Uups! - et orbi Flugsicherung auf dem Petersplatz

Er hatte nur eine Botschaft für den Papst. Das zumindest gab der Deutsche an, der jüngst auf dem Petersplatz über die Absperrungsgitter sprang und Richtung Pontifex flog. Eine Botschaft jedenfalls kam rüber: Benedikt XVI. ist gegen Luftangriffe nur ungenügend geschützt.


Rom - Vergangenen Donnerstag, beim Cocktailempfang des Ritterordens der Malteser auf dem Aventin-Hügel, liefen wieder viele Livrierte herum, und nur die in roter Uniform waren Kellner. Das gefühlte Durchschnittsalter war 78. Man zählte sechs Kardinäle, darunter einen, Eminenz Marco Ce aus Venedig, der fast Papst geworden wäre und jetzt vornehm in einer Erdbeerbowle rührte. Die Ritter trugen Malteserknöpfe im Revers, und ihre Frauen sahen aus wie manche Heiligenreliquien, die auf wundersame Weise nicht altern wollen.

"Jede Woche eine Panne. Er ist eben alt geworden“, sagte ein früherer Justizminister und meinte seinen Freund, den Ministerpräsidenten. Der Großmeister war verhindert (Gesundheit), ebenso Prälat Georg Gänswein (Verdienstkreuz I. Klasse, zeitgleich verliehen in der Vatikanbotschaft). Man plauderte über dies und jenes, und so war auch zu erfahren, was aus jenem Deutschen geworden ist, der kürzlich in perfekter Yves-Klein-Haltung dem Papamobil entgegensprang.

Es geschah am Mittwoch, den 6. Juni 2007 kurz vor 11 Uhr, während der Generalaudienz. Der 27-jährige Florian S. saß in kurzen Hosen und mit Sportkappe in der dritten Reihe einer Pilgergruppe aus Bamberg und war einem Gendarmen aufgefallen, weil er so unruhig wirkte. Kein Wunder. Denn kaum näherte sich der offene Wagen mit dem winkenden Papst, kaum hatte der Gendarm kurz den Kopf abgewendet, da war S. schon auf einen der Audienzstühle geklettert, sprang mit einem Satz auf das Absperrgitter und stieß sich kraftvoll ab.

Er flog erhobenen Hauptes, denn er hatte eine Botschaft. Nur stand Oberst Elmar Mäder im Weg, der Kommandant der Schweizer Garde, stabil gebaut und knapp 1,90 Meter groß. Man würde später nachmessen und feststellen, dass es genau drei Sekunden dauerte, bis Florian S. bewegungslos auf dem Pflaster des Petersplatzes lag. Benedikt XVI. hatte nichts von ihm bemerkt.

Es hieß später, er habe dem Papst eine Botschaft geben wollen. Hatte er keine Briefmarken zur Hand? Oder war die Botschaft zu kompliziert, um sie in Worte fassen zu können? Dem Ermittlungsrichter des Vatikans muss die Nachricht jedenfalls etwas wirr vorgekommen sein, denn relativ schnell wurde nach einem Psychiater gerufen. Die Kirche denke zu viel ans Geld, habe Florian S. erklärt. Deswegen müsse der Papst seinen Thron räumen und Platz machen für Jesus Christus.

Oder doch jedenfalls für ihn, Florian S., ebenfalls Sohn eines Tischlers. Dann habe er wieder das Gegenteil erzählt. Zu anderen Zeiten wurden junge Männer, die mit Tieren sprachen oder sich unverhofft nackt auszogen, als Heilige verehrt. Florian S. dagegen wurde mit seiner Botschaft in die Klinik Santo Spirito eingeliefert. Einige Gänge weiter lag einer der Schweizergardisten mit eingegipstem Knöchel. Er war bei der Aktion des S. unglücklich gestürzt und ist jetzt für zwei Monate krank geschrieben.

