Hämmern hätten sie die Türen eingeschlagen, seien in das Heim eingedrungen und hätten die Bewohner aus ihren Betten gezogen und an Händen und Füßen gefesselt. Danach seien ihnen Säcke über den Kopf gestülpt worden. Einigen männlichen Asylbewerbern seien Hosen und Unterhosen heruntergezogen und sie seien in sexuell demütigender Stellung fotografiert worden.

Mehrere Stunden seien die Asylbewerber dann in einem Zimmer gefesselt eingesperrt gewesen und hätten nicht miteinander reden dürfen, bis sie schließlich von anderen, unmaskierten Polizisten befreit worden seien. Im Laufe der Aktion habe ein 16-jähriger Bürgerkriegsflüchtling aus Afrika zu fliehen versucht. Bei einem Sprung aus einem Fenster des dritten Stocks verletzte er sich dem Bericht zufolge, so dass er ins Krankenhaus gebracht werden musste und noch einen Monat später schwere Rückenleiden hatte.

Anrig wehrte sich gegen "die verzerrte Darstellung", wie das "St. Galler Tagesblatt" im Juli 2003 berichtete. Der Einsatz sei "gesetz- und verhältnismäßig" gewesen. Die Beamten seien nicht maskiert gewesen, die Leibesvisitationen hätten "im üblichen Rahmen" stattgefunden, und es seien keine Fotos in sexuell demütigender Stellung gemacht worden.

Heute will sich Anrig zu Einzelheiten der damaligen Ereignisse nicht mehr äußern. Sie seien "sehr weit weg". Es sei damals alles "genauestens untersucht worden", so der Kommandant im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Ich habe nichts falsch gemacht", sagt er. Und: "Ich habe ein gutes Gewissen."

Der Polizist verweist auf eine Stellungnahme der Kantonspolizei vom Dezember 2003. Darin heißt es, die Untersuchung durch einen außerordentlichen Verhörrichter sei eingestellt worden, "weil kein strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegt". Zu der Razzia sei es gekommen, da "Informationen u.a. über Menschen- und Drogenhandel sowie insbesondere auch Schlepperei" vorgelegen hätten. "Die Durchführung der ganzen Razzia wurde zwar als rigoros, aber trotzdem als angemessen bezeichnet."

Gleichwohl stellte der Untersuchungsrichter damals fest, dass die Maßnahmen zum Teil unverhältnismäßig waren. Obwohl, so zitiert der "Tages-Anzeiger" den Richter, "die objektiven Tatbestandsvoraussetzungen des Amtsmissbrauchs und der Freiheitsberaubung erfüllt" gewesen seien, wurde das Verfahren eingestellt. Denn die Beamten hätten keine vorsätzliche Absicht gehabt, den Asylbewerbern einen Nachteil zuzufügen. Dennoch habe Anrig die Verfahrenskosten von 400 Franken übernehmen müssen, sowie die Hälfte der Anwaltskosten der Kläger.

"Eine bereichernde Erfahrung" seien die Ereignisse im Jahr 2003 gewesen, zitiert die Zeitung den Polizisten nun, "gerade auch mit Blick auf mein neues Amt in Rom." Damit habe er lediglich den Umgang mit den Medien gemeint, erklärt Anrig nun. Diese hätten die Aktion aus dem Jahr 2003 oft verzerrt dargestellt. Daraus habe er für die Zukunft viel gelernt.

Wir wünschen, rigoros und angemessen, gutes Gelingen im Vatikan.


Wieso gibt es im Vatikan ein Standesamt, und warum ist die Kriminalitätsrate dort höher als in São Paulo? Und wie komme ich an der Schweizergarde vorbei? SPIEGEL-ONLINE-Vatikanist Alexander Smoltczyk hat durchs Schlüsselloch des päpstlichen Appartements geblickt und beantwortet gnadenlos alle Fragen, die andere noch nicht einmal zu stellen wagen: "Vatikanistan - Eine Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt" ist jetzt im Buchhandel.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
hans hoch, 22.10.2008
1. schwiiz hopp und flop
die schweiz stellt sich selber als keimzelle und hort der demokratie dar.bei näherem hinsehen gibt es jedoch erhebliche defizite. Die schweiz wird wie eine AG geführt. ein paar obere 1000 haben das sagen, wie in der schweizerischen armee.diskussionen unerwünscht, befehlsausführung!so auch im arbeitsleben. vetterleswirtschaft allerorten. das polizeikorps,incl. zoll sind ein staat im staat.der demokratische gedanke ist unbekannt.man ist staatsschützer.in dieses horn blasen auch die juristen. andersdenkende/querdenker/kritiker sind in der schweiz außenseiter (ich denke nur mal an Blocher).gewerkschaft sind schwach.einige mutige frauen machen aber den mund auf, was dem rest nicht passt. in diesem klima sind die aktionen des glarner kantonspolizei-kommandanten zu sehen. aus diesen gründen ist mir der bundesrepublikanische alltag allemal lieber, trotz manchem schweizerischem leckeri.
BeimBacchus, 22.10.2008
2. Daniel Rudolf Anrig
Ich unterstütze Daniel Rudolf Anrig absolut. Wo bleibt meine Wortemeldung? Zensur?
BeimBacchus, 22.10.2008
3. Spiegel-Konforme Meinungen
Nur Spiegel-Konforme Meinungen sind erwünscht. Hab schon verstanden. Es geht ja ausschließlich um die Werbeeinnahmen. so long beim Bacchus
sirdoom, 23.10.2008
4. Interessant
Zitat von BeimBacchusIch unterstütze Daniel Rudolf Anrig absolut. Wo bleibt meine Wortemeldung? Zensur?
Und warum? Sind fundamentalistische Christen die Probleme mit Rechtsstaatlichkeit haben und gerne mal ausprobieren mit wie viel Gestapo-Methoden man so durchkommt für Sie ein Vorbild?
smerfs 23.10.2008
5. klima
Zitat von hans hochdie schweiz stellt sich selber als keimzelle und hort der demokratie dar.bei näherem hinsehen gibt es jedoch erhebliche defizite. Die schweiz wird wie eine AG geführt. ein paar obere 1000 haben das sagen, wie in der schweizerischen armee.diskussionen unerwünscht, befehlsausführung!so auch im arbeitsleben. vetterleswirtschaft allerorten. das polizeikorps,incl. zoll sind ein staat im staat.der demokratische gedanke ist unbekannt.man ist staatsschützer.in dieses horn blasen auch die juristen. andersdenkende/querdenker/kritiker sind in der schweiz außenseiter (ich denke nur mal an Blocher).gewerkschaft sind schwach.einige mutige frauen machen aber den mund auf, was dem rest nicht passt. in diesem klima sind die aktionen des glarner kantonspolizei-kommandanten zu sehen. aus diesen gründen ist mir der bundesrepublikanische alltag allemal lieber, trotz manchem schweizerischem leckeri.
da werfen sie aber einiges durcheinander. die seriöse schweizer presse (nzz) berichtete damals über den fall und fand rechtlich nichts anstoßendes genau wie eine spätere gerichtliche untersuchung. ich wünschte mir das die rechtsorgane in deutschland eine ähnliche weitsicht an den tag legen würden.
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