Uups! - et orbi Die Erscheinung an der Grotte

Volksfrömmigkeit ist etwas Schönes. Aber lästig. Kaum hat sich der Papst von seinem Thron erhoben und die Bühne auf dem Festplatz von Lourdes verlassen, nutzt das fromme Volk die Sedisvakanz. Rupft Blüten aus dem Gesteck und stopft sich ungeniert die Taschen mit übriggebliebenen Hostien voll.


"Non! Non!", ruft armschwenkend ein Bischof und stürzt sich auf zwei ältere Pilgerinnen, die gerade ihre Finger in einen Silberpokal tauchen, um sich mit der Flüssigkeit (Wasser? Wein? Blut?) die Stirn zu betupfen: "Das ist nicht gut!", sagt der Bischof und sieht Gottseidank nicht, wie sich hinter ihm, auf dem mächtigen Holzthron, wo gerade noch Benedikt XVI. von der Demut des Müllermädchens Bernadette sprach, nun eine stark blondierte weiße Dame Platz genommen hat, um sich fotografieren zu lassen.

Papst Benedikt XVI. in Lourdes: Christliche Pfadfinderinnen kreuzfidele Rentner
DPA

Papst Benedikt XVI. in Lourdes: Christliche Pfadfinderinnen kreuzfidele Rentner

Christliche Pfadfinderinnen aus Spanien posieren auf den Altar gestützt, eine gebrechlich aussehende, aber jetzt kreuzfidele Rentnerin versteckt ein Messtuch in ihrem Beutel, andere küssen und berühren alles, was der "Trés Saint Père", der sehr heilige Vater gerade eben berührt und geküsst hat. Es ist unglaublich.


Benedikt XVI. reist zur heiligen Grotte nach Lourdes. " Uups! - orbi", die Vatikankolumne von SPIEGEL ONLINE, pilgert fröhlich mit und beendet damit die Sommerpause.

Aber so ist Lourdes. Und das ist auch gut so. Man betet, beichtet, lauscht dem Worte, aber dann will man auch etwas mit nach Hause nehmen. Ein Kanisterchen Wasser aus der Grotte, ein Blümchenzipfel von der Original-Pontifikalbühne, ein paar Megapixel "Ich auf dem Stuhl vom Papst".

In Paris ist Benedikt dem Esprit begegnet und hat, im Land der Kathedralen, die Schönheit der Ordnung gefeiert. Jetzt ist er in Lourdes, und Lourdes ist das Las Vegas des Katholizismus, wo das fromme Volk sich selbst feiert. Hier darf man ungeniert alt und klapperig sein, im Rollstuhl sitzen oder zitternd seine Suppe verschütten. Man trägt gemeinsam bunte Halstücher und singt auf offener Straße seine Lieder, wie es sonst nur die anderen tun. "Ave, Ave, Ave Maria-a-aa!", von morgens um fünf bis weit in die Nacht. Die Leute lieben es, sie haben 630 Euro für vier Tage Pilgerfahrt von Neapel per Bahn und im Dreierzimmer gezahlt, "spirituelle Assistenz" inklusive, aber Getränke extra. Und sie bereuen keinen einzigen Cent.

Dr. Ratzinger hat einmal gesagt, er glaube nur an zwei Wunder: die unbefleckte Empfängnis und die Wiederauferstehung am dritten Tag. Mit der Marien-Mystik seines Vorgängers hat er es nicht so. Das ist ihm unvertrautes Terrain. Unter dem kalten Niesel am Samstagabend, zum Abschluss der Lichterprozession, kam das Wort "Wunder"in der Papstrede nur ein einziges Mal vor: "Wie viele Leute kommen hierher, um zu schauen, in der heimlichen Hoffnung, von irgendeinem Wunder zu profitieren. Und danach, auf dem Heimweg, mit dieser Erfahrung eines Lebens in Kirche, ändern sie ihren Blick auf Gott, auf die anderen und auf sich selbst." Ernüchternder geht es nicht mehr.

Nun liegt das letzte kirchlich beglaubigte Wunder in der Tat schon lange zurück. Am 9. Oktober 1987 erhob sich mitten in der Nacht ein Jean-Pierre Bély von seinem Rollstuhl und sagte, er wolle jetzt ohne fremde Hilfe aufs Klo gehen. Was er auch tat.

