Vatikan Kardinal verteidigt Wiederaufnahme Williamsons

"Ist es eine Sünde, eine Dummheit zu sagen?" Der vatikanische Gesundheitsminister Kardinal Javier Lozano Barragán hat die kirchliche Wiederaufnahme des Holocaust-Leugners Williamson verteidigt. Dafür müsse niemand exkommuniziert werden.


Madrid - "Jeder Mensch, jeder von uns kann eine Dummheit sagen. Aber muss man dafür exkommuniziert werden? Ist es eine Sünde, eine Dummheit zu sagen?" Dies sei nur der Fall, wenn man es bewusst und böswillig tue, sagte Lozano Barragán der spanischen Zeitung "El Mundo". Williamson habe zwar eine "Dummheit" begangen, dafür müsse aber niemand exkommuniziert werden, so der 76-jährige Mexikaner.

Kardinal Barragán: "Wir haben kein FBI"
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Kardinal Barragán: "Wir haben kein FBI"

Außerdem werde niemand wegen einer Sünde aus der katholischen Kirche ausgeschlossen, sondern wegen schwerer Verstöße gegen deren Lehren. Papst Benedikt XVI. habe überdies vielfach klargemacht, dass er die Sichtweise Williamsons nicht teile. Auf die Frage, wie es sein könne, dass der Papst nichts von den Thesen Williamsons gewusst habe, die Vatikanverwaltung also nicht funktioniere, antwortete Lozano Barragán in Anspielung auf die US-Bundespolizei: "Wir haben eben kein FBI."

Inzwischen scheint die Zustimmung für Papst Benedikt XVI. in der deutschen Bevölkerung nach dem Eklat zu bröckeln. Hatten beim Amtsantritt von Joseph Ratzinger als Papst im April 2005 noch fast zwei Drittel der Deutschen (63 Prozent) von einer guten Wahl gesprochen, so sind jetzt nur noch 42 Prozent mit seiner Arbeit sehr zufrieden oder zufrieden. Dies ergab eine repräsentative Umfrage von Infratest dimap Anfang der Woche im Auftrag der ARD-"Tagesthemen".

Für die Sendung am Donnerstagabend hatten die Meinungsforscher 1000 Bundesbürger befragt. Zudem wurde bekannt, dass Benedikt im nächsten Jahr nach Deutschland kommen will - zu den Feierlichkeiten 20 Jahre Deutsche Einheit.

Auf großes Unverständnis stieß die Entscheidung des Papstes, die Exkommunikation von Williamson und drei weiteren Bischöfen der erzkonservativen Piusbruderschaft aufzuheben. Fast zwei Drittel der Befragten (65 Prozent) sprachen sich dafür aus, Williamson wieder aus der katholischen Kirche auszuschließen. Lediglich jeder Vierte (27 Prozent) sagte, er könne in der Kirche bleiben, dürfe aber kein Amt ausüben.

Williamson bestreitet die historische Tatsache, dass in den Gaskammern der Nazis sechs Millionen Juden ermordet wurden. Der päpstlichen Forderung nach Widerruf ist der Brite bisher nicht nachgekommen.

Die Affäre hat nach Ansicht von Vatikansprecher Federico Lombardi Kommunikationsdefizite in der Kurie offengelegt. Zugleich nahm Lombardi in der französischen katholischen Tageszeitung "La Croix" Papst Benedikt XVI. in Schutz. In der Vatikanverwaltung müsse erst noch eine "Kultur der Kommunikation" geschaffen werden.

Jede Abteilung kommuniziere eigenständig, ohne zwangsläufig an eine Zusammenarbeit mit der Presseabteilung des Vatikan zu denken. Ehrlich gesagt, sei es ein "heikler Punkt", wer die Meinung Williamsons gekannt habe, meinte Lombardi. Papst Benedikt XVI. habe das nicht gewusst. Wenn es jemandem bekannt gewesen sei, sei es der Präsident der zuständigen Päpstlichen Kommission, Kardinal Darío Castrillon Hoyos, gewesen.

Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, kritisierte scharf den mangelnden Informationsfluss im Vatikan. Bei der Aufhebung der Exkommunikation des Holocaust-Leugners Williamson habe man "den Papst leichtfertig ins Messer laufen lassen", sagte Zollitsch am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner". Kardinal Hoyos hätte sich vergewissern müssen, "was für Personen" die betroffenen vier Mitglieder der Piusbruderschaft seien. Dass dies nicht geschehen und der Papst nicht informiert worden sei, sei "ein offenes Versagen".

