Uups! - et orbi Die ungehörten Worte des Vorsitzenden

Theologisch unnötig - die Meinung von Robert Zollitsch über den Zölibat ist deutlich. Im Vatikan werden die Äußerungen des neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz zur Kenntnis genommen wie manches, was aus dem Jenseits der Alpen dringt: schweigend, gelassen und durchaus amused.

Rom - Es gibt Grenzen. Alles geht nun wirklich nicht. "Du darfst dich einmal mit einer Nutte erwischen lassen, beim zweiten Mal fliegst du." So formulierte vor einiger Zeit ein französischer Kurienfunktionär eine Benimmregel im Vatikanstaat. Der Geistliche war gerade zuvor aufgefallen, als eine in Leder gekleidete Dame namens Cynthia ihn im Borgo, gleich vor den Vatikanmauern, mit Küsschen begrüßte.

Priesterweihe: Entscheidung für ein zölibatäres Leben - theologisch notwendig?

Priesterweihe: Entscheidung für ein zölibatäres Leben - theologisch notwendig?

Foto: AP

"Zumindest wissen jetzt alle, dass ich hetero bin", sagte er einem Freund. Die Una Sancta hat bekanntlich ein großes Herz für Sünder. Sie kann es sich leisten. In mehr als tausend Jahren Betriebszeit hat der Apparat eine Immunität gegen die Schwächen seiner eigenen Mitglieder ausgebildet. Die Kurie ist ein System, das dazu da ist, alle Erschütterungen der Weltgeschichte zu überdauern.

Sie ist ein gigantischer Stoßdämpfer gegen die Zeitläufte. Alles Persönliche muss abprallen an ihr, der Alkoholismus, das Schwulsein, die Exzesse und die Neiderei ihrer Mitglieder werden weggesteckt. Diese uralte Organisation fängt alles auf. Auch manche Äußerung im fernen Deutschland.

Der neugewählte Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Zollitsch, hat gerade eine seiner Ansichten wiederholt: "Natürlich ist die Verbindung zwischen Priestertum und Ehelosigkeit nicht theologisch notwendig." Homosexuelle Lebensgemeinschaften gehörten für ihn zur "gesellschaftlichen Realität", und er könne den Protestanten nicht ihr Selbstverständnis als "Kirche" absprechen. Das waren sehr vorsichtige Äußerungen.

Dennoch erklärte eine selbsternannte Kommandogruppe des Papismus namens ZPV ("Zusammenschluss papsttreuer Vereinigungen"), Zollitsch diene "nicht den Interessen der katholischen Kirche", betreibe "Mitbruderschelte" und falle dem Papst in der Kinderkrippenfrage "skandalös" in den Rücken - ein Vergehen, das in diesen Kreisen mit Bußgürtel nicht unter drei Monaten geahndet wird.

In Rom hingegen gab es keine einzige öffentliche Reaktion auf Zollitsch, und dies nicht allein, weil Papst und Kurie mit ihren vorösterlichen Exerzitien beschäftig waren. Nein, es gab keinen Grund zur Aufregung. Der Zölibat ist innerhalb der Mauern ein Un-Thema, ein Nichts verglichen mit Fragen wie der Biogenetik, dem Dialog mit den Chinesen, der Mission in Lateinamerika.

Man sei in Rom nicht amüsiert, wurde kolportiert, unter Berufung auf die übliche Quelle in der Kurie. Aber das ist eher gezielte Desinformation und Politik. Tatsächlich weiß man zwischen Essenz und Akzidenz zu unterscheiden, zwischen den Worten des Vorsitzenden und der medialen Aufbereitung. Am Montag etwa, bei einem Treffen der Priestergemeinschaft vom Opus Dei, war das Erstaunen über diesen "ultraliberalen Bischof" aus Freiburg zunächst groß: Die deutschen Bischöfe wenden sich vom Zölibat ab?

Aber als dann der Wortlaut des Interviews vollständig wiedergegeben wurde, mochte sich niemand mehr aufregen. Denn natürlich hatte auch Zollitsch sich zur Doktrin bekannt, wonach "Priesterberuf und das Amt des Bischofs dem Mann vorbehalten" sind und auch bleiben werden: "Die Ehelosigkeit des Priesters ist ein großes Geschenk für unsere Kirche."

In Rom weiß jeder, dass Zollitsch vielleicht keine Übung im Umgang mit Medien hat, aber bestimmt kein Ultraliberaler ist, und schon gar kein Krypto-Protestant. Wenn er demnächst in den Vatikan reist, dann auf eigenen Wunsch und nicht, um vom Papst die Zangen gezeigt zu bekommen.

Im Dezember 2006 schon hatte Kardinal Hummes, der Präsident der Klerus-Kongregation, der Zeitung "Estado Sâo Paulo" in nahezu denselben Worten wie Zollitsch gesagt, dass die Kirche für jede Debatte offen sei und der Zölibat eine disziplinare Norm, aber kein Dogma. Eine Debatte um den Zölibat sei nicht vordringlich, oder, wie es im Kurienjargon heißt: dilata sine die. Hummes sagte, es mangele auch an Priestern in Religionen, die keinen Zölibat vorschrieben. Mit anderen Worten, schuld am Priestermangel in den westlichen Gesellschaften sind nicht die Hormone, sondern die Verführungsmacht der Säkularisierung.

Man frage nur Signora Cynthia.