Uups! et orbi Sankt Martini, sponsore uns!

Benedikt XVI. lädt eine Menge Künstler - auch tote - in den Vatikan, gesponsert wird das Zusammentreffen von einem Schnapshersteller. Der Papst spricht emphasefrei, wobei es von Vorteil ist, dass ihn wegen der schrecklichen Akustik ohnehin keiner versteht. Rückschau auf eine absurde Versammlung.

Papst Benedikt XVI.: Mit freundlicher Unterstützung von Martini
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Papst Benedikt XVI.: Mit freundlicher Unterstützung von Martini


Gut und schön, diese Kunst, aber: "Zu oft ist die Schönheit, wie sie verbreitet wird, nur Trug und Lüge, oberflächlich und blendend", ja diese Schönheit "weckt die Lust und den Drang nach Macht, nach Besitz und Herrschaft über den anderen. Rasch verkehrt sie sich in ihr Gegenteil, nimmt die Gestalt von Obszönität und Regelverletzung an, wird zur Provokation um ihrer selbst willen."

Das klang wie die FAZ-Besprechung einer Bacon-Ausstellung aus den Adenauerjahren. Doch es sprach der derzeitige Papst, und wenn die Hälfte der Anwesenden bei diesen Worten nicht aufstand und die Sixtinische Kapelle verließ, dann hatte das seinen Grund: "Man hat nichts verstanden. Und ich spreche sehr gut italienisch. Aber die Akustik war entsetzlich", so Peter Stein, der Theaterregisseur, Regelverletzer und Provokateur. Und fuhr fort: "Aber vielleicht wollte der Papst ja auch nicht verstanden werden."

Möglich. Papst Benedikt las seinen Text jedenfalls emphasefrei vom Blatt, vergangenen Samstagmittag, hinter sich das Jüngste Gericht und vor sich rund 250 Schöpfer aus Film, Musik, Wort- und Bauwesen.

Dadaistische Versammlung

Es war eine dadaistische Versammlung von VIPs und Has-beens, grauen Wilden und Unsterblichen der frühen Jahre. Terence Hill versuchte, sich selbst ähnlich zu sehen, Bob Wilson hatte einen Platz in der ersten Reihe, Cees Nooteboom klatschte nur der Höflichkeit halber, vermutlich, weil er der Rede folgen konnte.

Der Berliner Architekt Oswald Mathias Ungers stand zwar auf der Gästeliste, konnte aber nicht kommen, da schon vor zwei Jahren verschieden. Wobei das im Vatikan nicht immer als Entschuldigung gilt.

Uwe Timm wusste überhaupt nicht, wie er auf die Gästeliste geraten war ("Da gab es mal einen Übersetzerpreis, den 'Premio Napoli' ..."). Daniel Libeskind fühlte sich nicht zuständig, aber beeindruckt: "Ich bin jüdisch. Aber es ist immer gut, wenn Grenzen überschritten werden." Der Papst habe klar gemacht, dass "Kunst nicht irgendein kommerzielles Bestreben ist, die Welt zu dekorieren, sondern ein Schlüssel, um die Bedeutung des Lebens auszudrücken".

Neben ihm stand jemand, der aussah wie Angelo Branduardi und als solcher interviewt wurde, es aber nicht war. Ein Russe lief vorbei (Tarkowskij junior stand auf der Gästeliste) und kann jetzt von sich behaupten, einer der wenigen Zeitgenossen zu sein, die dem Papst in der Sixtinischen Kapelle in Latschen und herunterhängenden Jeans gegenübergestanden haben.

"Ich habe nicht alles verstanden"

Der Berliner Künstler Carsten Nicolai kam im grellweißen Cocktailsakko, die Architektin Zaha Hadid in einem dekonstruktiven Chiffonkleid, das an ihren Museumsbau im Flaminia-Viertel erinnerte. Und was sagte sie zu der ästhetischen Theorie von Papst Benedikt? "Ich habe nicht alles verstanden. Aber ich finde, das Räume den Menschen befreien sollen." Und sprach in eines der Mikrofone: "Ich denke, die Tatsache, dass der Papst all diese Leute eingeladen hat, um sich mit ihnen über Kunst auszutauschen, ist eine sehr befreiende Idee."

Dario Fo hatte abgewinkt, dafür war Andrea Bocelli nach der Begegnung mit Seiner Heiligkeit "bewegter, als Worte es ausdrücken können", wenn auch weiterhin blind. Die Gebrüder Taviani trugen Hut, Bill Viola war zu sehen, Peter Greenaway und Irene Papas.

Spiritus rector der Begegnung zwischen Papst und Kunst war Martini, die Schnapsfirma. Denn zu wenig ist bekannt, dass die Wermutproduzenten aus Turin eine der treibenden Kräfte des "italienischen Humanismus" waren, so die Pressemitteilung: "Für Martini & Rossi ist die Kultur vorrangige Meisterin der betrieblichen Zivilisation gewesen", heißt es dort. Dem Vatikan scheint diese Auffassung einzuleuchten, sonst hätte man einen päpstlichen Empfang nicht sponsern lassen.

Anschließend verließen "die herausragendsten Künstler unserer Zeit" (Martini) die Vatikanischen Museen in Richtung Taxis, ein jeder gesegnet und in der Hand einen Plastikbeutel mit einem roten Fläschchen.


