Uups! - et orbi Ich bin dann mal da

Die Zahl der Papst-Pilger hat sich in den letzten zwei Jahren halbiert - zum Glück bitten deutsche Ministerpräsidenten munter um Audienzen. Nur schmälert das oft unkatholische Privatleben der Landesfürsten die Chance auf ein offizielles Erinnerungsfoto, weiß Alexander Smoltczyk.


Rom - Man kann sich seine Gäste nicht aussuchen. Auch als Papst nicht.

Aber man kann sie diskret verbergen. Ministerpräsidenten zum Beispiel. Zum Amtsverständnis eines deutschen Politikers gehört, einmal im Leben vom Papst empfangen zu werden. Denn solch ein Foto hängt man sich gern ins Wohnzimmer, jedenfalls lieber als ein Händeschüttelbild mit dem örtlichen Handwerkskammerpräsidenten.

So treffen bei der Vertretung der Bundesrepublik Deutschland beim heiligen Stuhl ständig ebenso ehrenvolle wie lästige Anfragen ein, wonach Ausschussvorsitzender X, Ministerpräsident Y oder Altkanzler Z, da sie zufällig demnächst in Rom sind, gern auch eine Audienz beim Papst der Deutschen haben möchten, am liebsten eine Privataudienz und am allerliebsten mit Gattin und Fotografen.

Buchtipp

Alexander Smoltczyk:
"Vatikanistan"
Eine Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt.

Heyne Verlag, 352 Seiten, 17,95 Euro.

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Und weil es keinen Stalker-Paragrapfen in der Verfassung des Kirchenstaats gibt, wird derartigen Bitten auch in der Regel entsprochen, meistens nach einer Wartezeit von mehreren Monaten. Dann werden die Besuchstermine gebündelt, die Gäste auf verschiedene Räume im Apostolischen Palast verteilt, und der Papst geht im 15-Minuten-Rhythmus von Raum zu Raum und hinterlässt unvergessliche Momente.

Protokollarisch schwierig wird es nur, wenn das Privatleben des Staatsbesuchs nicht sehr katholisch ist. Wie bei einem doch nicht unerheblichen Teil der deutschen Ministerpräsidenten. Als etwa Horst Seehofer kürzlich vorbeikam, am 21. Januar, war es zumindest für ihn "der vielleicht schönste Augenblick in meinem Leben". Das spräche tatsächlich für ein sehr katholisches Privatleben, wenn nicht bekannt wäre, dass Seehofer auch außerehelich ein Kind gezeugt hat, ein Mädchen namens Anna.

Seehofer hat sich für seine alte Familie entschieden, was im Sinne der Kirche ist: pacta sunt servanda. Deshalb gibt es von Horst Seehofer auch ein Audienzfoto als Beweis: Ich war da. Die Staatskanzlei ließ außerdem verbreiten, dass Bayerns Ministerpräsident doppelt so lang mit dem Papst gesprochen hatte als vorgesehen, 30 Minuten.

Kaum hatte der Bayer Rom verlassen, stand schon der Schwabe ante portas. Günther Oettinger hatte laut anklopfen lassen und wollte mindestens genauso viel Privataudienzminuten haben wie der Horst und möglichst auch noch mehr. Aber Oettinger hat nicht nur Frau und Sohn verlassen, sondern lebt seither ohne Scheidung mit der Veranstaltungsveranstalterin Friederike zusammen, die auch mit nach Rom kommen sollte.

Für wilde Ehe hat die Kirche nun überhaupt kein Verständnis. So verständigten sich Botschaft und Staatssekretariat darauf, Oettinger zwar vorzulassen, aber ohne seine Geliebte und (bitterer noch:) ohne offiziellen Fotografen.

Im offiziellen Bildarchiv des "Osservatore Romano" taucht Oettinger also nicht auf, so ähnlich wie Trotzki in den Sowjetarchiven.

Die für Besuchsfragen zuständige Zweite Sektion der Kurie hat jetzt nur noch eine Sorge. Eine große Sorge.

Dass Besuch aus Berlin kommen könnte.


Wieso gibt es im Vatikan ein Standesamt, und warum ist die Kriminalitätsrate dort höher als in São Paulo? Und wie komme ich an der Schweizergarde vorbei? SPIEGEL-ONLINE-Vatikanist Alexander Smoltczyk hat durchs Schlüsselloch des päpstlichen Apartments geblickt und beantwortet gnadenlos alle Fragen, die andere noch nicht einmal zu stellen wagen: "Vatikanistan - Eine Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt" ist jetzt im Buchhandel.

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