In den Lateran-Verträgen hat sich der italienische Staat verpflichtet, einen Angriff auf den Papst wie einen Angriff auf ein fremdes Staatsoberhaupt zu ahnden, also als hoheitlichen Akt. Aber Florian S. wollte nur seine Botschaft loswerden. Als er dem Richter sagte, er habe keine bösen Absichten gehabt, zog er als Beweis ein Taschenmesser aus dem Rucksack. Das Personen- und Taschen-Screening am Petersplatz ist der römischen Gendarmerie anvertraut. Es gilt als noch verbesserungsfähig.

Vergangenen Sonntag ist Florian S. wieder nach Deutschland zurückgeflogen. Es wird keinen Prozess gegen ihn geben. Er selbst hat vermutlich ein genauso heiteres Gewissen wie die Gendarmen. Nichts wurde nach dem Vorfall an der Sicherheitspolitik geändert. Die Abstände zwischen den Absperrgittern sind nicht vergrößert worden. Johannes Paul II. war es, der seinen Leibwächtern untersagt hat, Schusswaffen zu tragen. Soweit bekannt, hat sich daran seither nichts geändert. Die fünf Gardeoffiziere rechts vom Papamobil und die fünf Gendarmen zur Linken tragen nur Reizgas-Patronen am Gürtel, sonst keine Waffen. Mit anderen Worten: Im Jahre VI nach Mohammed Atta wird eine der mächtigsten Personen der Zeitgeschichte im Nahbereich mit zehn Dosen Pfefferspray beschützt.

Und von Sky-Marshalls ist nichts bekannt.



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
twister, 25.06.2007
1. Friedlich
Nun dass zeigt doch zweierlei. Zum einen glaubt niemand mehr an ein Attentat auf den Pabst. Zum anderen glaubt niemand dass, wenn es doch ein Attentat geben sollte, Vergeltung des Westens gegen die Volksgruppe des Attentäters geübt wird. Klingt seltsam ich weiss, aber stellen wir uns doch mal vor wenn ein hoher islamischer Geitlicher von einem gestörten Dänen, Deutschen, Franzosen oder was weiss ich ermordet werden sollte. Iran droht mit Atomwaffen, alle anderen mit ewigem Krieg und noch andere mit Selbstmordattentaten. Ist von uns Westlern alles nicht zu befürchten. Wir sind echt friedlich geworden.
CSM, 25.06.2007
2. Eschatologie
Zitat von twisterNun dass zeigt doch zweierlei. Zum einen glaubt niemand mehr an ein Attentat auf den Pabst. Zum anderen glaubt niemand dass, wenn es doch ein Attentat geben sollte, Vergeltung des Westens gegen die Volksgruppe des Attentäters geübt wird. Klingt seltsam ich weiss, aber stellen wir uns doch mal vor wenn ein hoher islamischer Geitlicher von einem gestörten Dänen, Deutschen, Franzosen oder was weiss ich ermordet werden sollte. Iran droht mit Atomwaffen, alle anderen mit ewigem Krieg und noch andere mit Selbstmordattentaten. Ist von uns Westlern alles nicht zu befürchten. Wir sind echt friedlich geworden.
Vielleicht zeigt es auch nur, dass ein 80-jähriger fröhlicher Glaubender einfach keine Angst vor dem Tod hat und nebenbei davon überzeugt ist, dass sich die Botschaft, für die er steht, nicht dazu eignet, martialische Abwehrstrategien zu fahren. Vielleicht fühlt er sich auch einfach in Gottes Hand geborgen. Das allerdings wäre nur wenigen Menschen plausibel zu erklären ... :-)
Daniele 25.06.2007
3. Na und?
Ist doch nix passiert?! Und wenn er Angst hätte, na dann müsste er halt wieder in sein Papa-Mobil mit Panzerglasscheiben fliehen. Benedikt XVI. will ein offener Papst sein, und das finde ich gut, egal wie man nun zur kath. Kirche steht. Und das in dem SPO Artikel steht, Zitat: "Mit anderen Worten: Im Jahre VI nach Mohammed Atta wird eine der mächtigsten Personen der Zeitgeschichte im Nahbereich mit zehn Dosen Pfefferspray beschützt." ist für mich reine Polemik. Ich möchte keinen Papst treffen, der von MG-Trägern und mit Uzi´s bewaffneten begleitet wird!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.