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03. Juni 2008, 17:04 Uhr

Uups! - et orbi

Die Pompadour des Vatikans

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Der zweitmächtigste Deutsche im Vatikan muss seinen Sessel räumen. Eine Personalentscheidung, über die dieser Tage fröhlich gemunkelt wird im Vatikan - und die mal wieder die Frage aufwirft, wer das Sagen hat im päpstlichen Appartement.

Am Mittwoch stand tout Vatican in der Residenz des deutschen Botschafters beim Heiligen Stuhl und verabschiedete mit Prosecco-Gläschen in der Hand Monsignore Christoph Kühn, den Leiter der deutschsprachigen Abteilung seiner Heiligkeit. Kühn war bislang, nach dem Papst, der höchstrangige Deutsche in der Kurie. Und er war durchaus mächtig, manchem sogar zu mächtig. Aus seinem Büro in der Terza Loggia im Papstpalast organisierte Kühn die Kontakte Benedikts XVI. mit der Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz. Unter einem angolanischen Papst wäre das ein Ärmelschonerposten. Unter einem deutschen Papst nicht.

Papstvertraute Stampa (hier mit dem Bruder des Pontifex): Geraune in der Kurie
AFP

Papstvertraute Stampa (hier mit dem Bruder des Pontifex): Geraune in der Kurie

Jetzt ist Kühn an die Nuntiatur in Wien versetzt worden. Ein Posten, der nur zu Zeiten des Kalten Krieges eine gewisse Bedeutung hatte. Als Staatssekretär Tarcisio Bertone in der Residenz wortreich sein Bedauern über den Weggang des Monsignore äußerte, wusste wohl jeder, dass hier falsch Zeugnis abgelegt wurde. "Hinausgeworfen haben sie ihn", sagt jemand. Und wer schuld daran war, sei ebenfalls kein Geheimnis: die Madame de Pompadour des Vatikans natürlich, die Papstvertraute, die Papessa.

Es ist bekanntlich ein Ziehen und Schubsen, ein unaufhörliches Sich-in-Stellung-Bringen um die Nähe des Papstes. Wer hat sein Ohr? Wer darf ihm kalte Platten richten, wer mit ihm fernsehen oder ihm des Abends etwas vorgeigen? Eine besondere Rivalität gab es dabei stets zwischen Monsignore Kühn und dem Privatsekretär Benedikts XVI., dem stillen Don Georg Gänswein. Beide gelten als streng konservativ und intelligent, beide haben die Aussicht und den Ehrgeiz, es im Vatikan noch weit zu bringen, und bei solchen Gemeinsamkeiten verbietet sich jede Freundschaft.

Doch Kühn und Gänswein waren in letzter Zeit zumindest wieder in speaking-terms. Wozu womöglich ihre ebenfalls gemeinsame Abneigung gegen Joseph Ratzingers ehemalige Haushälterin Ingrid Stampa beigetragen hat - die von dieser wiederum mit aller Leidenschaft erwidert wird. Das Fräulein Stampa ist eine vorzügliche Gambistin und bekannt dafür, sich in Rom ausschließlich per Fahrrad fortzubewegen, meist in bester Laune.

Nach der Wahl Ratzingers zum Papst zog sie gleich mit ein ins päpstliche Appartement, was zu ebenso unsinnigem wie unvermeidlichem Geraune in der Kurie führte. Seither wohnt sie ein paar Türen weiter in der Via dei Pellegrini. Christoph Kühn nun sei, so heißt es, das erste Opfer der "Päpstin" geworden. Stampa habe seine Versetzung betrieben, zusammen mit ihrem Verbündeten Erzbischof Paolo Sardi, dem Leiter der Übersetzungsabteilung.

Die beiden sollen auch die Nachfolge Kühns sabotiert haben. Angeblich, so meldete die Nachrichtenagentur kath.net, sei Pater Herman Geißler vom "Familia Spiritualis Opus" schon ausgesucht gewesen, es hätte jedoch "vehementen" Widerstand von Stampa & Sardi gegeben. Natürlich wird auch die deutsche Bischofskonferenz ihr Wörtchen mitgeredet haben.

Die geistliche Gemeinschaft "Familia Spiritualis Opus", alias "Das Werk", ist alles andere als ein Tabernakel liberalen Denkens und im deutschen Katholizismus eher der Mixa-Meisner-Müller-Fraktion zuzurechnen. Aber die informelle Macht einer deutschen Frau ist etwas Unheimliches im Vatikan. Zumal Ingrid Stampa eine Vorgängerin hatte, deren Schatten immer noch durch die Flure des Apostolischen Palastes spukt.

Da gab es die Josefine Lehnert, alias Pasqualina. Sie war die Vertraute von Pius XII., seine Ratgeberin und Lebensgefährtin im nobelsten Wortsinne. Die wildesten Geschichten rankten sich um die Macht, die Intrigen und Einflüsterungen. Pius soll grenzenloses Vertrauen in die Intelligenz und weibliche Intuition seiner Pasqualina gehabt haben. Er vertraute ihr Telefonate an und schickte sie bisweilen auch als seine Stellvertreterin zu Terminen.

Die Kämpfe zwischen dem Fräulein Lehnert und dem französischen Kardinal Tisserant waren legendär in der Kurie. Einmal verwies sie den Kirchenfürsten der päpstlichen Tür und ließ, als der anfing zu toben, die Schweizergarde rufen. Ein anderes Mal wurde Tisserant eine Audienz gestrichen, weil Gary Cooper gerade in Rom war und Schwester Pasqualina mit ihrer weiblichen Intuition wusste, welcher der Herren der wichtigere war. In den letzten Lebensmonaten Pius XII. entschied sie quasi allein, wer noch zum Papst vorgelassen wurde.

Zum letzten, diesmal handgreiflichen Streit mit Kardinal Tisserant kam es wenige Stunden nach dem Tod Pius’, als Pasqualina anfing, die letzten Aufzeichnungen des Papstes zu verbrennen, wie der ihr aufgetragen hatte. Durch einen einfachen Priester wurde dem Fräulein Lehnert mitgeteilt, dass es nun schnellstmöglich ihr Zimmer zu räumen habe. Die bis dahin mächtigste Frau in der Geschichte des Vatikans verließ den Palast mit zwei Koffern in der Hand. Sie musste sich ein Taxi suchen. Keiner half ihr beim Tragen des Gepäcks. Es ist der Schatten dieser anderen Deutschen, welcher Ingrid Stampa das Leben schwer macht im Vatikan.

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