Wieso gibt es im Vatikan ein Standesamt, und warum ist die Kriminalitätsrate dort höher als in São Paulo? Und wie komme ich an der Schweizergarde vorbei? SPIEGEL-ONLINE-Vatikanist Alexander Smoltczyk hat durchs Schlüsselloch des päpstlichen Apartments geblickt und beantwortet gnadenlos alle Fragen, die andere noch nicht einmal zu stellen wagen: "Vatikanistan - Eine Entdeckungsreise durch den kleinsten Staat der Welt" ist jetzt im Buchhandel.



insgesamt 19 Beiträge
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hermesgolf 26.11.2009
1. ars longa, vita brevis
Zitat von sysopBenedikt XVI. lädt eine Menge Künstler - auch tote - in den Vatikan, gesponsert wird das Zusammentreffen von einem Schnapshersteller. Der Papst spricht emphasefrei, wobei es von Vorteil ist, dass ihn wegen der schrecklichen Akustik ohnehin keiner versteht. Rückschau auf eine absurde Versammlung. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,663682,00.html
wenn ein großinvestor ruft, müssen natürlich alle architekten kommen. auch naht wohl die zeit, dass kirchen in museen, hotels, cafes und wohnungen konvertieren müssen. es gibt viel zu tun... was die kunst angeht, haben die päbste auch deren dienste immer gern in anspruch genommen. schließlich sind sie die erfinder des comic, sieht man sich allein die sixt. kapelle an;o)
Mr. Chris 26.11.2009
2. Einfach geschmacklos, nicht der Martini, sondern Sie Herr Schmierenfink
Nichts ist einfacher als sich über den Papst lustig zu machen. Das konnte man in dieser Kolumne schon oft "bewundern". Doch jetzt haben Sie eine neue Dimension der Geschmacklosigkeit erreicht. Ist so etwas nötig? Ich habe schon einige Berichterstattungen über diese Veranstaltung im Vatikan gelesen bzw. gehört. Es ist jedoch das Niveau einer schlecht gemachten Schülerzeitung auf dem sie hier ihre billigen Witzchen produzieren. Der Hinweis auf den blinden Künstler Andrea Bocelli, der auch nach dieser Veranstaltung ohne Sehvermögen ist, ist ein Beispiel Ihres schlechten Journalismus. Kritik am Papst, an seiner Politik, seinen Dogmen, ist bestimmt angebracht. Doch die Art und Weise wie Sie mit diesem Thema umgehen ist dem SPIEGEL einfach nicht würdig. Chris the Indian
PML, 26.11.2009
3. Angemessener Spott
Auch letztes Mal, als die Kirche den Großsponsor gab, war wohl so zwischen 1470 und dem Bauabschluss des Petersdoms, war der Preis recht hoch - wenn man die Eskalationsspirale von Ablasshandel über "Hexen"verfolgung und Gegenreformation bis in den 30-jährigen Krieg bedenkt. Ich halte diesen verschrobenen Bayern für einen gefährlichen Fanatiker und Menschenhasser. Jeder Künstler sollte sich schon überlegen, mit welchem möglichen Auftraggeber er sich da einlässt ...
mm01 26.11.2009
4. Revanche
Zitat von Mr. ChrisNichts ist einfacher als sich über den Papst lustig zu machen. Das konnte man in dieser Kolumne schon oft "bewundern". Doch jetzt haben Sie eine neue Dimension der Geschmacklosigkeit erreicht. Ist so etwas nötig? Ich habe schon einige Berichterstattungen über diese Veranstaltung im Vatikan gelesen bzw. gehört. Es ist jedoch das Niveau einer schlecht gemachten Schülerzeitung auf dem sie hier ihre billigen Witzchen produzieren. Der Hinweis auf den blinden Künstler Andrea Bocelli, der auch nach dieser Veranstaltung ohne Sehvermögen ist, ist ein Beispiel Ihres schlechten Journalismus. Kritik am Papst, an seiner Politik, seinen Dogmen, ist bestimmt angebracht. Doch die Art und Weise wie Sie mit diesem Thema umgehen ist dem SPIEGEL einfach nicht würdig. Chris the Indian
Ich würde mir wünschen, dass man sich mal über diverse Imame oder Hassprediger in unserer, ach so freien, Presse äussern würde. Aber da fehlt wahrscheinlich der Mut und hat Angst vor den Konsequenzen. Sicherlich werden jetzt alle Katholiken Flaggen verbrennen und zum Mord/zur Fatwa von Herrn Alexander Smoltczyk aufrufen. Oder verwechsle ich da was?
hermesgolf 26.11.2009
5. umschalten
Zitat von Mr. ChrisNichts ist einfacher als sich über den Papst lustig zu machen. Das konnte man in dieser Kolumne schon oft "bewundern". Doch jetzt haben Sie eine neue Dimension der Geschmacklosigkeit erreicht. Ist so etwas nötig? Ich habe schon einige Berichterstattungen über diese Veranstaltung im Vatikan gelesen bzw. gehört. Es ist jedoch das Niveau einer schlecht gemachten Schülerzeitung auf dem sie hier ihre billigen Witzchen produzieren. Der Hinweis auf den blinden Künstler Andrea Bocelli, der auch nach dieser Veranstaltung ohne Sehvermögen ist, ist ein Beispiel Ihres schlechten Journalismus. Kritik am Papst, an seiner Politik, seinen Dogmen, ist bestimmt angebracht. Doch die Art und Weise wie Sie mit diesem Thema umgehen ist dem SPIEGEL einfach nicht würdig. Chris the Indian
dann schalten sie doch einfach um. (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,663736,00.html). der inhalt dieses artikels ist an ekel und schamlosigkeit nicht zu übertreffen, oder?
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