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Kritik am Papst: "Es geht um die Wurst"

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Kritik an Franziskus "Der Papst kocht"

Getrübte Vorweihnachtsfreude im Kreis der Kardinäle: Die Kritik an Franziskus nimmt zu. Es gehe "um die Wurst", sagt ein Kardinal, um die Auslegung der Heiligen Schrift. Auch Papst-Anhänger gehen auf Distanz.

Psalm 118 klingt nach guter Laune. "Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat, wir wollen jubeln", liest feierlich Kardinaldekan Angelo Sodano aus dem Alten Testament vor und blickt erwartungsvoll hinüber zum Papst. Der starrt nur ins Leere.

Es ist der vergangene Samstagmorgen kurz nach acht in der Paulinischen Kapelle des Vatikans. Eine halbe Hundertschaft in Rom lebender Kardinäle, violette Prunkgewänder und Purpurkappen so weit das Auge reicht, ist angetreten, um Papst Franziskus mit einem gemeinsamen Gottesdienst zu ehren - aus Anlass seines 80. Geburtstags.

Wie sie da sitzen, die Würdenträger unter dem Michelangelo-Fresko von der Kreuzigung Petri, und auf den mächtigen Mann links vom Altar schauen, ist die Distanz fast mit Händen zu greifen. "Seien Sie versichert, dass wir Ihnen nahe sind", sagt der Kardinaldekan zu Franziskus - doch die Beteuerung klingt seltsam hohl.

Wenige Meter von der Paulinischen Kapelle entfernt, über der Sakristei des Petersdoms, verharrt derweil ein betagter deutscher Prälat: Walter Brandmüller hat sich wegen Gebrechlichkeit entschuldigen lassen und dem Papst stattdessen schriftlich gratuliert. Es ist der zweite Brief binnen Kurzem, den der bald 87-jährige deutsche Kardinal an Franziskus geschickt hat.

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Kritik am Papst: "Es geht um die Wurst"

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Das erste Schreiben vor allem hatte es in sich: Brandmüller und drei Kardinalskollegen, der Deutsche Joachim Meisner, der Amerikaner Raymond Burke und der Italiener Carlo Caffara, forderten darin den Papst unmissverständlich auf, fünf "Dubia" auszuräumen - Zweifel in Bezug auf das apostolische Schreiben "Amoris Laetitia". Nur so sei der "ernsthaften Orientierungslosigkeit und großen Verwirrung" unter den Gläubigen beizukommen.

Dass das Schreiben an den Pontifex persönlich und nur in Kopie an die eigentlich zuständige Glaubenskongregation unter Leitung des Deutschen Gerhard Ludwig Müller gerichtet war, zeigt, wo der konservative Katholiken-Flügel den Hauptstörenfried ortet. Papst Franziskus hat auf den zulässigen, aber Aufsehen erregenden Schritt seiner Glaubensbrüder mit der Höchststrafe reagiert - er ignoriert ihr Schreiben und verweigert jede Antwort.

"Es geht um den Kern des Ganzen"

Allenfalls in einer Passage seiner Weihnachtsansprache vor der Kurie am Donnerstag ließ Franziskus erkennen, dass er sich getroffen fühlt: Von "böswilligen Formen des Widerstands" sprach er da, die darauf abzielten, unter dem Deckmantel des Kampfes für Tradition und Formalität Anklage gegen ihn zu erheben.

"Der Papst kocht", sagt der britische Vatikanist Edward Pentin, der Quellen aus dem Gästehaus Santa Marta ins Feld führt, wo Franziskus wohnt. Im Kern des Disputs steht, vordergründig, eine Fußnote zur Frage, ob wiederverheiratete Geschiedene zur Heiligen Kommunion zugelassen werden sollten. In Wahrheit aber, sagt Walter Kardinal Brandmüller in seiner Wohnung neben dem Petersdom, "geht es hier salopp gesagt um die Wurst - nämlich um den Kern des Ganzen, um die Glaubenslehre".

Der Papst und der ihm theologisch nahestehende Kardinal Walter Kasper neigten dazu, zentrale Gebote des katholischen Glaubens aufzuweichen und die Auslegung im Alltag Bischöfen und Priestern vor Ort zu überlassen. Das greife das Fundament der Weltkirche an: "Wer fortgesetzten Ehebruch und den Empfang der Heiligen Kommunion für vereinbar hält, ist Häretiker und treibt das Schisma voran." Die Heilige Schrift, so Brandmüller, sei kein Selbstbedienungsladen: "Wir sind laut dem Apostel Paulus Verwalter der Geheimnisse Gottes, nicht aber Verfügungsberechtigte."

"Chaos pur"

Der erste Eindruck: Ein paar starrsinnige, greise Kardinäle laufen da wieder einmal Sturm gegen den ungebrochen reformfreudigen Papst. Doch diesmal, so scheint es, steht mehr auf dem Spiel. Franziskus wirkt zunehmend einsam, vom Widerstand in der Kurie und vom mangelnden Mut zur Veränderung an der Basis zermürbt. "Den Bergoglio, den sie 2013 gewählt haben, erkennen viele im Franziskus von 2016 nicht wieder", sagt ein Vertrauter des Papstes.

Das abgelaufene Heilige Jahr der Barmherzigkeit, "ein Thema, das alles abdeckte, aber auch alles offenließ", sei bei den Besucherzahlen weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Auch der Umbau der Kurie kommt nur stockend voran - aus einzelnen Ämtern wird "Chaos pur" vermeldet. Und die ungebrochene Redseligkeit des Papstes bereitet zusätzliche Probleme: Dass er den Medien und ihrem Publikum zuletzt eine "Neigung zur Koprophagie" - zum Verzehren von Exkrementen - unterstellte, befremdete selbst Franziskus-Anhänger.

Noch ringt der Pontifex aus Argentinien um sein Vermächtnis. Noch brennt bei ihm in Santa Marta schon morgens gegen fünf das Licht, wenn in den Gemächern der greisen Kardinäle rundum noch Stille herrscht und nur das Gekreisch der Möwen über Sankt Peter zu hören ist. Aber viel Zeit zur Veränderung bleibt Franziskus nicht mehr. Die maximale Amtszeit, die er sich einst selbst verordnet hat - "vier oder fünf Jahre" - ist bald abgelaufen.

Die Papst-Kritiker, inner- und außerhalb der Vatikanischen Mauern, dürfen sich trotzdem weiter auf Überraschungen gefasst machen. Im kleinsten Kreis soll Franziskus sich selbstkritisch schon so erklärt haben: "Nicht ausgeschlossen, dass ich als derjenige in die Geschichte eingehen werde, der die katholische Kirche gespalten hat."