Nach einem Bericht des "Kölner Stadt-Anzeigers" bleibt die Piusbruderschaft auf Konfrontationskurs. Für Ende Juni seien bereits die nächsten Priesterweihen angesetzt, obwohl solche Weihen den vier abtrünnigen Bischöfen der Bruderschaft verboten seien, berichtete die Zeitung. Bischofsweihen führen nach dem Kirchenrecht automatisch zur Exkommunikation, Priesterweihen werden als geringere Vergehen geahndet.

Der Papst und die Piusbruderschaft
Papst
Der Papst ist das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und des Staates Vatikanstadt . Als Völkerrechtssubjekt wird das Kirchenoberhaupt Heiliger Stuhl genannt. Zur Leitung und Verwaltung der Kirche sind dem Papst verschiedene kirchliche Behörden unterstellt, die zusammen die römische Kurie bilden.
Der Papst wird im Konklave , einer Versammlung von Kardinälen , auf Lebenszeit gewählt – als Stellvertreter Jesu Christi auf Erden.
Amtssitz des Papstes ist der Vatikan. Seit 1871 residiert er im Apostolischen Palast neben dem Petersdom .
Römische Kurie
Die wichtigste politische Einrichtung der römischen Kurie ist das Staatssekretariat , das die gesamte Tätigkeit der Kurie und der außenpolitischen Beziehungen des Heiligen Stuhls koordiniert. Es ist in zwei Abteilungen – eine Art Innen- und ein Außenministerium – gegliedert. Beide leitet der Kardinalstaatssekretär – derzeit Tarcisio Bertone . Er wird vom Papst eingesetzt.
Die höchsten Verwaltungsbehörden sind die neun Kurienkongregationen , die nach Sachgebieten gegliedert sind – so gibt es eine für die Glaubenslehre, eine für Gottesdienst und die Sakramente, eine für die Ostkirchen, eine für die Mission etc.
Zur Kurie gehören auch drei Gerichtshöfe für katholisches Kirchenrecht: der Oberste Gerichtshof der Apostolischen Signatur , die Apostolische Pönitentiarie und die Rota Romana .
Außerdem setzt der Heilige Stuhl Päpstliche Räte ein, die keine Regierungsfunktion haben, sondern der Information und der Kontaktpflege auf verschiedenen Gebieten dienen. So befasst sich ein Päpstlicher Rat mit den Laien, einer mit der Einheit der Christen, der Interpretation von Gesetzestexten usw.
Ämter der Kurie sind die Apostolische Kammer , die Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls und die Präfektur für die Wirtschaftsangelegenheiten des Heiligen Stuhls .
Mit der römischen Kurie verbunden sind verschiedene Institutionen, darunter das Vatikanische Archiv , die Vatikanische Bibliothek und Radio Vatikan .
Piusbrüder
Die Piusbruderschaft ist eine der bedeutenderen Abspaltungen der katholischen Kirche . Sie wurde 1970 von dem konservativen und später exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet und lehnt ab, zentrale Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen: Sie verweigert sich gegen die Anpassung an die moderne Welt, weshalb die Piusbrüder ihre Messen bis heute auf Latein lesen, und lehnt Religionsfreiheit und Ökumene ab. Nach jahrelangem Streit mit Rom kam es 1988 zum Schisma . Papst Johannes Paul II. exkommunizierte den Gründer Lefebvre und vier weitere Bischöfe. Im Januar hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation auf.
Antisemitismus
Leitende Brüder der konservativen Piusbruderschaft halten daran fest, dass die Juden kollektiv schuld am "Gottesmord" , der Kreuzigung Jesu Christi, sind – ein zentrales Motiv des Antisemitismus .
Indem Papst Benedikt XVI. die Piusbrüder zurück in den Schoß der katholischen Kirche aufnahm, geriet er selbst unter Antisemitismusverdacht.
Besonders belastet wurde die Beziehung zwischen Vatikan und jüdischen Organisationen jedoch durch einen Ausspruch des britischen Piusbruders Bischof Richard Williamson : Er hatte in einem TV-Interview den Holocaust und die Existenz von Gaskammern geleugnet.

jdl/dpa

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