Priesterkinder Vatikan räumt Existenz eines geheimen Regelwerks ein

Priester sind der Keuschheit verpflichtet. Doch trotz des Zölibats zeugen manche von ihnen Kinder. Jetzt hat ein Vatikansprecher erstmals zugegeben, dass es im Vatikan Richtlinien für solche Fälle gibt.

Turmspitze einer katholischen Kirche in Wallersdorf
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Turmspitze einer katholischen Kirche in Wallersdorf


Wie viele Kinder haben katholische Priester in der Vergangenheit gezeugt? Und was wusste die Kirchenleitung darüber? Diese Frage beschäftigt den Psychotherapeuten Vincent Doyle, seit er mit 28 erfuhr, dass sein Patenonkel - ein Priester - in Wahrheit sein leiblicher Vater ist.

"Diese Kinder sind überall", sagte Doyle jetzt der "New York Times". "Das ist der nächste Skandal." Nachdem er von seinem Schicksal erfahren hatte, gründete der Arzt aus Irland die weltweite Kinderschutzorganisation "Coping International". Als er die katholische Kirche aufforderte, die Priesternachkommen endlich anzuerkennen, hieß es zunächst, solche Fälle seien sehr selten.

Im Oktober 2017 habe ihm ein Bischof dann ein kircheninternes Dokument gezeigt, dass sich mit der Frage befasste: Richtlinien aus dem Vatikan, wie mit Priestern, die Kinder gezeugt haben, umzugehen sei. Für Doyle war es der Beweis, dass er kein Einzelfall ist. Er bat um eine Kopie des Schreibens, dies wurde ihm jedoch mit Hinweis auf die Vertraulichkeit verweigert.

Jetzt hat der Vatikan bestätigt, dass es ein solches Dokument gibt. "Ich kann bestätigen, dass es diese Richtlinien gibt", antwortete Vatikan-Sprecher Alessandro Gisotti auf eine entsprechende Anfrage der "New York Times". "Es ist ein internes Dokument." Demnach werde den betroffenen Geistlichen empfohlen, ihr Amt ruhen zu lassen, um Verantwortung als Elternteil zu übernehmen und sich ausschließlich dem Kind zu widmen.

Ab Donnerstag werden in Rom die Chefs der nationalen Bischofskonferenzen zusammenkommen, um über Missbrauchsaufarbeitung, -verfolgung und -prävention zu sprechen. Geheimhaltung und Vertuschung sind dabei ebenso Thema wie bei den Priesterkindern.

Schwanger durch Vergewaltigung

Viele der Betroffenen nutzten inzwischen DNA-Tests, um ihre wahren Eltern zu konfrontieren, berichtet die "New York Times". Der Betroffene Doyle wird im Vatikan mit verschiedenen Prälaten zusammenkommen, um für das Thema zu sensibilisieren.

Nicht alle Kinder entstammen innigen Beziehungen. Auch vergewaltigte Frauen, unter ihnen Nonnen, wurden schwanger von Priestern. Papst Franziskus hat vor Kurzem Vergewaltigung und Missbrauch von Nonnen durch katholische Priester zugegeben. "Ich weiß, dass Priester und auch Bischöfe das getan haben. Und ich glaube, es wird immer noch getan", sagte er. Der Vatikan sei seit Jahren mit dem Problem befasst.

Die Oberen von Männer- und Frauenorden der katholischen Kirche haben vor dem Missbrauchstreffen im Vatikan ihr eigenes Versagen bei der Aufklärung eingeräumt. "Wir senken die Köpfe in Scham, dass Missbrauch in unseren Kongregationen und Orden stattgefunden hat", teilten die Weltdachverbände der Generaloberen (USG) und Generaloberinnen (UISG) in Rom mit. "Unsere Scham wird verstärkt dadurch, dass wir nicht realisiert haben, was vor sich geht." Die Ordensverantwortlichen hätten versagt und die Warnzeichen nicht ernst genommen.

ala



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