Ein Fall in 21 Jahren. Bei rund sechs Millionen Besuchern jährlich wäre das eine Wunderheilungsquote von unter 1:120.000.000. Dagegen ist Lottospiel eine sichere Anlageform. Aber darum geht es nicht. Lourdes ist kein Mirakel-Mekka, sondern ein Pilgerort, wo man gemeinsam über die Stränge der Vernunft schlagen darf. Endlich einmal niederknien und die Jungfrau anbeten. Für 35 Cent eine Plastik-Gottesmutter kaufen und mit Quellwasser abfüllen. Schamlos Christ sein.

Die Gassen in Lourdes sind gesäumt von Souvenirläden, die "Mysterium Mariä" heißen, "Am Altar der Jungfrau" oder "Heiliges Herz Jesu". Aber sie sind auch vollgestopft mit Alten und Kranken, mit Zukurzgekommenen, Hässlichen und Krummgewachsenen - und unglücklich sieht keiner aus. Ein Wunder.



insgesamt 18 Beiträge
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Mule, 14.09.2008
1. ??????????
Noch nie etwas von dem Thema "Geiz ist geil" gehört ?????? Bei uns werden zwischenzeitlich kupferne Grableuchten, kupferne Buchstaben von Grabsteinen u.ä. aus Friedhöfen gestohlen und zu Geld gemacht, warum soll man dann mit Hostien und Blumengestecken zurückhaltender umgehen ?? Man kann zur Religion und zur Kirche stehen wie man will, aber ANSTAND ist in diesem Zusammenhang IMMER angemessen!!!!
alice_42 14.09.2008
2. Rabaukenbande ...
Zitat von sysopVolksfrömmigkeit ist etwas Schönes. Aber lästig. Kaum hat sich der Papst von seinem Thron erhoben und die Bühne auf dem Festplatz von Lourdes verlassen, nutzt das fromme Volk die Sedisvakanz. Rupft Blüten aus dem Gesteck und stopft sich ungeniert die Taschen mit übrig gebliebenen Hostien voll. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,578123,00.html
Man hat halt immer die Fans, die man verdient :-)
Wolfgang Jung 14.09.2008
3. Neue Reifen
Das Wunder von Lourdes ist der Rollstuhlfahrer, der mit neuen Reifen aus der Grotte kommt. Ob Michelin da mitsponsert?
Spessartplato, 14.09.2008
4. Wunder gibt es immer wieder
Zitat von Wolfgang JungDas Wunder von Lourdes ist der Rollstuhlfahrer, der mit neuen Reifen aus der Grotte kommt. Ob Michelin da mitsponsert?
Es sind in Lourdes schon Neuropathien, Magen-und Darmkrebs und auch Lähmungen geheilt worden-nach Aussagen der Betroffenen. Man hat aber noch nie gehört, daß ein amputiertes Bein nachgewachsen wäre, was vom Wunder-Schwierigkeitsgrad doch ziemlich das gleiche wäre.
Rainer Helmbrecht 14.09.2008
5. Geld vs Gott
Zitat von sysopVolksfrömmigkeit ist etwas Schönes. Aber lästig. Kaum hat sich der Papst von seinem Thron erhoben und die Bühne auf dem Festplatz von Lourdes verlassen, nutzt das fromme Volk die Sedisvakanz. Rupft Blüten aus dem Gesteck und stopft sich ungeniert die Taschen mit übrig gebliebenen Hostien voll. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,578123,00.html
Ich habe da 12 Jahre lang, etwa 100 KM weg gewohnt. Die Konsequenz, jeder der uns besuchte, egal ob ev, oder kath. wollte die Grotte besuchen. Es ist nun so, dass meine Frau und ich, da selbst Führungen machen könnten. Aber je öfter man das sieht, diese Geschäftemacherei, die Abzocke und das Geschiebe um so mehr, wird es zum Volksfest. Uns sagt der Glaube nichts, aber wenn man gläubig ist und das da sieht, dann muss man schon einen sehr starken Glauben haben, damit einem nicht schlecht wird. An den Geschäften so Schilder, kaufen Sie eine Kerze, wir stellen sie auf und sie betet für Sie. Oder Kerzen, die von 2-4 Mann getragen werden und Kinder fragen dann, sieht denn der liebe Gott meine kleine Kerze überhaupt. Solche Sätze bringen diesen Wahnsinn, der da betrieben wird auf den Punkt. Aber die Berge, im Umkreis von ca 100 Km, das ist göttlich, auch ohne Kirchen;o). MfG. Rainer
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